Kriegsdrohungen aus dem inneren Kreis

Richard Kiessler

Pjöngjang. Richard Kiessler reist durch Nordkorea und beschreibt das Land. In Teil 5 seines „Nordkoreanischen Tagebuches“ geht es um die Begegnung mit einem mächtigen Mann, der eigentlich auch Deutsch sprechen könnte.

Wir werden vom Präsidenten der obersten Volksversammlung, Nordkoreas gewöhnlich nur zweimal im Jahr tagenden Parlaments, zu einem „Protokollbesuch“ empfangen. Chol Tae Bok ist ein feinsinniger älterer Herr von über 70 Jahren, der lächelt und nickt, als ich mich vorstelle. Er sei erfreut, lässt er mich über den Dolmetscher wissen, einen Vertreter der WAZ Mediengruppe zu begrüßen.

Herr Chol hätte das auch auf Deutsch sagen können, denn er hat ab 1958 in der DDR studiert und dort auch seinen Doktor gemacht. In der Machthierarchie Nordkoreas ist er als Präsident der obersten Volksversammlung nicht nur protokollarisch hoch angesiedelt und obendrein ZK-Sekretär für Wissenschaft. Herr Chol ist einer aus dem inneren Kreis der Macht.

„Das Volk folgt ihm mit ganzem Herzen“.

Er spricht über die „sehr, sehr angespannte Lage“ zwischen Nord- und Südkorea. Er macht deutlich, dass sich der Norden vom Süden einer arroganten Behandlung ausgesetzt sieht, seit der Konservative Lee Myung Bak 2008 dort Präsident ist und mit der versöhnenden „Sonnenscheinpolitik“ seines Vorgängers und Friedensnobelpreisträgers Kim Dae Jong gebrochen hat (allerdings ist Lees harte Haltung vor wenigen Tagen von Südkoreas Wählern, insbesondere den jungen, abgestraft worden: Bei den Provinzwahlen musste seine Partei eine herbe Niederlagen einstecken).

Die andauernde Eiszeit zwischen den beiden Koreas „ist nicht unser Wunsch“, lässt uns der freundliche Herr Chol wissen. Doch von der harten Linie des Nordens weicht auch dieser Topfunktionär keinen Deut ab. Als wolle er sich auf sicheren ideologischen Boden begeben, preist er unvermittelt den „Geliebten Führer“: „Wir sind angesichts der klugen Führung unseres Generals zuversichtlich. Das Volk folgt ihm mit ganzem Herzen“.

Höfliches Desinteresse der Russen

Ob das stimmt? Anhaltspunkte dafür können wir nicht gewinnen. Wir bleiben ohne Kontakt zur nordkoreanischen Bevölkerung. Und die wenigen Ausländer und Diplomaten in Pjöngjang, denen wir begegnen, wissen selbst nach jahrelangem Aufenthalt nicht, was in diesem abgeschotteten Land wirklich vor sich geht.

Nur wenn man einen der Offiziellen auf frühere sozialistische Bruderländer anspricht, grenzen sie sich offen ab. So lästert meine treuer Begleiter Lee: „Wenn es früher in Moskau regnete, haben die Osteuropäer den Schirm aufgespannt, auch wenn es bei denen gar nicht regnete“. Mit den Russen hatten die Nordkoreaner bis zum Zusammenbruch des Sowjetimperiums einen „Freundschafts- und Beistandspakt“. Das Wort „Beistand“ wurde inzwischen gestrichen. Die verbliebene Freundschaft gleicht einem höflichen Desinteresse der Russen, die vor allem an Geschäften mit Südkorea interessiert sind.

Das eigentliche Machtzentrum Nordkoreas

Auch mit dem chinesischen Weg zur Marktwirtschaft möchten sich Nordkoreas Kommunisten nicht vergleichen: „Die Chinesen gehen ihren Weg, wir den unsrigen“, sagt der Genosse Park fast empört, als ich ihm von den Erfolgen Chinas berichte, an dessen Tropf Nordkoreas marode Wirtschaft schließlich hängt.

Am Nachmittag dann eine Überraschung. Der „Nationale Verteidigungsrat“ lädt kurzfristig und überraschend zu einer „Pressekonferenz“ und ich kann, als ich nachfrage, dabei sein.

Das 12köpfige, streng geheime Gremium unter der Leitung des „Geliebten Führers“ ist das eigentliche Machtzentrum Nordkoreas. Selbst japanische oder südkoreanische Nordkorea-Spezialisten wissen nicht genau, wer dazu gehört.

„Es ist gut, dass wir nukleare Waffen haben“

Im prunkvollen Kulturpalast wird uns Generalmajor Ban Rim Su vorgestellt. Der Uniformierte begrüßt knapp das versammelte Diplomatische Chor und die zahlreichen Militärs in den hinteren Reihen. Wir Journalisten sind eine kleine Minderheit bei dieser „Pressekonferenz“ – eine Handvoll Kollegen aus Nordkorea (die schriftlich fixierte Fragen ablesen), je ein Kollege aus China und Russland sowie zwei deutsche Medienvertreter.

Das Thema war vorhersehbar: Der Streit um die Versenkung der südkoreanischen Fregatte „Cheonan“. Wir erfahren über eineinhalb Stunden nichts substantiell Neues – nur eben, garniert von starken Worten, die offizielle nordkoreanische Position: „Wir sind in einer extrem schwierigen Situation“, sagt General Ban, „in der jederzeit ein Krieg ausbrechen kann“. Später fügt er hinzu: „Es ist gut, dass wir nukleare Waffen haben“.

Nordkorea will ernst genommen werden

Die eigentliche Botschaft aber lautet: Nordkorea erheischt internationale Aufmerksamkeit, fühlt sich offenbar an die Wand gespielt, will ernst genommen werden – selbst in der noch immer undurchsichtigen „Cheonan“-Affäre, die 46 südkoreanischen Seeleute das Leben gekostet hat.

In einem ist dem nordkoreanischen General zuzustimmen: Es ist die geostrategische Lage, die das seit dem Koreakrieg 1953 geteilte Land „mit dem Frieden in der Welt verbunden“ sein lässt. Doch die Lage ist wie sie ist – verfahren: Seit 2008 hat Kim Jong Il mit seinem zweiten Kernwaffenversuch (Kosten: 300 Millionen Dollar) seinen Herrschaftsbereich in die Isolation bugsiert. Und der südkoreanische Nachbar hat ebenfalls die Abkehr vom Versöhnungskurs zur Hauptlinie seiner Politik gemacht. Man hat sich auf eine lang anhaltende Teilung Koreas eingerichtet.

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