Klangfarbe nach Gehör

Maria Raudszus
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Die Orgel von St. Vincentius schweigt seit Wochen. Sie wird saniert. Ab Sonntag um 17 Uhr soll sie wieder den Ton angeben.

Mehr. Die Orgel von St. Vincentius Mehr schweigt während der Gottesdienste. Noch. Aber wer jetzt um das Gotteshaus herum spaziert, der hört schon wieder einzelne Töne. Intonateur Jan Timmermans bringt das Instrument Pfeife für Pfeife wieder zum Klingen. Eine Arbeit, die ein feines Gehör voraussetzt. Während man die Tonhöhe üblicherweise maschinell festlegt, ist das bei der Einstellung der Klangfarbe nicht möglich. „Das hat nämlich auch etwas mit Geschmack zu tun“, erklärt Timmermans. Sein Ziel: Der Mehrer Orgel wieder ihren optimalen Klang zu geben.

Klang ist nicht gleich Klang

Dabei ist Klang längst nicht gleich Klang. Jede Epoche bevorzugte ein jeweils eigenes, spezielles Klangbild. Dementsprechend sind die Orgeln gebaut worden. Moderne Orgeln versuchen die Klangideale des Barocks und der Romantik zu verbinden, um die Interpretationen aller Musikstile möglich zu machen. Dies gilt auch für die Mehrer Orgel, die 1988 von der niederländischen Firma Verschueren entworfen, ge- und eingebaut wurde. „Schon damals waren wir beide hier vor Ort“, sagt Timmermans Kollege Jacques van der Aart, in der Heythuysener Firma zuständig ist für die Entwürfe neuer Orgeln und für Zeichnungen technischer Details.

„Müde“, so beschreibt es Kantor Klaus Lohmann, hatte die Mehrer Orgel zuletzt geklungen. Lohmann waren auch sichtbare Schäden aufgefallen. „Durch Materialermüdung waren einige Pfeifen in ihren Fuß gesackt“, so Lohmann. Also wurde die Firma Verschueren informiert. Bei näherer Betrachtung stellten die Fachleute fest, dass einige Bleirohre teilweise oxidiert waren. Man spricht auch von Bleifraß. „Der setzt sich fort, wenn man ihm nicht Einhalt gebietet“, erklärt van der Aart. Von innen nach außen frisst sich die Oxidation weiter, die schließlich die Rohre aufplatzen lässt. Der Wind wird nicht mehr in Gänze durchs Rohr geblasen, sondern durch die entstandene Schadstelle teilweise abgeleitet. Was das Instrument kraftlos klingen lässt.

Organist Klaus Lohmann war nicht wirklich überracht. „Es war deutlich zu hören, dass die Windzufuhr durch die Rohre nicht mehr optimal war“, sagt er. Er vermisste den vollen runden Klang. Die Fachleute stellten zudem eine Verschmutzung des Instruments durch Ruß und Staub fest.

Mehr Zinn soll Rohre haltbarer machen

Der Kirchenvorstand entschied aufgrund des Schadensbildes, die Orgel komplett überholen zu lassen. „Weil für die Sanierung eh viele Pfeifen hätten ausgebaut werden müssen“, sagt Lohmann.

Jedes Rohr ist inzwischen von Hand gereinigt, die schadhaften sind ersetzt. Dabei wurde ein höherer Anteil an Zinn eingesetzt, der die Rohre haltbarer macht.

Wenn alles klappt, sind die Fachleute in der nächsten Woche zum letzten Mal vor Ort. Am Sonntag soll das Instrument dann erstmals nach seiner Restaurierung wieder erklingen in der Messe um 17 Uhr.