Kindeswohl muss im Fokus stehen

Erneut haben Forscher kritische Anmerkungen zum Betreuungsgeld zu Papier gebracht. Die geplante staatliche Leistung – vulgo: Herdprämie – gefährde den dringend notwendigen Ausbau von Krippenplätzen in Deutschland, heißt es im aktuellen nationalen Bildungsbericht. Zuvor haben sich zahlreiche andere dazu berufene Institutionen gegen das Prestige- und Profilierungsprojekt der CSU ausgesprochen; der Kinderschutzbund, beispielsweise, oder das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen oder die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Und ja, die Kritiker haben natürlich recht: Das Betreuungsgeld birgt erstens die Gefahr, dass ausgerechnet jene Kinder nicht in den Genuss frühkindlicher Bildung kommen, die eine solche dringend nötig hätten. Wer arm ist – und das sind Menschen aus den sogenannten bildungsfernen Schichten häufig –, wird nicht selten die Chance eines zusätzlichen Einkommens ergreifen, statt sein Kind in die Kita zu schicken. Vor allem, wenn ohnehin nicht genügend Plätze da sind.

Zweitens: Ein Mangel an Krippenplätzen zementiert die Chancenungleichheit zwischen den Geschlechtern – Frauen müssen sich um die Kinder kümmern, Männer machen Karriere. Insofern ist es gut, dass sich auch die Arbeitgeber in seltener Eintracht mit den Gewerkschaften gegen das Betreuungsgeld aussprechen und ihren Mitarbeitern Kinderbetreuung ermöglichen – ob in firmeneigenen Kitas oder durch die Zahlung einer Prämie, die gezahlt wird, wenn der Nachwuchs in eine öffentliche Kita geht.

Gleichwohl darf nicht der Fokus verrutschen: Im Mittelpunkt der Diskussion um das Betreuungsgeld und den Krippenausbau müssen Kindeswohl und Wege zur Chancengleichheit stehen. Es geht nicht allein darum, ob Kinder außerhalb des Elternhauses betreut werden können, sondern vor allem darum, wie. Wirtschaftliche Erwägungen – Fachkräftemangel! – dürfen nicht in den Vordergrund rücken und pädagogische verdrängen. Wohin es führt, wenn wirtschaftliche Interessen zu viel Gewicht bekommen, haben die Irrwege im Bildungssystem gezeigt, siehe Turbo-Abitur, siehe Bachelor-Studium: zu einer gnadenlose Ökonomisierung.

 
 

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