Karstadt ist gerettet

„Karstadt seit 1881" - die zahlungsunfähige Kaufhaus-Kette blickt auf eine lange Tradition zurück  Foto: ddp
„Karstadt seit 1881" - die zahlungsunfähige Kaufhaus-Kette blickt auf eine lange Tradition zurück Foto: ddp
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Essen.. Die Karstadt-Rettung ist perfekt: Alle Highstreet-Investoren haben inzwischen die Einigung zur Übernahme des Konzerns durch Berggruen unterschrieben. Das teilte das Bundesarbeitsministerium mit.

Das monatelange Ringen um die Rettung der Warenhauskette Karstadt ist zu einem guten Ende gekommen. Das Bundesarbeitsministerium teilte am Freitag mit, die Einigung auf die Übernahme des Karstadt-Konzerns sei „nunmehr durch alle nötigen Unterschriften bestätigt“. Es lud für den Mittag zu einem Pressetermin mit Ressortchefin Ursula von der Leyen und dem Karstadt-Investor Nicolas Berggruen ein.

Das Amtsgericht Essen, das über den Insolvenzplan für Karstadt entscheidet, hatte zuvor mitgeteilt, es fehlten noch zwei Unterschriften der Geldgeber des Warenhaus-Vermieters Highstreet. Damit sei der Mietvertrag noch nicht in Kraft, den der Investor Berggruen für die Übernahme der Warenhauskette mit den Eigentümern der Immobilien ausgehandelt hatte.

Die erlösende Nachricht kam gegen 18 Uhr

Görg hatte schon das Szenario für das Aus der insolventen Kaufhaus-Kette ausgearbeitet. Die Liquidation, also den Verkauf von Karstadt-Teilen bis Frühjahr 2011, wollte Görg am Donnerstag Abend Karstadts Gläubigern erläutern – sollte eine schlechte Vorahnung wahr werden.

Gegen 18.00 Uhr kam dann eine erlösende Nachricht – auch für die 25 000 Mitarbeiter, die seit Juni 2009 um Karstadts Zu­kunft bangen: Auch die letzten Mitglieder der Vermietergruppe Highstreet billigten Mietminderungen für Karstadt-Filialen – nach langem Ringen und Taktieren.

Damit könnte der Kaufvertrag mit dem Investor Nicolas Berggruen in Kraft treten und das Essener Amtsgericht Karstadts Insolvenzplan an diesem Freitag genehmigen. Nun müssen alle Beteiligten abwarten, ob das Gericht seine Entscheidung vertagt – es wäre nicht das erste Mal.

Zurückhaltend optimistisch

Der Investor Nicolas Berggruen verkündete am Donnerstagabend in einer Karstadt-Filiale am Berliner Kurfürstendamm eine grundsätzliche Einigung mit dem Vermieter-Konsortium. „Alle, die ja sagen mussten, haben ja gesagt“, sagte der Milliardär. „Aber die Unterschriften müssen zusammenkommen. Erst dann sind wir fertig.“

Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen zeigten sich zurückhaltend optimistisch: „Es ist zum größten Teil wohl erledigt, aber noch nicht vollständig“, sagte Görg in Berlin. Denn alle Highstreet-Geldgeber müssen die Einigung schriftlich absegnen. Von der Leyen sagte: „Noch sind die Verträge nicht alle so unterzeichnet und bestätigt, dass man aufatmen kann. Aber inzwischen zeichnet sich doch ab, dass wir berechtigte Hoffung haben können, dass es nicht zu einer Liquidation von Karstadt kommt.“ Diese hätte einen hohen dreistelligen Millionenbetrag an Belastungen für die Bundesagentur für Arbeit bedeutet. Karstadt habe jetzt eine reelle Chance, sei aber noch nicht über den Berg, fügte sie hinzu.

Wirtschaftspoker

Das Ringen um Karstadt und mithin einer der nervenaufreibendsten Wirtschaftspoker der vorigen Jahrzehnte basierte auf einem scheinbar banalen Mietstreit. Dieser Streit hat seine Wurzeln noch in der Ära Thomas Middelhoff.

Einst lenkte der umstrittene Manager die Geschicke der Karstadt-Mutter Arcandor. Er verkaufte unter anderem die Immobilien der Kaufhaus-Kette, Filialen und Verwaltungsgebäude. So erlöste die Arcandor AG – die vor Middelhoff Karstadt-Quelle hieß – Milliarden.

Die Karstadt-Mutter handelte sich aber viele Probleme ein. Denn die damals schon kriselnde Warenhaus-Kette mietete die verkauften Filialen an, aber zahlte aus Branchensicht sehr hohe Mieten. Im Juni 2009 gingen Arcandor und somit auch Karstadt pleite. Auf den letzten Drücker fand sich ein Käufer für die insolvente Kaufhaus-Kette: Der Investor Nicolas Berg­gruen. Der Milliardär wollte die Filialmieten drücken. Er machte die Mietminderung zur Bedingung dafür, dass sein Kaufvertrag in Kraft tritt.

Erklärung für das Hickhack im Mietstreit

Nun könnte man denken, dass die Vermieter darauf erpicht sein mussten, Karstadt zu retten. Warum

also gibt es ein solches Hickhack im Mietstreit, wenn die Wahl der Vermieter nur daraus besteht, entweder weniger oder gar keine Mieteinkünfte zu erhalten? Die Antwort auf diese Frage ist einfach, wenn man sich an­schaut, wer die Filialen besitzt.

Hauptvermieter ist das Highstreet-Gruppe, die aus et­wa 100 Investoren besteht. Ihr gehören 86 der 120 Karstadt-Filialen. Haupteigner sind die US-Bank Goldman Sachs und die Deutsche Bank über je einen Immobilienfonds. Einen Zwei-Prozent-Anteil an High­street hält Maurizio Borletti. Der italienische Unternehmer versucht seit August, den designierten Käufer Nicolas Berggruen zu verdrängen.

Die Rolle der „Mezzanine“-Gläubiger

Highstreet sammelte fast 3,4 Milliarden Euro ein, um die Filialen vor einigen Jahren zu kaufen. Einer der Geldgeber war mit 850 Millionen Euro die Essener Valovis Bank. Hinter ihr steht der Pensionsfonds der Karstadt-Mitarbeiter. Der Löwenanteil – 1,4 Milliarden Eu­ro – kam von „Mezzanine“-Gläubigern. Mezzanine ist eine Finanzierungsart, bei der jemand eigenes Geld und geliehenes investiert.

Hinter Highstreets Mezzanine-Gläubigern verbergen sich vor allem Hedgefonds, also Beteiligungsfirmen, die mit wenig eigenem und mit viel geliehenem Geld spekulieren – nach dem Grundsatz: Je höher das Risiko, desto höher der Ge­winn. Das gilt auch für das Geld, das diese Fonds für den Karstadt-Filialkauf gaben.

Diese Gläubiger hofften dabei auf hohe Geld-Prämien für ihre Risikobereitschaft. Je weniger Miete jedoch die Karstadt-Filialen abwerfen, desto mehr schmilzt diese Rendite – zum Verdruss der Fonds. Die daher dem Vernehmen nach bis zum Schluss hart pokerten. (sbi/rtr)

 
 

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