Kaplan aus Oberhausen soll Beichtgeheimnis gebrochen haben

Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Oberhausen/Essen/Rom.  Wurde in einer Oberhausener Gemeinde das Beichtgeheimnis gebrochen? Der Vatikan beauftragt das Bistum Essen mit der Untersuchung eines brisanten Falles.

Das Bistum schweigt. Kein Sterbenswörtchen. Die hohen Würdenträger bleiben stumm. Doch hinter den Kirchenmauern ist der Fall in aller Munde. Das Beichtgeheimnis soll gebrochen worden sein. Eine Anzeige liegt seit Monaten vor. Beschuldigt: ein Kaplan der Großgemeinde St. Clemens in Oberhausen. Sollte er verurteilt werden, droht die Exkommunikation, der Ausschluss aus der Kirche. Das Erzbistum Köln ermittelt, auf Anordnung des Vatikans.

Das heilige Siegel der Beichte – missbraucht? Es wäre ein Skandal für die Kirche. Das Beichtgeheimnis ist eines der erhabensten Güter unter dem Kreuz. „Das Beichtgeheimnis zu verraten, zerstört die Glaubwürdigkeit der Kirche“, sagt Helmuth Pree, Lehrstuhlinhaber für Kirchenrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Gebeichtetes preisgeben, „das darf niemand, selbst wenn er dadurch sein Leben oder das eines Anderen retten kann“.

Mögliche sexuelle Verfehlungen

Was genau in Oberhausen passiert ist, kann niemand sa­gen. Doch ein Verdacht macht die Runde. Ein sehr konkreter Verdacht, aus dem Umfeld der Beteiligten, mit ei­ner These: Demnach soll der Kaplan Gerhard F. (Name geändert) einen jungen Mann in der Beichte ausgehorcht ha­ben. Es soll um Sex-Kontakte von Geistlichen gegangen sein; besonders um mögliche sexuelle Verfehlungen des Pastors Bernward Mezger, damals Propst in St. Clemens und Vorgesetzter des Kaplans Gerhard F.. Auch Verbindungen an­­de­rer Priester in die Homosexuellen-Szene sollen im Beichtstuhl abgetastet worden sein. Der Kaplan habe es weitergetragen an Ohren, die es nicht hören sollten. „Mit seinem Wissen ging er hausieren“, behauptet ein Eingeweihter.

Gleich mehrere Aussagen, die diesen Verdacht nähren, liegen der WAZ vor. Ein Zeuge erklärt schriftlich, Kaplan Gerhard F. habe ihn „sehr eindeutig mit Aussagen konfrontiert, die er nur und ausschließlich in der Beichte erfahren hat. Dies hat meine erstaunte Rückfrage bei dem Pönitenten ergeben.“ Ein Pönitent, das ist jemand, der beichtet, in diesem Fall der junge Mann aus Oberhausen. „Ich muss demnach von einem Bruch des Beichtgeheimnisses ausgehen“, sagt der Zeuge.

Bestätigt werden können die Aussagen an dieser Stelle nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung. Und die Ermittlungen im Auftrag des Vatikan sind nicht abgeschlossen.

Bischof Overbeck von Glaubenskongregation mit Voruntersuchung beauftragt

Jedoch hat der Verdacht eine Vorgeschichte. Vor sieben Monaten war Propst Mezger in den Schlagzeilen. Er soll Sex-Partner auf der Schwulen-Website gayromeo gesucht ha­ben. Allein aufgrund dieses öf­fentlich erhobenen Verdachts griff der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck damals hart durch. Er beurlaubte Mezger, angeblich „auf eigenen Wunsch“ und „um seine Le­benswirklichkeit in Ruhe über­denken zu können“, wie es hieß. Eine interne Untersuchung belegte keinen Verstoß gegen den Zölibat. Kirchen- wie strafrechtlich ist Mezger ein unbescholtener Mann. Dennoch versetzte ihn Overbeck nach Gelsenkirchen.

Der junge Mann aus Oberhausen, dessen Beichte angeblich verletzt wurde, kannte Mezger. Im Verlauf des Verfahrens gegen diesen zeigte der junge Mann beim Bischof eine Verletzung des Beichtgeheimnisses durch Kaplan Gerhard F. an. Der Bischof sah keinen Handlungsbedarf.

Der Anzeigenerstatter ließ nicht locker. Er wandte sich an die höhere Instanz, schrieb nach Rom, an die Glaubenskongregation am Heiligen Stuhl, unter Priestern auch „Glaubenspolizei“ genannt. Und der Vatikan machte die Glaubensbrüder in Essen mo­bil. Kurz vor Weihnachten be­kam der Beschwerdeführer Post aus dem Bistum. Absender: Prälat Martin Pischel, Domkapitular und Personalchef des Bischofs. Dieser kündigte an, dass dem Verdacht endlich nachgegangen wer­de. „Inzwischen ist nämlich unser Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck von der Glaubenskongregation beauftragt worden, in Ihrer Angelegenheit eine Voruntersuchung durchführen zu lassen.“ Pi­schels Tonfall: leicht gereizt. „Welches Spiel treiben Sie eigentlich mit mir?“, raunzte er den Beschwerdeführer an, weil dieser zuvor gefragt hatte, an wen er sich wenden müsse, um das Verfahren voranzutreiben.

Nach außen blockt die Kirche alle Fragen ab. Zu dem brisanten Fall „können wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern“, bedauert ein Bistumssprecher und verweist auf „ein schwebendes Verfahren“. Wie lange es schon schwebt, wann genau die Anzeige im Bistum einging, warum der Bischof nicht aus eigenem Antrieb eine Untersuchung einleitete – zu alledem wird geschwiegen. Nach WAZ-Informationen liegt knapp ein halbes Jahr zwischen der Anzeige in Essen und der Intervention Roms, auf die Overbeck reagierte.

Der beschuldigte Kaplan Gerhard F. hält sich bedeckt. „Ich bin nicht Herr des Verfahrens“, sagt er und verweist auf eine Absprache mit dem Bistum. Das oberste Gebot heiße jetzt: „Schweigen.“ In den nächsten Wochen erwarte er das Urteil des Heiligen Stuhls aus Rom. „Ich werde es in Demut ertragen und erdulden.“ Der junge Mann, dessen Beichte verraten worden sein soll, verweigert jeden Kontakt.

Die Gemeinde ahnt nichts

Die Gemeinde ahnt nichts von den Ermittlungen. Spätestens seit dem Fall Mezger ist das Verhältnis von vielen der 38.000 Katholiken aus St. Clemens zum Bistum gespannt. Schon damals beklagte der Ge­meinderat in einem Schreiben an Overbeck das Essener Vorgehen. Bei einer Entscheidung, wie der Versetzung des Propstes, gehöre die Basis eingebunden. Overbeck antwortete pikiert: „Als Bischof bin ich nicht bereit, Personalangelegenheiten öffentlich zu diskutieren.“ Ein Gesprächsangebot schlug der Bischof aus.

Jetzt steht die Basis wieder außen vor. Pfarrgemeinderatsvorsitzender Martin Dietz erfuhr durch die WAZ vom Verdacht des Beichtgeheimnisbruches in seiner Gemeinde. Seine erste Reaktion: „Nicht zu glauben.“

Den in Oberhausen beliebten Mezger hat es in den Süden verschlagen. Auf Overbecks Druck verzichtete er auf sein Amt in St. Clemens und ließ sich nach Gelsenkirchen versetzen.Seit 1. März dient er im pfälzischen Zweibrücken als Militärseelsorger. Sein neuer Chef dort ist der ranghöchste deutsche Soldatenpriester, der katholische Militärbischof und Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck.

 
 

EURE FAVORITEN