Kampf um eine Beinprothese

Von Ulrike Faulhaber
Amputationspatient Lothar Jamelle wird eine geeignete Prothese verweigert
Amputationspatient Lothar Jamelle wird eine geeignete Prothese verweigert
Foto: WR
Der beidseits amputierte Lothar Jamelle fühlt sich von seiner Krankenkasse allein gelassen: „Hätte nie gedacht, wie schwierig es ist, behindert zu sein.“

Kamen. „Ich dachte, ich fliege“, erinnert sich Lothar Jamelle an den Augenblick, als der Orthopäde die Prothese an seinem rechten Oberschenkel befestigt hatte und er ein paar Meter gegangen war. Alles habe gestimmt, sagt der 63-jährige Heerener. Da habe nichts gescheuert, nichts wehgetan. Endlich raus aus dem Rollstuhl, habe er gedacht. Ohne die ständige Angst, beim nächsten Schritt mit den künstlichen Ersatzgliedmaßen zu stürzen. Raus auf die Straße und unters Volk. Das Leben wieder spüren und nicht mehr allein in der Wohnung hocken.

Kein Gebrauchsvorteil

Eine wunderbare Vorstellung für einen Beinamputierten. Aber dass Jamelle mit dem sogenannten C-Leg „abhebt“, hat seine Krankenkasse bisher verhindert. „Die Versorgung mit einer C-Leg-Knieprothese“, heißt es wörtlich in einem Schreiben der DAK, „ist nur dann medizinisch sinnvoll, wenn dadurch ein erheblicher Gebrauchsvorteil im Alltag entsteht.“ Und der sei nicht zu erwarten.

Punkt, Ende, Aus. Zwei Sätze, die Lothar Jamelle zunächst sprachlos und dann wütend machten. „Weil sie eine Menschenverachtung ausdrücken, die kaum zu ertragen ist“, sagt Jamelle. Und: „Ich hätte nie gedacht, wie schwierig es ist, in Deutschland behindert zu sein.“

Dabei sind sowohl Jamelles Arzt als auch sein Orthopäde der Meinung, dass die elektronisch gesteuerte Beinprothese für den Heerener genau das Richtige ist.

„Er ist gut mobil geworden“, sagt Orthopädietechnikmeister Alexander Busch, der Jamelle seit vielen Jahren betreut. Gerade bei beidseits Amputierten, biete sich das C-Leg an. Die Krankenkassen argumentierten stets, diese Art der Prothese sei etwas für Aktive. „Das ist Blödsinn“, sagt Busch. Sie biete gerade da Sicherheit und Entlastung, wo andere Prothesen den Patienten viel Kraft und Konzentration abverlangten. Jamelles Problem: während sein linkes Bein unterhalb des Knie amputiert worden ist, fehlt dem rechten auch das Kniegelenk.

Dieses und das Fußgelenk würde die C-Leg-Prothese ersetzen. Aufgrund einer komplexen Sensorik erkennen die Gelenke der Prothese, in welcher Phase des Gehens sich der Träger gerade befindet. Egal ob auf ebener Fläche oder auf Schrägen, bei Unebenheiten oder beim Treppengehen – das C-Leg passt sich dem Gang seines Träger an. „Die Prothese würde Jamelles Mobilität erhalten und ihm mehr Sicherheit geben“, so Busch.

All das kann Jamelles derzeitige Prothese nicht. Weil sie überdies schwer ist, sie ins Kniegelenk drückt und er mit ihr schon gestürzt ist, traut sich Jamelle nun nicht mehr damit auf die Straße.

Warum also weigert sich die Krankenkasse, eine neue Prothese für Jamelle zu bewilligen. Zum einen wegen der Kosten. Die hochtechnische C-Leg-Prothese kostet 20 000 Euro, eine normale 6 000 Euro. Überdies, erläutert DAK-Sprecher Rainer Lange, habe sich ein Fachmann aus dem Hause eine Videodokumentation angesehen, die den Versicherten mit der C-Leg-Prothese zeige. Der Experte habe keinen „Gebrauchsvorteil“ erkennen können. „Uns sind die Hände gebunden, aber wir richten uns nach Gesetz und Richtlinien“, so Lange, der gleichzeitig versichert: „Wir sind auch an einer schnellen Lösung interessiert, wir wollen dem Mann doch helfen.“ Und der könne beispielsweise Widerspruch einlegen gegen die Entscheidung der Krankenkasse.

Das will Jamelle denn auch gleich nächste Woche tun.