Kampf gegen die neue Taktik der Taliban

Richard Kiessler

Kabul/Berlin. Die Bundesregierung berät heute über eine Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. Schon jetzt steht eines fest: 2008 wird das verlustreichste Jahr für die alliierten Streitkräfte in Afghanistan. Denn die Taliban-Kämpfer haben ihre Taktik geändert.

Die Attentäter erschießen ihr Opfer von zwei Motorrädern aus im Auto. Malalai Kakar, eine der bekanntesten und ranghöchsten Polizistinnen Afghanistans und Mutter von fünf Kindern ist, von Kugeln durchsiebt, sofort tot. Zwei Tage später fahren drei US-Soldaten auf Patrouille in eine tödliche Sprengfalle. Das Camp der deutschen Soldaten in Masar-i-Scharif wird mit Mörsergranaten beschossen.

Tags darauf, nach dem Fastenbrechen, fordert Afghanistans Präsident Hamid Karsai den Taliban-Führer Mullah Omar zur Versöhnung auf: „Mein Bruder, komm zurück in deine Heimat, komm und arbeite für den Frieden und die Menschen hier“. Dessen höhnische Antwort ist, Stunden später, im Internet nachzulesen: „Wir bieten den Soldaten der USA und der Nato ehrenvolle Bedingungen für einen Rückzug an“. Sollten die fremden Truppen bleiben, würden sie „wie die Sowjetunion geschlagen“ werden.

Bruchstückhafte Nachrichten aus diesen Tagen. Aber Unheil kündende Botschaften aus dem bislang verlustreichsten Jahr des Krieges am Hindukusch seit dem Sturz der radikal islamischen Taliban („religiöse Studenten“) vor sieben Jahren.

2008, soviel steht fest, wird alle negativen Rekorde brechen: Über 4 000 Tote, zu mindestens einem Drittel unbeteiligte Zivilisten, 221 bis Anfang Oktober gefallene Soldaten der „International Security Assistance Force“ (ISAF), zu meist Amerikaner. In den letzten drei Monaten verlor die Militär-Koalition aus 40 Staaten im Kampf gegen die Aufständischen mehr Soldaten als zur gleichen Zeit im Irak.

Kein Zweifel, die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich dramatisch verdüstert. Nach sieben Jahren zum Teil durchaus erfolgreicher Aufbauarbeit ist Präsident Karsai trotzdem auf dem Tiefpunkt seiner Macht, stecken die Bemühungen um den Aufbau der afghanischen Armee und Polizei in den Anfängen, scheitert die nachhaltige Entwicklung des bitterarmen Landes an einem schier unüberwindbaren System von Begünstigungen und Rücksichtnahmen auf traditionelle Machteliten aus korrupten Warlords und Stammesführern.

Das Regierungs- und Botschaftsviertel von Kabul gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Hinter Straßensperren mit MG-Schützen, Betonmauern, Stacheldraht und Sandsäcken verschanzt, liegt auch das ISAF-Hauptquartier. Vor zwei Jahren noch haben sich die alliierten Soldaten in Kabul einigermaßen frei bewegen können. Jetzt verlassen sie nur bewaffnet, mit Splitterschutzwesten und in gepanzerten Fahrzeugen ihre Unterkünfte.

„Wir werden hier als Eroberer gesehen“, fürchtet ein griechischer Offizier. Nicht von der Bevölkerung allgemein, wohl aber von den Taliban. „Wollten wir den Krieg hier gewinnen“, sagt ein deutscher Major, „und legten die Maßstäbe im Kosovo an, müssten wir 800 000 Soldaten haben“. Dies ist natürlich reine Militär-Theorie. Doch spätestens nach den US-Wahlen wird der Druck wachsen, die jetzt rund 51 000 Mann starke ISAF-Streitmacht aufzustocken.

Denn die Taliban haben ihre Taktik geändert. In diesem asymmetrischen Krieg haben die Koran-Krieger in der direkten Konfrontation mit ihren hoch gerüsteten Gegnern keine Chance. Umso gefährlicher sind ihre Sprengstoffanschläge, Autobomben und Selbstmordattentate. Zu 70 Prozent finden diese in zehn Prozent des Landes statt, zumeist im Süden und Südosten. Aber längst auch im Norden. Die per Handy gezündeten Sprengfallen können die ISAF-Soldaten allerdings mit Störsendern, sogenannten „Jamern“, unterdrücken.

Deshalb konzentrieren sich die Guerilla-Kämpfer jetzt auf Draht gebundene Anschläge mit erheblich größerer Sprengkraft. Gegen diese Kombination aus Minen und Fliegerbomben hilft keine Panzerung. Und wenn doch, laufen die Soldaten Gefahr, von einer zweiten Sprengung überrascht oder aus dem Hinterhalt unter Feuer genommen zu werden.

Diese Methoden sind aus dem Irak bekannt – kein Wunder, denn unter die Taliban hat sich eine erhebliche Zahl erfahrener Kämpfer aus zumeist islamischen Ländern gemischt. Jede zweite Sprengfalle wird aufgespürt. „Entweder wir entdecken sie oder die Bevölkerung warnt uns“, sagt achselzuckend ein kanadischer Oberst. Dafür halten die Patrouillen eine Belohnung parat. Doch längst greifen die „anti-afghanischen Kräfte“, wie die Amerikaner sagen, neu gebaute Brücken oder Straßen an. Sie wollen das kaum regierte Land vollends unregierbar machen und ihren „Gottesstaat“ errichten.

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