Kamen regelt den Straßenverkehr ohne Regeln

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Ruhrgebiet. Die Stadt Kamen macht mit einem ungewöhnlichen Verkehrsprojekt von sich reden: Sie beseitigt Schilder, gar Bürgersteige und lässt einfach alles ungeregelt laufen.

Die Mittelstraße in Kamen ist, wie ihr Name schon sagt. Übliche Ruhrgebietshäuser, landläufige Vorgärten, durchschnittlich befahren, normal zugeparkt: einfach ganz die Straße von nebenan.

Doch dann kommt diese völlig umgebaute Kreuzung: Verkehrsschilder? Sind weg. Parkboxen? Weg. Sperrflächen? Weg. Durchgezogene Linien, Richtungspfeile, Bordsteine – alles weg, was eine gute deutsche Kreuzung ausmacht. Es ist noch nicht einmal mehr zu erkennen, was Fahrbahn ist und was Bürgersteig. Gleiches Pflaster für alle!

„Es klappt ausgezeichnet“

„Es klappt ausgezeichnet“, sagt Hanno Peppmeier, der Sprecher der Stadt Kamen, und erwähnt ein „neues Raumgefühl“ und „viel größerer Rücksichtnahme“. Damit ist eine holländische Verkehrsideologie angekommen im Ruhrgebiet, wenngleich noch ganz am Rande, im äußerst überschaubaren Kamen-Heeren-Werve. Doch dabei wird es nicht bleiben: Auch in Schwelm oder Oberhausen macht man sich mehr oder weniger konkrete Gedanken über dieses Konzept namens „Shared space“, und in Mülheim liegt die Planung vor für eine entsprechende Umgestaltung der ganzen Altstadt – wenn man nur Geld hätte dafür.

Stark vereinfacht, geht „Shared Space“ so: Alle Verkehrsteilnehmer teilen (to share) sich denselben Raum (space); und da Schilder und Markierungen komplett fehlen, sind alle vorsichtig, aufmerksam und rücksichtsvoll miteinander. Von der Mutter mit Zwillingskinderwagen bis zum Fernfahrer mit kasachischem Migrationshintergrund.

Das soll den Verkehr sicherer und für alle stressfreier machen, doch dazu lässt sich noch recht wenig sagen so wenige Wochen nach der Kamener Eröffnung. Immerhin: „Ist schöner geworden“, sagen die Leute, oder: „Wir sind drei mal hierher gefahren, und das hat gut geklappt.“ „Ich warte schon die ganze Zeit, wann die Halteverbotsschilder aufstellen“, sagt der Elektromeister Siegmar Egger, der an der Kreuzung sein Geschäftslokal betreibt; er offenbart damit ein gewisses Verständigungsdefizit der Straßenbauer.

Sauberer und freundlicher

Eine Kleinstadt hinter Osnabrück namens Bohmte war 2008 die erste, die „Shared space“ ausprobierte in Deutschland; ursprünglich kommt es aus der Kleinstadt Drachten in Niederländisch-Friesland. „Gezielte Verunsicherung, das ist das Konzept“, sagt Sabine de Buhr-Deichsel von der Stadtverwaltung Bohmte. Doch nachdem die erste allgemeine Verunsicherung der Leute sich legte, überwiegen nun wohl die Vorteile.

Eine Untersuchung der Fachhochschule Osnabrück fördert jedenfalls zutage, dass die Anlieger das umgebaute Straßenstück als sauberer und freundlicher empfinden als zuvor; Lärm und Luftverschmutzung seien ebenfalls zurückgegangen. Es gibt aber auch ein kurioses Teilergebnis: Eine Gruppe der Befragten gibt an, sie komme nun viel schneller über die entampelte Kreuzung; eine praktisch gleich große Gruppe gibt an, das Überqueren sei viel schwieriger geworden. Die jeweilige Wahrnehmung, so die Forscher, hänge wahrscheinlich „mit dem Selbstbewusstsein der Fußgänger zusammen“.

Das führt uns jetzt nach Duisburg. Dort ist zwar auch viel die Rede von „Shared space“, tatsächlich aber hat die Stadt an mehreren Stellen eine eigene Version davon gebaut: teils ist der Fahrbahnverlauf noch deutlich, teils sind Bordsteine noch da und Pflaster ungleich. Planungsdezernent Jürgen Dressler sagt dazu, man habe die Strukturen der Kleinstadt Drachten „für Duisburg neu interpretiert“. Sicher ist nämlich auch: An den großen Straßen des Ruhrgebiets wohnen allein schon mehr Menschen als in Drachten, für sie wird das Konzept nie greifen.

Duisburg hat sich eine eigene Version gebastelt

Aber auch in der Duisburger Version von „Shared space“ gibt es Straßenabschnitte, wo Fußgänger und Autofahrer mangels Ampeln und Schildern einander beachten müssen, um voranzukommen. Der prominenteste ist der Platz vor dem Theater, und da das Planungsdezernat auch dort liegt, können die Planer mit einem Blick aus dem Fenster erkennen, ob sie buchstäblich Mist gebaut haben oder nicht. „Es ist was Wunderbares, wenn die Leute sich neu organisieren“, sagt Dressler, der Dezernent. Sein Mitarbeiter Georg Puhe fasst es ganz konkret: „Wir alle haben als Fußgänger gelernt, links und rechts gucken, Mut fassen, gehen. Jetzt gehen hier viele los in der Erwartung, dass das Auto anhält.“

 
 

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