Kalter Krieg am Nordpol

Angelika Wölke
Eine „Schlacht um die Rohstoffe“ in der Arktis möchte Russland Präsident Putin nicht.  Foto: ddp
Eine „Schlacht um die Rohstoffe“ in der Arktis möchte Russland Präsident Putin nicht. Foto: ddp
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Essen/Moskau. Goldgräberstimmung macht sich breit. Auf der Arktis-Konferenz in Moskau streiten die Anrainer-Staaten zurzeit darüber, wem die bisher staatenlose Gletscherlandschaft im Norden in Zukunft gehören soll.

Das Klima heizt sich auf in der Arktis. Während das ewige Eis rund um den Nordpol infolge des Klimawandels bedenklich schmilzt, kocht die Stimmung unter den Anrainerstaaten Russland, Dänemark, Norwegen, Kanada und den USA in Richtung Siedepunkt. Goldgräberstimmung macht sich breit. Auf der Arktis-Konferenz in Moskau streiten die Anrainer-Staaten zurzeit darüber, wem die bisher staatenlose Gletscherlandschaft im Norden in Zukunft gehören soll.

„Jeder Staat ist bestrebt seine Einflusszone jenseits der 200 Meilen-Zone auszuweiten. Das ist Politik,“ sagt Heinrich Miller, Gletscherforscher am Alfred-Wegener-Institut. Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte unlängst: „In der Arktis erweist sich die Verteidigungsfähigkeit Russlands, wird dessen Sicherheit garantiert.“ Und schickte Atomeisbrecher und Forschungsschiffe in die Region. Der Grund für die militärischen Muskelspiele: Unter dem Eis vermuten Geologen ein Viertel der noch nicht entdeckten Öl- und Gasvorkommen der Welt. Gold, Diamanten, Erz, Uran und Nickel sollen ebenfalls vorhanden sein. Baut man sie ab, winken Milliarden-Gewinne.

Begehrlichkeiten wachsen

Während das Eis schmilzt, wachsen die Begehrlichkeiten. Bereits vor drei Jahren hat Russland medienwirksam seine territorialen Ansprüche offenbart: In 4000 Meter Wassertiefe, genau unter dem Nordpol, hissten Taucher die russische Flagge. Jetzt sind Wissenschaftler unterwegs um nachzuweisen, dass der Lomonossow-Rücken, ein 1800 Kilometer langes Gebirge im Atlantik, das von den Neusibirischen Inseln unter dem Nordpol Richtung Grönland verläuft, eine Fortsetzung Russlands Küsten unter Wasser ist. Den gleichen Nachweis sollen aber auch dänische und kanadische Wissenschaftler für ihre Regierungen in Kopenhagen und Ottawa erbringen. Das letzte Wort haben dann die Vereinten Nationen.

Ausgerechnet in die Lomossow-Universität lud Russland jetzt zum Gipfel des Arktis-Rates. 400 Politiker und Wissenschaftler aus 15 Ländern lauschten der neuen, wie der Spiegel es nannte, „eiskalten Charme-Offensive“ Moskaus. Nach der Rede Putins am Donnerstag zeigte sich William M. Eichbaum, für den WWF Amerika auf der Tagung, überrascht. „Ich bin beeindruckt über seine Forderung einer nachhaltigen, auf das spezielle Ökosystem abgestimmten Entwicklung“, erklärte er gegenüber dieser Zeitung. Allerdings, mahnte Eichbaum, „es bleibt abzuwarten, wie Putin diese Bekenntnisse umsetzt“.

Verheerende Folgen befürchtet

Vertrauen haben sich die Russen in der internationalen Szene in den letzten Jahren nicht aufgebaut. „Bis heute kann man in bestimmten russischen Gewässern keine wissenschaftlichen Messungen durchführen“, berichtet Heinrich Miller. Gerade in dem ökologisch sensiblen Gebiet seien genaue Analysen zunächst wichtig, meinen Eichbaum und Miller unisono. Denn eine Katastrophe wie im Golf von Mexiko hätte in der Arktis noch verheerendere Folgen. „Öl abbauende Bakterien arbeiten in dem Eismeer nicht so effizient wie in gemäßigten Zonen“, erläutert Miller. „Die Einflüsse von Eis und extremen Wetterlagen, von Bohrungen in bislang unbekannten Tiefen“ bergen neue, bisher unbekannte Gefahren, erklärt Eichbaum.

Gefahrlos scheint außer den freundlichen Tönen in Moskau wenig zwischen Beringsee und japanischem Meer. Erst in der letzten Woche, so berichtet der englische „Telegraph“, habe sich ein russischer U-Boot-Jäger, der mit Torpedos und Bomben bestückt war, einem US-Kriegsschiff bis auf 60 Meter genähert. Einen Tag später kam ihm ein russischer Kampfhubschrauber dem gleichen Schiff bedrohlich nahe. Dabei ist Putin gegen eine „Schlacht um die Arktis“. Sagte er zumindest. Gestern.