Jetzt bekommen auch Pfarrer Noten im Netz

Melanie Bergs
Bei Hirtenbarometer.de stehen Geistliche auf dem Prüfstand. Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner reizt besonders die Bewertungs-Lust der Schäfchen. Er landet auf der Hitliste der meistbesuchten Hirten auf Platz 3, direkt hinter Papst Benedikt und Margot Käßmann.
Bei Hirtenbarometer.de stehen Geistliche auf dem Prüfstand. Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner reizt besonders die Bewertungs-Lust der Schäfchen. Er landet auf der Hitliste der meistbesuchten Hirten auf Platz 3, direkt hinter Papst Benedikt und Margot Käßmann.
Auf Hirtenbarometer.de können Gläubige Pfarrer, Bischöfe und sogar den Papst bewerten. Der Essener Bischof Overbeck etwa wird als Schwulenfeind beschimpft. Bistümer und Evangelische Kirche reagieren noch gelassen.

Essen. Dem Internet ist nichts mehr heilig. Nach Ärzten, Lehrern und Professoren rüttelt es nun am Sockel einer weiteren ehemals fast unantastbaren Zunft. Bei Hirtenbarometer.de stehen die Geistlichen jetzt auf dem Prüfstand. Das Portal ruft christliche Schäfchen dazu auf, ihre Hirten zu benoten. Pfarrer, Bischöfe und sogar der Papst müssen sich gefallen lassen, dass anonyme Internet-Nutzer die Qualität ihrer Gottesdienste, ihre Glaubwürdigkeit oder auch ihre Fähigkeiten in der Jugend-Arbeit benoten.

Von eins bis sechs reicht die Bewertungsskala: Sechs ist die beste, eins die schlechteste Note. Je besser das Urteil, desto heller färbt sich das Fell der Schafe, die neben jeder einzelnen Kategorie grasen. Papst Benedikt XVI. kommt auf einen Schnitt von rund 3,8. Seine Schafe haben durchweg einen hauchzarten Grauton. Zudem können die Nutzer Lob und Unmut über die geistlichen Würdenträger in Kommentaren kundtun. Allerdings sind noch längst nicht alle Pfarrer und Bischöfe verzeichnet. So mancher harrt noch des ersten Urteils.

Bischof Overbeck als „homophob“ beschimpft

Im Bistum Essen freut sich Sprecher Ulrich Lota darüber, dass Bischof Franz-Josef Overbeck so gut wegkomme. Mit 3,48 habe er einen besseren Wert als die beliebte Margot Käßmann. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und Bestseller-Autorin erreicht immerhin noch eine 3,28. Doch die Meinungen über Overbeck sind gespalten. Während Nutzer Pilger ihn als „gradlinigen Bischof mit Bodenhaftung“ lobt, beschimpft ihn Ambrosios als „homophob“ und mutmaßt gar, dass er selbst schwul sei. Dies vermutlich, weil Overbeck immer wieder mit kritischen Äußerungen zur Homosexuellen in den Schlagzeilen ist.

Dennoch findet Lota das Hirtenbarometer „ganz witzig“. So etwas sei schließlich normal im Internetzeitalter. Den Gläubigen könne das Portal zudem Orientierung bei der Suche nach dem geeigneten Gottesdienst in ihrer Nähe geben. „Wenn ein Pfarrer gut bewertet wird, schaut man da doch gerne mal vorbei. Der Besuch der Messe sollte sich schließlich lohnen.“

Kardinal Meisner spaltet die Internetgemeinde

Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner reizt besonders die Bewertungs-Lust der Schäfchen. Er landet auf der Hitliste der meistbesuchten Hirten auf Platz 3, direkt hinter Papst Benedikt und Margot Käßmann. Kein Wunder, schließlich hat der erzkonservative Provokateur in der Vergangenheit oft genug mit umstrittenen Äußerungen für Aufruhr gesorgt. Entsprechend kontrovers sind die zahlreichen Kommentare auf seiner Weide. Während Nutzer Benedicens ihn als „wahren Zeugen Christi“ preist, ist er für Bartolomaeus „der beste Beweis, dass Glaube nichts mit Intelligenz und Rationalität zu tun haben kann“. Gotteskind widerum wünscht sich vom Kardinal mehr „Wärme und Weitblick“.

Beim Erzbistum Köln nimmt man’s offenbar mit Humor. „Das ist eine nette Spielerei, die man nicht überbewerten sollte“, sagt Pressereferent Michael Kasiske. Grundsätzlich sei es jedoch gut, dass es im Netz immer mehr Plattformen für Glaube und Religion gebe. Wer dagegen wirklich mit dem Kardinal in Kontakt treten wolle, müsse auf das kürzlich freigeschaltete Portal Direktzumkardinal.de gehen. Dort können Kritiker Meisner ihr Herz ausschütten. Der Kardinal antworte binnen zwei Wochen, verspricht Kasiske.

„Dialog auf Augenhöhe“

Inzwischen nutzen viele Geistliche Facebook und Twitter für den Dialog mit der Gemeinde. Ob sie dagegen auch bei Hirtenbarometer.de vorbeischauen, um auf einzelne Kommentare zu antworten oder ob die Bewertungen gar ihre Arbeit beeinflussen wird, hält Kasiske jedoch für fraglich. Auch Lota vom Bistum Essen hat Zweifel: „Ich habe Bischof Overbeck von dem Portal erzählt, aber er wird wohl selbst kaum dort vorbeischauen.“

Das ist jedoch das Ziel der Gründer von Hirtenbarometer, einer Gruppe von drei jungen Informatikern und einem Mathematiker. „Deine Hirten bekommen hier Feedback zu ihrer Arbeit und können einen Dialog anregen, der vielleicht im Alltag so nicht möglich gewesen wäre“, schreiben sie auf der Homepage. „Hirtenbarometer macht die Arbeit von Würdenträgern sichtbarer und nutzt das dadurch steigende öffentliche Interesse dazu, um langfristig die Qualität der Arbeit von Hirten zu verbessern.“ Ein Dialog auf Augenhöhe solle entstehen.

Sogar Gott steht auf dem Prüfstand

„Das Hirtenbarometer kann sicherlich dazu beitragen, dass wir besser werden“, meint Jens Peter Iven, Sprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland. „Unter der Bedingung, dass das Ganze nicht nur zum Blöken, sondern auch für konstruktive Kritik genutzt wird.“ Allerdings ersetze das Portal mit seinen anonymen Beiträgen keinesfalls den Dialog an der Kirchenpforte. „Die Pfarrer vor Ort sollten ihre Gemeinde ermutigen, ihnen häufiger Rückmeldung zu geben“, sagt Iven. Das Portal könne nur ein Einstieg, aber keine Lösung sein.

Grundsätzlich sei es jedoch wichtig zu garantieren, dass auf Hirtenbarometer kein ehrverletzender Ton angeschlagen werde, fordert Iven. Die Betreiber haben nach eigenen Angaben vorgesorgt: "Wir haben einen Wortfilter eingebaut, der auf verdächtige Schlagworte reagiert", sagt Portal-Gründer Fabian Ringwald. Zudem würden anonyme Beiträge von Moderatoren gelesen und erst dann freigeschaltet. "Bisher haben wir allerdings erstaunlich selten eingreifen müssen", beteuert Ringwald. Wenn das nicht funktioniert, ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis der erste Pastor gegen das Hirtenbarometer klagt. Lehrer haben es beim Bewertungsportal Spick.mich vorgemacht, bislang allerdings ohne Erfolg.

Einer jedoch könnte sogar die sieben Plagen vorbeischicken, wenn die Kritiker-Chöre zu laut werden. Doch Ungläubige und Zweifler haben das Portal offenbar noch nicht entdeckt. Sonst hätte der Chef aller Hirten wohl kaum so ein gutes Ergebnis: Gott, Wirkungsstätte Himmel, erreicht immerhin 5,2 von 6 Punkten. Nur die Jugendarbeit scheint seine Schwäche zu sein, hier bekommt er nur eine unheilige 4,8. Ehcuag dagegen findet, dass 6 Punkte für Gott noch viel zu wenig sind. Kritiker mögen doch bedenken, dass er nicht jeden Wunsch erfüllen könne. „Gott hat ja ohnehin schon einen 24-Stunden-Job.“