Jazz-Highlights in der Lippestadt

Diethelm Textoris
Foto: Diethelm Textoris

Lünen.  Der legendäre Konzertveranstalter Fritz Rau bezeichnete den Jazz einmal als „Grundlage und hohe Schule einer wahren Unterhaltungskultur“. In Lünen wird diese Kultur seit 1977 mit dem Jazz-Light-Festival hochgehalten. Die Auftaktveranstaltung fand wie seit langem im gemütlichen Ambiente des Jazz Clubs Lünen statt. Und der ist soeben 15 Jahre alt geworden.

Grund genug für den Vorsitzenden Dieter Hirsch und seinen Mitstreiter Heinz Aldenhövel, Bilanz zu ziehen und dem Publikum zum Jubiläum besondere musikalische Leckerbissen zu bieten. „Obwohl wir immer hervorragende Gruppen und Solisten präsentieren, steht unser Verein auf einer soliden finanziellen Basis“, betont Hirsch. Dabei kassiert man keinen einzigen Euro Zuschuss aus der öffentlichen Hand. Die Mitgliedsbeiträge bilden den finanziellen Grundstock, die Räumlichkeiten werden von Hotelier Wolfgang Schene kostenlos zur Verfügung gestellt, Druckschriften und Programme sponsert die örtlichen Wirtschaft, und die Helfer arbeiten ehrenamtlich. „Der Rest kommt über die Eintrittsgelder und den Verzehr. Da wir wissen, was die Leute hören wollen, ist der Publikumszuspruch groß“, meint Hirsch.

So war es auch am Freitagabend. Das zahlreich erschienene Publikum lauschte interessiert einer qualitativ hochwertigen Band und belohnte sie zum Schluss mit einem begeisterten Applaus. Die wiederum geizte nicht mit Zugaben. Das Besondere an der „Nils Gessinger Band“ war, dass sie ausschließlich von Gessinger geschriebene Kompositionen präsentierte. Dabei handelte es sich um eingängige, aber weit vom süßen Kitsch entfernte Melodien, die sich durch viele musikalische Feinheiten auszeichneten. Sie gaben jedem der fünf Musiker ausgiebig Gelegenheit, sowohl die Fähigkeiten im harmonischen Zusammenspiel als auch in Solopartien unter Beweis zu stellen. Leiter Nils Gessinger agierte wie ein Wirbelsturm an der Hammond-Orgel. Mit einem körperbetonten Spiel, bei dem Mimik und Gestik wie eine Mischung aus Herbert Grönemeyer und Ray Charles aussahen, konnte er seine eigene Musikbegeisterung mühelos auf das Publikum übertragen.

Sieht man von der auch hier herrschenden fast euphorischen Publikumstimmung ab, dann war am zweiten Festivaltag alles ganz anders. Mit dem „East West European Jazz Orchestra TWINS 2010“ unter der Leitung von Uwe Plath und Andrej Machnev war eine 20-köpfige Bigband angereist, die im Hansesaal in einer Konzerthausatmosphäre aufspielte. Geboten wurde „American Mainstream Jazz“, d.h. ein Mischung aus traditionsreichen und vielfach bekannten Titel der großen Swing- und Blues-Ära. Allerdings fehlte auch ein Ausflug in die nahezu unbekannte Welt des russischen Jazz nicht. Mitgekommen waren drei Sängerinnen, die sowohl stimmlich als auch optisch eine Bereicherung darstellten. Mitgekommen war auch der in Lünen aufgewachsene und ausgebildete junge Trompeter Matthias Schwengler, der jetzt in Amsterdam lebt. Was er an musikalischem Können zeigte, lässt die Vermutung zu, dass wir noch viel von ihm hören werden.

Absoluter Höhepunkt des Abends waren die Auftritte des amerikanischen Grammy-Gewinners Dennis Rowland. Seine Versionen der Sinatra Titel „I’ve got you under my skin“ oder „Come fly with me“ ließen das angestaubte Original vergessen, sein „Save the last dance for me“ ließ andere Interpreten wie Tony Sheridan weit hinter sich. Bei seinen humorvollen Moderationen schien er manchmal seine Stimme aus dem tiefsten Keller zu holen. Mit dem Orchester bestand eine Harmonie, sodass zum Dirigieren ein Blick, ein Fingerschnippen oder eine Geste genügte. Zum Schluss wurde das Publikum mit einer Hommage an einen der größten Jazzinterpreten aller Zeiten belohnt: Bei „What a wonderful world“ konnte man fast glauben, Louis Armstrong habe lebendig auf der Bühne gestanden. Roland sang die letzten Zeilen mit Original Satchmo-Timbre und vergaß dabei auch nicht dessen Augenrollen und das Blitzenlassen seiner strahlend weißen Zähne.