Ist Richard David Precht ein guter Mensch?

Richard David Precht. Foto: imago
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Frankfurt/Main. Warum wollen wir gerne gute Menschen sein – und warum gelingt uns das bloß nicht? In Krisenzeiten wie diesen stellt sich die Frage der Moral dringender denn je. Richard David Precht gibt im neuen Werk Antworten. Ein Interview.

Herr Precht, sind Sie ein guter Mensch?

Richard David Precht: Das ist eine unlautere Frage! Und es wäre unlauter, sie selber zu beantworten. Da müssen Sie die Menschen in meinem Umfeld fragen.

Sie schreiben im Buch, dass alle Menschen ein bisschen gut und ein bisschen böse sind. Warum ist das so?

Precht:Wir sind von Natur aus keine rücksichtslosen Egoisten, weil wir keine einzelgängerischen Tiere sind. Sondern wir sind Tiere, die im Evolutionsprozess in Horden gelebt haben. Wer in Horden lebt, der muss lernen, nett zu sein. Wir sind sozial und kooperativ angelegt – und keine rücksichtslosen Gen-Egoisten. Alle Menschen, außer, sie sind pathologisch, streben nach Liebe, Anerkennung und Zuneigung. Das ist etwas Gutes.

Immer?

Precht:Manchmal ist es uns wichtiger, in einer Gruppe akzeptiert zu werden, als unseren ethischen Maximen zu folgen. Das kann sich ganz fürchterlich auswirken. Nehmen wir das Beispiel des Reserve-Polizeibataillons 101, das in Polen eingesetzt war und am 13. Juli 1942 im Ort Jozefow ein grauenvolles Massaker angerichtet hat. Das psychologisch Spannende an dieser Geschichte ist, dass die Männer, die keine Killer und zum allergrößten Teil keine überzeugten Antisemiten waren, an diesem Morgen vor die Aufgabe gestellt wurden, 1500 Frauen und Kinder zu ermorden - und dass der Kommandant ihnen die Chance gegeben hat, unsanktioniert aus dem Glied zu treten. Es haben sich aber nur zehn der 500 Männer nicht beteiligt. Das ist ein Rätsel. Es war ihnen offensichtlich an dieser Stelle wichtiger, nicht aus der Reihe zu tanzen, als ihren moralischen Maximen zu folgen. Das zeigt, wie flexibel moralische Grundsätze sein können.

Aber auch, wenn die Moral über alles andere gestellt wird, können daraus Dramen entstehen.

Precht:Die moralischen Grundsätze sind in nahezu allen Kulturen die gleichen: Fairness, Solidarität, Fürsorge, Wahrhaftigkeit, Loyalität. Aber wenn Sie alles das wahnsinnig ernst nehmen, werden Sie kein guter Mensch sein. Wenn Sie immer die Wahrheit sagen, werden Sie nicht mehr als höflicher und netter Mensch empfunden – und vermutlich Ihre Freunde verlieren. Ein Beispiel ist die Geschichte von Michael Kohlhaas, der, weil er die Gerechtigkeit einfordert, zu einem ungerechten Menschen wird.

Sie setzen bei der Gruppe an – und wollen die Gesellschaft insgesamt moralischer machen.

Precht:Wir haben das Problem, dass der Kapitalismus die erfolgreichste Wirtschaftsform ist, die es je gab, und dass er moralische Tugenden aufzehrt. Wenn jeder ständig überlegt, was ist mein optimaler Gewinn, dann bleiben langfristig Werte wie Wahrhaftigkeit und Anstand auf der Strecke. Das sieht man an den Managergehältern. Das sind schlechte Vorbilder. Da muss der Staat rechtzeitig und kräftig gegenlenken. Wir brauchen Ordnungspolitik. Auf der anderen Seite wünsche ich mir viel mehr bürgerschaftliches Engagement. Ich begrüße sehr, was in Stuttgart passiert.

Tatsächlich?

Precht:Ich finde das sehr, sehr gut, dass demonstriert wird. Und ich sehe die Unfähigkeit der Regierenden, die einmal eingeschlagenen Pfade zu verlassen. Man kann nicht im Namen des Volkes gegen den Willen des Volkes handeln. Es geht ja längst nicht mehr nur um den Bahnhof. Sondern darum, dass ein Volk sich nicht ernst genommen fühlt.

Inwiefern?

Precht:Ein großes Problem unserer Politik ist, dass sie von außen nicht kontrollierbar ist. Wir haben Elder Salesman, Handlungsreisende, wie Wolfgang Clement und Joschka Fischer, die ein Arsenal an Kontakten, das das Volk ihnen verliehen hat, kommerziell für sich ausnutzen. Wer garantiert mir, dass diese Menschen nicht längst inoffizielle Mitarbeiter jener Konzerne waren, für die sie später arbeiteten? Ich wünsche mir einen direkt vom Volk gewählten Bundespräsidenten, der eine Kommission einberuft, die sich für moralische Fragen zuständig erklärt und konkrete Vorschläge macht. Wir müssen unsere Parteien moralisch von außen korrigieren, da sie sich von Innen nicht mehr ausreichend korrigieren.

Die Kunst, kein Egoist zu sein

Sie wollen die Demokratie direkter machen?

Precht:Wir brauchen viel mehr Volksentscheide, sogar auf Stadtteilebene. Wenn die Menschen am Prenzlauer Berg, dem kinderreichsten Viertel Deutschlands, sich dafür entscheiden, dass sie keinen Autoverkehr mehr im Viertel haben wollen – dann müssten sie das Recht haben, das mit Hilfe des Stadtplanungsamtes durchzusetzen. Die Menschen interessieren sich sehr für Politik – jedenfalls für eine, die man selbst mitbestimmen könnte.

Die Politik scheint eher zu glauben, mehr Wachstum und Wohlstand schaffen zu müssen.

Precht:Mehr Wohlstand bedeutet nicht mehr Wohlbefinden. Seit Ende der 60er Jahre steigt die Anzahl der Menschen, die in Umfragen zu Protokoll geben, dass sie glücklich und zufrieden sind, nicht mehr an. Es bleibt bei 60 Prozent, aber unser Bruttoinlandsprodukt hat sich seither verdreifacht. Trotzdem messen wir den Erfolg unserer Politik weiterhin am BIP. Aber wenn in diesem Land alle Menschen psychisch krank werden würden, steigert das das BIP. Wenn wir alle Wälder abholzen würden, steigert das das BIP. Wenn wir Autobahnen mitten durch Städte bauen, steigert das das BIP. Diese Zahl sagt über unsere Lebensqualität gar nichts.

Man kommt als Leser Ihres Buches relativ gut und leicht davon – weil das persönliche Gutsein offenbar sehr von der Gesellschaft abhängt.

Precht:Man redet seit 2000 Jahren den Menschen ins Gewissen und sagt, du musst ein besserer Mensch werden. Da ist leeres Gedöns. Wenn ich Ihnen jetzt sage, Sie müssen Ihre Leben ändern, werden Sie das nicht tun. Wenn ich aber Rahmenbedingungen schaffe, die es Ihnen erleichtert oder die Sie dazu verführen, mehr Gutes zu tun, habe ich etwas erreicht. Wir können die Gesellschaft nicht allein durch individualpsychologisches Coaching zu einer guten Gesellschaft machen. Es ist immer ein Spiel zwischen der Psyche des Einzelnen und der Umwelt, in der er lebt. Und an der Umwelt müssen wir arbeiten.

 
 

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