Innovation City - und Stadt der Dörfer

David Schraven
Foto: Hans Blossey

Bottrop ist „Innovation City Ruhr“. In den kommenden jahren sollen Milliarden fließen für den Umbau zum energie-effizienten, klimaschonenden Modellprojekt. Doch wie tickt Bottrop eigentlich - die Stadt, die eigentlich keine ist?

Die Stadt ist bunt. Zumindest hier im Norden. Ein Waldweg im Herbst, Blätter fallen von hohen Buchen in allen Farben herab. Kinder spielen mit vertrockneten Kastanien. Das Land sieht aus wie die Umgebung eines glücklichen Dorfes. Wenn da nicht die Zeche Prosper Haniel wäre, mit ihrem Förderturm und einer der höchsten Abraumhalden Deutschlands daneben. Bottrops Vergangenheit ist das und Zukunft. Wobei unklar ist, was hier was ist. Der Lehrer Peter Jägen (60) wohnt auf diesem Grat zwischen Industriegebiet und Münsterland in einer Siedlung. „Bottrop ist für mich Heimat“, sagt er. „Hier bin ich groß geworden und hier hänge ich immer noch rum.“

Kein Kino, kein Theater

Bottrop ist keine Stadt im klassischen Sinne. Bottrop hat kein Kino, kein Theater. Bottrop hat einen Wochenmarkt, dessen Stände sich um die katholische Kirche die Einkaufsstraßen hoch schlängeln. Bottrop hat keinen Bahnhof im Zentrum, keinen Stadtwall, sondern Durchgangsstraßen, von den Vorortsiedlungen rüber nach Essen, Oberhausen und Gelsenkirchen.

Bottrop, das sind viele Dörfer mit Bewohnern aus allen Herren Ländern. In der Nähe der Post in der Innenstadt kann man schlesische Wurst kaufen und sonst fast alle polnischen Waren, die einen Wert im Westen haben. Man glaubt, man könne auch mit Zloty zahlen. Ein paar Läden weiter gibt es dann Biofleisch vom alten, eingesessenen Fleischer aus dem Münsterland. Aus Urbanski wurde in Bottrop Urban, aus der polnischen Sowa die deutsche Eule.

Die Zeche ist immer noch der wichtigste Arbeitgeber

Man erkennt die Dörfer in Bottrop an den Namen. Die Politik wird beherrscht von Männern aus der SPD, die Verbindungen haben zu den Familien, die hier auch schon vor der Industrialisierung gelebt haben. Das sind die alten, westfälischen Namen. Der Bürgermeister Bernd Tischler wohnt in der Prospersiedlung. Dazu kommen die Gewerkschafter, die ihre Macht aus der Zeche ableiten, die immer noch der wichtigste Arbeitgeber vor Ort ist, das sind die Namen die nach Osteuropa klingen. Die Namen aus dem Orient findet man an den Taxis, an den Dönerstuben, an den Frisiersalons und Kiosken. Man lebt hier, jeder für sich und doch irgendwie zusammen. In Bottrop gibt es türkische Viertel, in deren Herzen Kurden leben. Man redet miteinander, man lebt miteinander. Man ist im Fußballverein bei Rhenania oder Barisspor. Und am Wochenende werden die Fahnen von Schalke gehisst.

Das ist Bottrop. Im Zentrum eine verlotterte Einkaufspassage aus den Siebziger Jahren, wie sie überall im Ruhrgebiet zu finden sein könnte, und daneben kleine Boutiquen, Eiscafes und der Erlenkämper, einer dieser Buchhändler, der sogar liest, was er verkauft. „Ich fühl mich hier wohl“, sagt Lehrer Jägen. Er hat einen dunklen Bart und ist schlank vom Joggen im Wald. Nur in die Innenstadt fährt er selten. Eigentlich nur, wenn es sein muss. Eingekauft wird vor der Tür im eigenen Viertel oder in einer anderen Stadt, in Essen oder Oberhausen.

Bottrop ist kein paradies

Bottrop ist kein Paradies. Die Prosperstraße führt runter in den Süden, Richtung Kloake Emscher. Auf einer alten Halde steht da eine Skihalle, deren Fundament bröckelig ist – und die immer wieder von der Schließung bedroht ist. Die letzte Kokerei fackelt dort periodisch ihr Gas ab. Hier leuchtet es noch in der Nacht, wie in dem Lied von den tausend Feuern. Und es riecht nach Industrie. Einen Steinwurf weiter steht der Tetraeder auf der nächsten Halde, als Landmarke, die abgehoben über der Vergangenheit wegzuschweben scheint.

In seiner Siedlung am Wald im Norden sagt Lehrer Jägen, er freue sich auf das, was kommt, auf Innovation City. Wenn der Süden Bottrops aufgemöbelt werden soll.

Das alles ist Bottrop, die Vieledörferstadt im Herzen und am Rand des Reviers.