Inklusion ist nichts zum Sparen

Ulrich Domhöver, Leiter der Haldenwangschule, mit einigen Schülern.                            Foto: André Elschenbroich
Ulrich Domhöver, Leiter der Haldenwangschule, mit einigen Schülern. Foto: André Elschenbroich
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Dorsten.. Die Inklusion, der gemeinsame Unterricht aller Kinder, unabhängig von Behinderung und Förderbedarf, wird seit einigen Monaten auch in Dorsten diskutiert.

Mit Ulrich Domhöver, seit Anfang 2008 Leiter der Haldenwangschule, Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, sprach die WAZ über die Möglichkeiten und möglichen Grenzen von Inklusion.

Die Haldenwangschule wurde 1976 eröffnet und hat heute 81 Schüler mit geistiger Behinderung. Sie werden in acht Klassen mit jeweils zehn bis 13 Schülern unterrichtet. 24 der Schüler sind schwerst- und mehrfachbehindert.

Was halten Sie von Inklusion?

Jedes einzelne Individuum ist für uns wichtig und gleichwertig. Wir haben das ganze Spektrum von Schülern, vom Rande der Lernbehinderung bis hin zum Schwerbehinderten. Wir lehnen Inklusion nicht ab, wir stehen hinter dem Gedanken und begrüßen die Idee einer ganzheitlichen Schule.

Aber wir fragen uns natürlich auch, wie es weiter geht. Wir haben unser Fach studiert, es stehen viele Forschungsansätze dahinter und viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir arbeiten heute mit ganz anderen Materialien als früher und differenzieren viel stärker. Wenn es zur Inklusion kommt, müssen die Rahmenbedingungen und die Qualität gleich bleiben. Wir sind bereit zur Kooperation.

Wie viele Lehrer haben sie?

Wir haben 22 Lehrer. In den Vormittagsstunden, wenn die Schüler besser aufnahmefähig sind, sind die Klassen zur besseren Differenzierung nach Möglichkeit doppelt besetzt. Unsere Schule ist leider nicht mehr wie früher etwas überbesetzt, das wäre besser für so ein kleines System. In Krankheitsfällen könnte man dann leichter ausgleichen.

Wie sehen die Eltern ihrer Schüler die Inklusion?

Es gibt da zwei Richtungen. Manche Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder in die Regelschule kommen. Es gibt aber auch Eltern, die Angst haben, dass ihr Kind dabei überfordert wird und dann vielleicht sogar daran zerbricht. Sie wollen bewusst lieber einen beschützteren Rahmen.

Ich habe das Gefühl, dass Eltern manchmal nicht richtig beraten werden. Wir sehen den Begriff der Bildung zum Teil etwas anders; zum Beispiel essen können, in Situationen angemessen reagieren zu können, sich in der Alltagswelt richtig verhalten zu können, ist für viele Schüler ganz wichtig.

Ich glaube, dass das auch in einer Regelschule funktionieren kann. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Es braucht eine permanente sonderpädagogische Begleitung, und es müssen technische Voraussetzungen geschaffen werden, zum Beispiel für die Pflege.

Wir brauchen vor allem etwas Entschleunigung in dem Prozess der Inklusion, um sie für die Schüler sicher angehen zu können.

Wird Inklusion für alle Schüler möglich sein?

Manche Schüler haben einen derart hohen Einzelförder- und Betreuungsbedarf, dass ich das zur Zeit noch anzweifle. Wir haben zum Beispiel Schüler, die den ganzen Tag sehr laute Geräusche von sich geben.. Das ist schon in unseren Klassen für die anderen eine besondere Belastung.

Ein Schüler braucht ständig jemanden an seiner Seite, weil er sich leicht verletzen kann, was für ihn lebensbedrohend sein kann.

Eine Schülerin ist zwar orientiert, kann aber aktiv handelnd an keinem Angebot teilnehmen. Ihre Beine müssen z.B. regelmäßig massiert werden, sie muss gewickelt und regelmäßig ins Schwimmbad gebracht werden, damit ihr Körper sich entspannen kann.

Ein weiterer Schüler ist völlig hibbelig. Er wird nervös, wenn er keine Ruhe hat, dann schlägt er um sich und schlägt Sachen kaputt.

Die Haldenwangschule muss also bleiben?

Ich glaube, dass unsere Schule Bestand haben wird. Es gibt heute wesentlich mehr Schwerstbehinderte als früher. Das liegt am medizinischen Fortschritt. Es überleben heute viele Kinder, die früher nicht überlebt hätten.

Man kann aber für die Zukunft ganz andere Modelle denken. Zum Beispiel mit anderen Schulen einen Förderschwerpunkt zu bilden, um die Aufgaben eines Förderzentrums wahrzunehmen.

Sie sind seit zwei Jahren hier Schulleiter, davor waren sie Fachleiter für Lehrerausbildung in Münster. Wie gefällt es Ihnen in Dorsten?

Sehr gut, aber es hat mich überrascht, dass es hier sowenig aktive Mitarbeit der Eltern gibt. Es gibt nur sehr wenige intakte Familien. Viele leben von Hartz IV. Ich hatte auch nicht erwartet, dass das Budget so eng ist. Aber unser Förderkreis ist zum Glück sehr aktiv. Froh bin ich über die gute Zusammenarbeit mit der Stadt und unsere gute Ausstattung. So ist die Stelle der Krankenschwester erst einmal bis Jahresende sicher, und ich gehe davon aus, auch danach.

Ist die Ausstattung optimal oder sind Wünsche offen?

Wir hätten gerne einen Sozialarbeiter hier. Der hätte sicherlich in Vollzeit genug zu tun. Die Aufgaben sind so vielfältig geworden.

Wir haben die Erweiterung des Schulhofs und den Bau zusätzlicher Toiletten, Pflege- und Klassenräume beantragt. Das würde 1,1 Mio. Euro kosten, 300 000 € hat die Stadt für den Umbau eingeplant.

Passt ein solcher Antrag angesichts von Inklusion in die Zeit?

Die Schüler sind ja jetzt hier und deshalb wird es jetzt gebraucht.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich fände es gut, wenn ein Runder Tisch gegründet würde. Die Institutionen müssen mehr von einander wissen. Es können auch gerne mal Lehrer anderer Schulen hier hospitieren. Das hat bisher noch niemand gemacht. Jeder, der Interesse an unserem Förderschwerpunkt hat, ist herzlich willkommen, zu gucken.

Leider wird ja Inklusion in der Gesellschaft wenig vorgelebt. Da herrscht eher die Ellbogen-Mentalität vor. Und Inklusion darf nicht unter der Prämisse von Einsparungen stehen.

 
 

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