Industrie statt Mühlen-Idylle

Reis und Hülsenfrüchte rieseln hier seit 1913 in Müller’s Mühle durch die Maschinen. Veredeln und abpacken läuft aus einer Hand.

Von der A42 kann man sie schon sehen, die Müller’s Mühle. Direkt am Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen gelegen, damit auch die Wasserwege mit dem Schiff genutzt werden können. Die idyllischen Bilder, die viele Menschen mit einer Mühle verbinden, kann eine Industriemühle, in der jährlich bis zu 120 000 Tonnen Reis und Hülsenfrüchte gemüllert werden, nicht befriedigen. Bis auf die runden Silos, in denen das Rohmaterial zwischenlagert, lässt von außen betrachtet nichts auf eine Mühle schließen. 1893, vor gut 120 Jahren also, gründete Adolf Müller eine Handelsagentur für Reis und Hülsenfrüchte. Wenige Jahre später stand die Mühle dann, um das Rohmaterial zu veredeln. „Das Besondere war damals, dass durch die Bearbeitung mit einer Mühle eine immer gleichbleibende Qualität erzeugt werden konnte“, sagt Birgit Vosen, Projektmanagerin. Und: Dass ein Produzent vom Müllern bis zum Abpacken alles selber mache, hätte heute Seltenheitswert.


Seit 1913 steht die Müller‘s Mühle an ihrem heutigen Standort. Per Schiff kämen heute allerdings nur noch die wenigstens Lieferungen, „vielleicht 20 Prozent“, so Müllermeister Helmut Falinski. Früher wurden noch 70 Prozent der Ware per Schiff geliefert. Die Anbaugebiete des Reises sind weltweit verstreut. Aus den USA wird er zum Beispiel importiert, exotische Reissorten aus Asien. 1989 übernimmt die VK-Mühlen AG – Deutschlands größter Mühlenkonzern – die Müller’s Mühle GmbH.

Das Geschäft mit der Veredlung von Reis und Hülsenfrüchten läuft nicht immer gut. Früher, da sah man noch Fernsehwerbung mit dem Müller‘s-Mühle-Männchen „Willi“. Die ordentliche Hausfrau präsentierte die Produkte. „Aus Müller‘s Mühle wie man weiß, kommt Willis 5 Minuten Reis – der guuuute.“

„Werbung schalten wir schon seit den 70er-Jahren nicht mehr, das ist einfach zu teuer“, so Managerin Vosen. Die Konkurrenz – vor allem in der Reisproduktion – ist groß. Der Handel diktiert die Preise. Nicht zuletzt durch die steigende Zahl der Eigenmarken, die die Supermärkte forcieren. „Bei den Hülsenfrüchten sind wir Marktführer, beim Reis nehmen wir den vierten Platz ein“, so Vosen. Gegen Konkurrenten wie „Uncle Ben‘s“ sei schwer anzukommen. Dennoch: Mit 60 Millionen Euro Umsatz und laut Firmenangaben einer der modernsten Reismühlen Europas, wird nicht viel Raum zum Klagen gelassen.


Die Hülsenfrüchte und der Reis werden getrennt voneinander veredelt. „Beim Reis geht es hauptsächlich um das Schleifen und Polieren, bei den Erbsen, Bohnen und Linsen ist die Reinigung ganz wichtig“, erklärt Jörg John, Leiter der Elektrotechnikabteilung und stellvertretender Produktionsleiter. Eine „Reise“ durch neun Böden tritt der Reis an, bis er im Erdgeschoss abgepackt wird. Sein eigenes Wort kann man auf den meisten Etagen nicht verstehen. Die Maschinen zischen und ruckeln – ein Reiskorn ist selten zu sehen. „Das hier ist ein geschlossenes System“, sagt Müllermeister Falinski. Ein System aus vielen grauen Rohren, die die Körner durch die Böden transportieren. Alles beginnt mit dem Greifarm, der den Reis aus dem Schiff hebt. Dann geht es in die Silos. 15 000 Tonnen fassen sie. Und zwei von ihnen warten mit einer ganz besonderen Geschichte auf: „Adolf Müller nutzte den Rumpf von U-Booten als Silo“, sagt Helmut Falinski. Auf dieses Stück Geschichte seien die 130 Mitarbeiter sehr stolz, meint Falinski. Es geht hinab auf den achten Boden, der vom Müller Sichterboden genannt wird. Dort werden 15 Tonnen Rohware grob sortiert. „In den Maschinen sind Siebe, die nach Größe sortieren und Stäube aussortieren“, sagt Falinski. Ein paar Etagen tiefer wird dann noch mal nachgesichtet und ein so genannter Bruchheber sortiert die nicht vollständigen Körner aus.


In der Schleifpassage auf dem zweiten Boden wird das Korn angeschliffen. Die Deutschen haben ganz genaue Vorstellungen, wie das perfekte Reiskorn auszusehen hat – auch wenn es mit der Qualität nicht viel zu tun hat: „Besonders weiß soll er sein, und perfekt geformt“, so Müllermeister Falinski. „Eigentlich blöd, weil gerade in der Silberhaut die wichtigen Nährstoffe sitzen.“ Die aussortierten Reiskörner samt Staub gehen in die Tierfutterproduktion – „die bekommen dann das Gesunde“, scherzt Jörg John. Die absolute Feinauswahl findet auf dem ersten Boden statt. Dort sortieren computergesteuerte Maschinen nach Farbe und Form – 15 Tonnen Reis pro Stunde.


In der Produktionshalle im Erdgeschoss wird gerade Kochbeutelreis abgepackt. 450 Stück schafft so eine Maschine in der Minute. Jetzt noch ein Metallcheck, ob Metalle aus der Produktion in das Lebensmittel gerutscht sind, das Gewicht kontrollieren, das Mindesthaltbarkeitsdatum aufdrucken – dann geht es auf die Paletten und in die Lagerhalle.

 
 

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