In seinem 100. Spiel hat BVB-Trainer Klopp sein Werk vollendet

Frank Lamers
Der Titel ist da. Und Jürgen Klopp gehen die Emotionen nicht durch. Das verwirrt auch den Trainer selbst. Vor dem Meisterstück sprach "Kloppo" der Medienmensch, der Kommunikator von seiner Nervosität.

Dortmund. Mats Hummels hat vor Monaten schon darüber gerätselt, welches nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraute Bier denn wohl aus der Dusche fließen würde im Fall des Meisterfalles. Jetzt weiß er es. Nicht das ur-bajuwarische Weizenbier, dessen verheerende Wirkung auf Trainerfrisuren er als Nachwuchsspieler des FC Bayern so oft beobachten konnte. Sondern: Pils. Pils, wie es sich im Revier und vor allem in der Brauerstadt Dortmund gehört. Verheerende Wirkung auf die Frisur seines Trainers hatte die Pilsdusche aber auch. Und Jürgen Klopp hat sie registriert, wie er diese ganze Meisterschaft registriert hat: ein bisschen zurückhaltend, irgendwie mit gebremstem Schaum.

Später, nachdem er den Rasen der Freude verlassen hatte, berichtete Klopp von seinen Gefühlen. Oder besser: davon, wie er sich diese Gefühle ausgemalt, wie er sie erwartet hatte. Und davon, wie sie dann über ihn gekommen sind. „Es war weniger Euphorie“, sagte der Mann, der Borussia Dortmund zur überraschendsten aller Meisterschaften führte: „Es hatte mehr etwas von Erleichterung.“ Drittletzter Spieltag. Keine leichte Aufgabe gegen Nürnberg. Und Leverkusen musste auch noch straucheln in Köln. Und so oft war dem BVB schon vorzeitig zum Titelgewinn gratuliert worden, dass der Erwartungsdruck, dieser Druck, dessen Existenz beharrlich bestritten worden war, vielleicht doch eine enorme Größe hatte.

Nervosität vor dem Abitur

Vor der Partie hatte Klopp noch von seiner Nervosität berichtet. Nicht von der Nervosität im Angesicht der Schale. Von seiner Nervosität vor dem Abitur. Vor diesem Abitur, auf das er „schlecht vorbereitet“ war. Und natürlich hatte der Trainer gelacht, Lockerheit demonstriert. Nachher suchte er dann nach den Spuren dessen, was er in sich vorzufinden gedacht hatte. Nach diesem Triumph. Nach dem Titelgewinn. Diese Spurensuche Klopps, des Medienmenschen, des Kommunikators, des Lauten und Lustigen, sie verlief leise, ungewohnt leise. Und sie endete immer wieder vor einer Tür, die er nicht öffnen konnte: „Ich muss aufpassen, dass mir nicht die Tränen in die Augen schießen, weil es einfach ein Traum ist.“

Ein Traum, der irgendwann in Realität übergehen, der irgendwann auch greifbarer sein wird. Noch aber hat Klopp nur den Weg, den steinigen Weg mit allen seinen Windungen im Kopf. Diesmal war er vorbereitet. Im ersten Jahr nach seinem Wechsel von Mainz nach Dortmund Platz sechs. Im zweiten Jahr Platz fünf. Und die junge Mannschaft des BVB immer weiter und weiter entwickelt und geformt. Dass dieser Weg nun am Ende angekommen ist, dass die Konzentration (ein bisschen) nachlassen darf, es muss tatsächlich schwer zu verstehen sein. Doch: Das Abitur ist geschafft, das Trainerabitur. Klopp hat den Titel geholt. Und endlich konnte er etwas eingestehen, konnte er sich von etwas befreien, das er in den vergangenen Wochen verbergen musste: „Wir haben schon Stress gehabt, in der Spur zu bleiben.“

Der Launen freier Lauf

Jürgen Klopp kann seinen Launen den Lauf lassen. Die Öffentlichkeit erlebt seit Jahren seine Heiterkeit verbreitenden und manchmal auch zerstörenden Eruptionen. Ein fünftagebärtiger Mann, der breit grinsend Witze reißt, über alle, auch über sich selbst. Ein Mann, der mit angeschärfter Zunge jeden bearbeitet, der nach seiner unbedingt richtigen Einschätzung fehlgeleitet unterwegs ist. Das ist der Kloppo. Das war der Kloppo. Bisher. Eine authentische Ecken-Kanten-Erscheinung in einem Geschäft, das Persönlichkeiten entkernen und Hüllen zurücklassen kann. Doch dieser Kloppo ist ja auch erfolgreich, weil er Fußballprofi war UND Sportwissenschaft studiert hat. Er ist spontan UND reflektiert.

In seinem 100. Spiel im Dienste von Borussia Dortmund hat dieser 43-jährige Jürgen Klopp sein Werk vollendet. Nun steht er davor und betrachtet es. Er lobt seine Spieler, immer und immer wieder, und fragt sich doch, was fehlt. Vielleicht, weil es weiter geht und immer weiter, mit dem Fußballwerk.