Im Netz der Mafia

Roberto Scarpinato, Leiter der Staatsanwaltschaft von Calatanissetta. Foto: Schraven
Roberto Scarpinato, Leiter der Staatsanwaltschaft von Calatanissetta. Foto: Schraven
Foto: Schraven
Ein Killer aus Hagen verriet seine Auftraggeber, vor dem Gerichtstermin tötete er sich. Eine Spurensuche.

Hagen. Die Mafia in Deutschland ist fast unsichtbar. Sie verhüllt ihr Gesicht, ist interessiert an Geldwäsche, Drogenschmuggel und Ruhe. Denn nur, wenn es rundherum ruhig ist, kann sie auch handeln. Nur selten, wenn sie mordet, zeigt sie ihre brutale Fratze.

Zum Beispiel derzeit in Hagen. Dort finden sich in Unterlagen der Staatsanwaltschaft Hinweise auf ein besonders hinterhältiges Verbrechen. Ausgeführt von einem Auftragsmörder – angeblich auf Anweisung eines Mitglieds der „Stidda“, einer Abspaltung der sizilianischen Cosa Nostra. Angeblich ging es um einen Mietvertrag für eine Pizzeria, doch die wahren Hintergründe liegen wohl eher im organisierten Verbrechen, vielleicht werden sie nie aufgeklärt.

Die Spuren der Tat führen aus dem Ruhrgebiet nach Köln und von dort auch weiter nach Sizilien ins Dorf Riesi, eine halbe Autostunde von Corleone entfernt, dem Herzgebiet der Cosa Nostra und ihrer mörderischen Tochter, der Stidda. Die Aufzeichnungen der Sonderkommission „Global 2“ stützen sich auf die Angaben des späteren Mörders Michael Petzold. Seine Aussagen finden sich auf Video. Sie erlauben einen Blick ins Beziehungsgeflecht der Mafia in Deutschland.

Die Geschichte beginnt 2006 im März. Der frühere Gelegenheitsschauspieler Petzold wird aus der Haft entlassen, wo er wegen diverser Banküberfälle einsaß. Schon aus der Haft heraus will Petzold mit der Familie B. Kontakt aufgenommen haben.

Eine Pizzeria und zahlreiche Straftaten

Die Familie B. ist der Polizei bekannt. Sie betreibt in der Nähe von Hagen eine Pizzeria. Besonders der Chef der Familie, Giuseppe B. hat etliche Vorstrafen. Wegen räuberischer Erpressung, Nötigung, Diebstahl, Geldfälscherei, unerlaubten Waffenbesitzes und anderer Straftaten saß er in Haft. Er stammt wie sein Bruder Pasquale B. aus dem Dorf Riesi. Gemeinsam sind sie mit anderen Familienmitgliedern Anfang der 80er-Jahre in die Gegend von Hagen ausgewandert. Ermittler sagen, die Familie von Giuseppe B. gehöre wahrscheinlich zur Stidda.

Petzold kannte nach Aktenlage die Familie B. von früheren Straftaten. 1994 habe er das erste Mal mit Giuseppe B. eine Bank ausgehoben, sagte Petzold den Ermittlern. Später transportierte er Falschgeld für die Familie von Turin über München nach Dortmund. Jetzt, nach Jahren in Haft, sollte die Familie bei Petzolds Neustart helfen. Und sie tat es. Auf ihre Art.

Nach den Unterlagen, die der Polizei vorliegen, traf sich der Bruder von Giuseppe B., Pasquale B., mit Petzold kurz nach dessen Haftentlassung 2006. Für 10 000 Euro sollte Petzold den Pizzeria-Besitzer Umberto S. in Köln umlegen. Weitere 10 000 Euro sollte Giuseppe B. für die Tat als Kopf der Familie erhalten. Zahlen sollte angeblich der Auftraggeber des Mordes, der verurteilte Betrüger Mario L.

Angeblich ging es bei der Tat darum, dass Mario L. die Pizzeria des Opfers günstig übernehmen wollte. Doch ob das der wirkliche Hintergrund der Tat ist, bleibt offen. Umberto S. soll Beziehungen ins Rotlichtmilieu unterhalten haben. In seinem Nachlass fand die Polizei später große Bargeldsummen, deren Herkunft ungeklärt ist. Die Familie B. soll laut Petzold jahrelang im Falschgeld- und Drogengeschäft aktiv gewesen sein. Das Komplott jedenfalls nannte Pasquale B. laut Prozessunterlagen einen „Totalschaden“.

Schüsse durch den Boden der Aktentasche

Wie dieser Totalschaden aussah, stellte das Landgericht Hagen später unter dem Aktenzeichen 31 Ks 400 Js 42/10 fest. Der Familie B. sei es darum gegangen, den Pizzeria-Besitzer Umberto S. zum 6. Oktober zu töten. Einen Tag vor der geplanten Hochzeit seiner Tochter. Für die Tat übergab Pasquale B. dem Mörder Petzold laut Gericht eine Pistole der Marke Tokarev, Kaliber 7,62 Millimeter.

Am verabredeten Tag betrat Petzold die Pizzeria des Umberto S. gegen 14.15 Uhr. Er sagte, er wolle das Lokal für ein „Arbeitsessen“ mieten. Petzold ließ sich die Räume zeigen, zog die Waffe und schoss aus der Hüfte. Umberto S. schrie vor Schmerz auf. Petzold steckte die Waffe in eine Aktentasche, um Geräusche zu dämpfen, und feuerte durch den Lederboden. Einmal, zweimal, dreimal, in die Schulter, die Lunge, das Herz. Bis Umberto S. tot auf der Schwelle zur Küche liegenblieb.

Dann streifte Petzold seinem Opfer die Armbanduhr ab. Und verlies die Pizzeria durch einen Nebeneingang.

Ein paar Tage später traf er in Genua den Kopf der Familie, Giuseppe B.. Diesem übergab Petzold laut Gericht ein rotes Tuch. Darin eingeschlagen: eine Patrone und die Armbanduhr des Umberto S., als Symbole der Tat.

Offensichtlich war Giuseppe B. von dieser Geste angetan. Er nahm den Mörder mit in die Heimat. Nach Sizilien, in das Land der Mafia, nach Palermo, nach Corleone. Am Ende bot Giuseppe B. Petzold an, in Italien zu bleiben.

Doch es kam anders: Petzold kehrte zurück nach Deutschland. Hier wird er einige Jahre später geschnappt. In Haft hält er sich zunächst an die Omertà, das Schweigegelübde der Verbrecher.

Zwei Jahre später erschießt Giuseppe B. in Genua den Bäcker Valentino Pisano nach einem Streit. In einem Audi A 3 flüchtet Giuseppe B. in seinen Geburtsort Riesi und versteckt sich bei seiner Tochter. Fünf Tage später stellt ihn die Polizei, hier in seinem Geburtsort. Im Mai 2010 verurteilt das Landgericht Genua Giuseppe B. zu 20 Jahren Haft.

Wenige Monate später bricht Petzold in einem Indizienprozess überraschend sein Schweigen. Er packt über sein Verhältnis zur Familie B. aus. In der Folge klagt die Staatsanwaltschaft Hagen Giuseppe B., seinen Sohn sowie seinen Bruder Pasquale B. wegen gemeinschaftlichen Mordes an. Der Prozess gegen Giuseppe B. und seinen Sohn soll Mitte April in Hagen beginnen. Er wartet in einem deutschen Gefängnis auf seinen Prozess.

Pasquale B. steht seit einigen Wochen zusammen mit dem mutmaßlichen Auftraggeber Mario L. vor Gericht.

Auf den Zeugen Michael Petzold kann die Anklage nicht mehr setzen. Der aussagewillige Mörder hat in Einzelhaft Waschmittel geschluckt, sich die Pulsadern geöffnet und schließlich an einem Gürtel erhängt. Nur Stunden bevor er vor Gericht seine Anschuldigungen gegen Pasquale B. wiederholen sollte. Die Polizei schließt ein Fremdverschulden aus. Die Ermittlungen wegen des Selbstmordes sollen bald eingestellt werden.

Ein toter Zeuge, und alle anderen schweigen

Die Angeklagten schweigen. Der Anwalt des beschuldigten Mario L. sagt, Petzold habe Märchen erzählt. Sein Mandant kenne Petzold nicht. Das gleiche sagt der Anwalt von Pasquale B. Der Ex-Schauspieler habe sich alles ausgedacht. Zudem sei der Zeuge, dessen Aussagen nicht nachprüfbar seien, tot. Sein Mandant könne entlassen werden. Vielleicht passiert das sogar.

Italienische Experten warnen schon lange vor zu laschen Gesetzen im Kampf gegen die Mafia. Zum Beispiel Roberto Scarpinato. Der 50-Jährige ist sizilianischer Generalstaatsanwalt. In seinem Machtbereich gedeihen Cosa Nostra und Stidda. „Die Mafia ist wie ein Krebsgeschwür, sie wächst und wuchert überall in Deutschland, und niemand merkt etwas davon“, sagt Scarpinato. Deutschland habe „keine Antikörper“ gegen mafiöse Gewalt. Und wenn die Deutschen den Schmerz spüren, dann sei es zu spät.

 
 

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