Im Negerdorf geht noch immer die Post ab

Dennis Betzholz
Foto: WR, Klaus Hartmann

Kamen. Eine einladende Wiese, zwei dicke Buchen, eine liebevoll bepflanzte Lore auf zwei Meter langen Schienen, die an die Wurzeln der Siedlung erinnert. Das ist er, der Treffpunkt der Siedler im Negerdorf; gut versteckt hinter Häuserreihen, erreichbar nur über einen schmalen Feldweg. Hier feiern sie ihre gemeinsamen Feste, im Frühling, im Sommer, im Herbst. Es mag auf der Hand liegen, dass sie diesen zentralen Ort der Siedlung „Festwiese“ nennen.

Oft wird sie belagert. Das ist in erster Linie der Verdienst der Siedlergemeinschaft „Unterm Förderturm“ und ihres vierköpfigen Vorstands sowie der zwei Dutzend Helfer. Was 14 Siedler vor gerade einmal 26 Jahren ins Leben riefen, ist längst eine feste Institution – und nicht mehr nur eine Möglichkeit für die Hauseigentümer, beim Abschluss von Versicherungen Geld zu sparen oder sich eine kostenlose Gartenberatung einzuholen. 239 Siedler im Negerdorf und in der Lüner Höhe sind mittlerweile Mitglied in dem Verein.

Aber drehen wir die Uhr zunächst noch ein paar Jahre zurück: 1967, als die Festwiese noch ein Spielplatz war, wurden hier die ersten Häuser an die Kumpels vom Pütt verkauft. Eine Bergbausiedlung, von der es noch heute Überbleibsel gibt. Neben grünen Vorgarten-Oasen stehen sie nämlich noch: Verrußte Fassaden mit abgebröckeltem Putz und demolierten Fensterbänken. Garagen, die einst mit viel Herzblut gestrichen wurden, doch nach mehreren Sommern jede Menge Farbkraft eingebüßt haben. „Die Häuser haben sich schon sehr verändert. Nur der eine hat halt mehr, der andere weniger an seinem Eigenheim gemacht. Je nach Geldbörse eben“, sagt Maria Gerbling, seit 13 Jahren die 1. Vorsitzende der Siedlergemeinschaft.

Doch abseits der fünf Feste im Jahr und der alle zwei Jahre stattfindenen Vier-Tages-Tour ist von ausgiebiger Nachbarschaft wenig übrig geblieben. Zumindest empfindet das Maria Gerbling so. „Früher haben die Männer bis in die Nacht draußen gesessen – und als ich morgens wach wurde, hatten die das ganze Gulasch weggegessen“, erinnert sich die 70-Jährige. Selbst die Taubenzüchter, von denen es hier so manchen gab, entpuppten sich im Negerdorf einst als Anziehungspunkt: „Wenn die sonntags auf ihre Tauben warteten, kamen unzählige Leute und schauten gemeinsam in den Himmel. Wenn du wissen wolltest, was im Dorf los ist, musstest du dorthin gehen“, erzählt die gelernte Verkäuferin.

Männerclub für ein
intensives Miteinander

Alternativen für ein intensiveres Miteinander gibt es aber auch heute. Vor genau zehn Jahren hat sich etwa ein Männerclub in der Siedlung gegründet. Dem gehören derzeit elf Männer an, zwei derer sind Uwe Schwindling und Karl-Friedrich Frey. Sie schauen Fußball, gehen sogar ins Stadion – zum BVB versteht sich – und dinieren ein Mal im Monat gemeinsam.

Die Kumpel-Generation ist hier jedoch vom Aussterben bedroht. „Drei Viertel der Siedler sind unter 65“, sagt Maria Gerbling. Zwischen null und 89 Jahre sei aber alles vertreten. Das ist auch gut hörbar. Vormittags tollen nämlich die Jüngsten auf dem Spielplatz des Kindergartens an der Lintgehrstraße herum. Am Nachmittag verwandelt sich die Tempo-30-Zone in eine Spielwiese. Und ein abgenutzter, aber noch funktionstüchtiger Kaugummi-Automat lässt gerade ältere Siedler nostalgisch werden.

24 Euro kostet der Jahresbeitrag in der Siedlergemeinschaft. Neun Euro bleiben nach allen Abzügen für die Vereinskasse. Für Jubiläen, Geburtstage – und die Feiern auf der Festwiese.