Im Dortmunder Norden haust der Ekel

Seit Monaten ist das Haus an der Mallinckrodtstraße 317 im Dortmunder Norden von Rumänen bewohnt, die zum überwiegenden Teil keine Miete zahlen. Im Dachgeschoss sind teilweise die Fenster herausgebrochen
Seit Monaten ist das Haus an der Mallinckrodtstraße 317 im Dortmunder Norden von Rumänen bewohnt, die zum überwiegenden Teil keine Miete zahlen. Im Dachgeschoss sind teilweise die Fenster herausgebrochen
Foto: WAZ FotoPool
In der Mallinckrodtstraße 317 türmt sich der Müll Meter hoch. Rumänen und Bulgaren hausen in dem fünfstöckigen Haus. Polizei, Eigentümer und die Stadt wälzen die Zuständigeit aufeinander ab.

Dortmund.. Mallinckrodtstraße 317. Hier wohnt der Ekel. Müll in Säcken und daneben. Im Flur, auf dem Hof, vor der Tür. Tauben-Kot, verschimmelte Wände, gefüllte Windeln. Es riecht so wie es aussieht. Ratten hat eine Nachbarin noch nicht gesehen. Heute nicht. Vor der Tür steht ein klappriger Lastwagen, der Metallteile geladen hat. Aus einem Fenster im Erdgeschoss lehnt ein Mann im Unterhemd und sagt: „Wenn Sie sich wirklich in den Flur trauen, nehmen Sie eine Gasmaske mit!“

Der Mann gehört zu einer von fünf Mietparteien, die in diesem Schmutzhaus noch in einigermaßen geordneten Verhältnissen leben. Andere hausen, er wohnt. Dieser Mann besitzt sogar einen Mietvertrag: „Schön finde ich das Umfeld nicht, aber als Schwerbehinderter bekomme ich nur schwierig etwas anderes.“

15 Wohnungen im fünfstöckigen Haus unweit des Ha­fens sind einfach so belegt, wild. Von vielen Rumänen und einigen Bulgaren. Jessica Firzlaff von der „Promas“, die das Haus für ei­ne Wohnungsgesellschaft ver­waltet, schätzt: „Um die hundert bis hundertfünfzig Menschen dürften es sein.“ Kürzlich hat sie sich reingetraut, mit Männern vom Energieversorger, die Strom und Gas abgeklemmt haben. 25 000 Euro sollen hier innerhalb eines halben Jahres verheizt worden sein, gezahlt hat keiner. Firzlaff weiß nicht, wie das weitergehen soll.

40 Häuser auf der Liste

Das Haus an der Mallinck­rodtstraße gehört zu rund 40 Objekten in der Dortmunder Nordstadt, die unter be­sonderer Beobachtung stehen. „Bedenkenswerte Räumlichkeiten“ nennt Stadtsprecher Hans-Joachim Skupsch diese Liste, die die Arbeitsgruppe „Situation in der Nordstadt“ zusammengestellt hat. Die Zustände in „Nummer 317“ seien schlimm, aber nicht so schlimm, wie das, was die Stadt in zwei anderen Nordstadthäusern erlebt hat. In einem entdeckten die Mitarbeiter tote Ratten in der Dusche und bis zum Gehtnichtmehr verstopfte Klos. Beide Häuser wurden ge­räumt, „wegen höchster Infektionsgefahr“, erzählt Skupsch. Ähnlich ein Einsatz in Eving, ebenfalls im Norden. Dort befreite die Jugendhilfe in dieser Woche zwei Kleinkinder, 5 und 20 Monate alt, aus einer Wohnhölle ohne Kindernahrung. Sie kamen in die Kinderklinik. Und genau das ist der Punkt: „Wenn die Gesundheit gefährdet ist, sind wir an der Reihe, dann lassen wir räumen.“ Das sagt Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD). Im Falle von „Nummer 317“ seien Polizei und Stadt übereingekommen, „dass der Zu­stand keinen Einsatz rechtfertigt“, sagt er im Gespräch mit der WAZ. Aber: „Das Haus bleibt in unserem Fokus.“

Tagsüber geht es in Nummer 317 ruhig zu. Viele Wohnungstüren zweigen vom stinkenden Flur ab, keine wird geöffnet. Der Grund für so viel Leere ist für eine Nachbarin klar: „Die Frauen gehen auf den Strich, die Männer klauen. Ich lebe hier vierzig Jahre, so groß war meine Angst nie.“ Wo­möglich zu Recht: Polizei und Landeskriminalamt ge­hen da­von aus, dass sich die Nordstadt zum NRW-weiten Stützpunkt bulgarischer Bandenkriminalität entwic­kelt hat.

Straßenstrich in der Nähe

Der Dortmunder Straßenstrich liegt an der Ravensberger Straße, etwa eineinhalb Kilometer von dem besetzten Haus an der Mallinckrodtstraße entfernt. Polizeipräsident Hans Schulze nennt das Wachstum dort „Besorgnis erregend“. In den vergangenen zwölf Monaten habe sich die Situation verschärft. Aus einer überschaubaren Zahl bulgarischer Prostituierter seien 700 geworden. Dazu kä­men zwei- bis dreimal so viele Begleiter: Verwandte, Be­kannte, Zuhälter.

Mit dem Strich scheint es sich so zu verhalten wie mit den wild bewohnten Häusern: Würde geräumt, verschwinden die Probleme nicht, sie verlagern sich. Die Nachbarin von „Nummer 317“ hat ge­hört, dass einige der Rumänen und Bulgaren, die jetzt hier hausen, aus einem Haus umgesiedelt sind, das wenige hundert Meter weiter liegt und erst kürzlich geräumt wurde. Sie haben wohl einfach ihre Mülltüten gepackt, sind zu Dutzenden die Straße runtergezogen und in die nächste Hütte rein.

Probleme abwälzen

Was tun? Die Polizei sagt, das sei nicht ihr Problem, es sei eine zivilrechtliche Angelegenheit, Sache des Eigentümers. Die Stadt sagt, der Ei­gentümer wolle seine Probleme abwälzen, um zu sparen, denn eine Räumung kostet.

Und die Hausverwaltung sagt, dass sie die Immobilie eigentlich sanieren will und lange überlegt hat, die Besetzer entfernen zu lassen. „Mit 46 000 Euro müssten wir rechnen, aber die Probleme hätten wir nicht gelöst“, sagt Jessica Firzlaff. 46 000 Euro – das wären unter anderem die Ge­bühren für einen Gerichtsvollzieher. Er hätte aber nur die nach draußen befördern können, die namentlich be­kannt sind. Also etwa ein Drittel. Denn: Bei einer einstweiligen Verfügung muss der Be­schluss dem Betroffenen zugestellt werden können. Gegen weitere Anwesende kann der Ge­richtsvollzieher nichts ausrichten. Sie würden weiter herummüllen. In Nummer 317. Und in anderen Objekten.

 
 

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