Ihre Wohnung gehört den Katzen

Marlies Ruth gibt Katzen ein Zuhause, bis sie vermittelt sind. Foto: Christina Hesse
Marlies Ruth gibt Katzen ein Zuhause, bis sie vermittelt sind. Foto: Christina Hesse
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Marlies Ruth blickt sich um. Zuerst auf die beiden Kätzchen auf ihrem Schoß, dann auf die zerfetzte Tapete neben der Schrankwand und anschließend auf einen Katzenkorb. „Ja, das war mal meine Wohnung“, sagt sie - und dann lacht sie. Sie lacht nicht so, als wollte sie etwas schönreden. Sie lacht richtig ehrlich.

Werdohl/Neuenrade.. Das Leben der 54-Jährigen war schon immer sozial geprägt. Ihr Sohn ist Diabetiker und nahm als Kleinkind die besondere Fürsorge von Marlies Ruth in Anspruch. Aus diesem Grund hat sie ihren Beruf als Industriekauffrau damals aufgegeben. Ruths Mutter: Ein Pflegefall. Seit zehn Jahren kümmert sie sich um die Frau, die das Leben neu lernen musste, nachdem sie vier Monate im Koma gelegen hatte. Und dann kam der Tierschutzverein.

Übergangslösung jetzt Dauerzustand

„Ich habe schon immer Katzen gehabt“, erzählt Marlies Ruth und reicht einem Neugeborenen das Fläschchen. „Aber seitdem die Kapazitäten der Auffangstation am Kettling an ihre Grenzen kommen, nehme ich Pflegekatzen bei mir zu Hause auf.“ Das sei nur möglich, weil sie verwitwet ist. „Wäre mein Mann noch bei mir, könnte ich das hier nicht machen.“

Was zunächst nur eine Übergangslösung sein sollte, ist jetzt ein Dauerzustand. Innerhalb der letzten fünf Jahre haben die Gäste auf vier Pfoten die Wohnung mehr und mehr vereinnahmt. Regelmäßig kommen außerdem Interessenten, die gerne eine Katze aufnehmen würden. „Ich hatte noch nie so viele fremde Menschen in meiner Wohnung“, sagt die Neuenraderin. Aber sie freut sich über jedes vermittelte Tier und will keines der Katzen-Kinder auf Zeit behalten. Leider werde die Verweildauer der Miezen immer länger. Die Zustände in der Region würden sich eher verschlechtern als verbessern. Katzen würden einfach ausgesetzt, vermehrten sich unkontrolliert, weil sie nicht kastriert würden.

Jungtiere und schwangere Katzen

So ist sie auch zu den beiden Jungtieren gekommen, die unter sechs Wochen alt sind. Das Katzenmädchen und der kleine Kater haben noch fünf Geschwister. Im Zimmer nebenan liegt eine hochschwangere Katzendame. Bald werden es noch mehr sein, die rund um die Uhr versorgt werden müssen. „Es darf jetzt eigentlich nichts mehr kommen.“

Doch wenn etwas kommt, muss Marlies Ruth trotzdem handeln. „Ich will nicht die Welt retten, aber das hier kann ich tun, um sie besser zu machen“, sagt sie. Die Katzen hätten sie selbstbewusster gemacht. „Ich bin frecher geworden. Wenn jemand etwas Unrechtes tut, mache ich den Mund auf. Das habe ich mich früher nicht immer getraut.“ In den Urlaub sei die Beisitzerin des Vereinsvorstandes schon ewig nicht mehr gefahren. Im Moment sind Ferien in der Kita, wo sie eine von insgesamt drei Putzstellen hat. So bessert Marlies Ruth die Haushaltskasse auf. „Das reicht schon. Ein Buch, mein Balkon und eine Katze auf dem Schoß - das ist für mich Urlaub.“

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