Hundert Tage in Tibet

Kreis Wesel..  In den vergangenen Wochen ist aus York Hovest ein bekannter Mann geworden. Zeitungen, Radio- und Fernsehsender berichten, auf der Frankfurter Buchmesse wird er Reinhold Messner treffen und mit ihm über den Dalai Lama, sein Buch und das Abenteuer Tibet sprechen. „Unglaublich, wie sich mein Leben in den letzten hundert Tagen verändert hat“, sagt er. Angefangen hat alles im Kreis Wesel, in der ehemaligen Dinslakener Diskothek Glaspalast.

Der Held der Geschichte

York Hovest ist ein Mann, der auffällt. 1,90 Meter, schlank, dunkler Typ. 1978 kommt er in Wesel als Sohn des SPD-Politikers Ludger Hovest zu Welt. York macht eine Ausbildung zum Energieanlagen-Elektroniker. Es wird ihm früh zu eng am Niederrhein. Den jungen Mann plagt das Fernweh. Mit 18 gewinnt er einen Model-Wettbewerb im Dinslakener Glaspalast. Der Beginn einer Karriere: New York, Paris, Mailand. Doch bald wird ihm der Job langweilig. „Modeln gibt einem nichts für den Kopf“, sagt der heute 36-Jährige. York Hovest beginnt selbst zu fotografieren. 2007 macht er sich in München selbstständig: „Mode, Katalog, Beauty. Ich liebe meinen Job, aber es ist eine oberflächliche Welt.“

Das Versprechen

2011 liest York Hovest Heinrich Harrers „Sieben Jahre in Tibet“. Er ist infiziert. In ihm reift ein Plan. Er will den Dalai Lama fotografieren, um jeden Preis. Die Gelegenheit ergibt sich, als das Oberhaupt der Tibeter nach Wiesbaden kommt. York Hovest reist dorthin, seine Frau und Sohn Jasper nimmt er mit. Es ist der 21. August 2011. Im Nassauer Hof begegnet er dem Friedensnobelpreisträger zum ersten Mal. Der anderthalbjährige Jasper weint, Seine Heiligkeit wird aufmerksam. Jasper schenkt „Opa Lama“ ein Matchbox-Auto. In seiner anschließenden Rede spricht der Dalai Lama von einer möglichen Seelenverwandtschaft mit dem kleinen Jungen. In der Nacht kann York Hovest nicht schlafen. Das Treffen hat ihn tief berührt. „Ich wollte etwas tun für diesen Menschen.“

Am nächsten Tag schreibt er ihm: „Ich werde dein Auge und dein Ohr in deinem Heimatland sein.“ „Ich habe mir damals vor allem die Frage gestellt, ob die heutige Generation noch an ihn glaubt.“

Die Expedition

Es ist schwer, Tibet als Individualtourist zu bereisen. Im Namen des Dalai Lama ist es unmöglich. China erklärte ihn vor 40 Jahren zum Staatsfeind Nummer eins, man darf ihn nicht einmal erwähnen. York Hovest ist trotzdem entschlossen.

Doch er braucht einen Geldgeber. Er fragt bei der Wirtschaft an. „Alle fanden die Idee toll. Keiner wollte bezahlen.“ Schließlich findet er einen Sponsor. Man gibt ihm zehn Minuten, um den Mann am Telefon zu überzeugen. Hovest redete wie ein Wasserfall. Er hat kaum noch Hoffnung. „Ich bin beeindruckt“, sagt der Geschäftsmann. „Schicken Sie mir Ihren Expeditionsplan.“

Kein Mensch steigt einfach so auf 6000 Meter. Hovest trainiert wie ein Wahnsinniger. Er klettert in den Alpen, läuft mit einem 12-Kilo-Rucksack durch den Englischen Garten. Und er besorgt sich die notwendigen Genehmigungen. Man darf zu dieser Zeit nur Zentraltibet bereisen. Im Frühjahr 2012 fliegt er nach Nepal, um eine Mannschaft zusammenzustellen. In Sardar (Name geändert), einem Nepalesen mit tibetischen Wurzeln, findet er einen mutigen Sherpa. Im Annapurna-Gebiet, absolviert er die ersten 4000 Höhenmeter. Mit einer Propellermaschine reist er im Mai 2012 in Tibet ein. Rund 60 Tage dauert der erste Aufenthalt. York Hovest fotografiert die Gegend um Lahsa. Bis zum Kailash, dem heiligen Berg, kommt er nicht. In Old Dingri findet die Expedition ein jähes Ende.

Als sich zwei Tibeter öffentlich verbrennen, müssen Touristen das Land verlassen. Er will, er muss es noch einmal versuchen. Im April 2013 fliegt York Hovest ein zweites Mal nach Tibet. Er will zum Kailash, doch die Gruppe ist zu früh dran im Jahr. Der Westen Tibets ist vereist. Hovest wagt es trotzdem.

Er steigt 6000 Meter hoch, bricht ein ins Eis, streckenweise muss er robben. Jeder Meter wird zur Qual. Unterwegs erwischt ihn die Höhenkrankheit. Er kriegt keine Luft, die Kopfschmerzen sind unerträglich. Ein Abstieg ist in dieser Höhenregion unmöglich. Heute weiß er, dass er sein Leben riskiert hat.

Die Erkenntnis

40 Tage dauert die zweite Expedition. York Hovest hat sein Ziel erreicht. Er hat die Landschaft und das Leben des besetzten Tibet dokumentiert und Fotos geschossen von Orten, die kein Tourist zuvor gesehen hat: 9000 Aufnahmen insgesamt. Er hat Kontakt zu den Menschen bekommen, den scheuen Nomaden. Er erlebte chinesische Repressionen, stritt unentwegt und ängstigte sich fast zu Tode. Er hat den Mount Everest im Mondlicht fotografiert, von der tibetischen Seite aus - ein Bild zum Niederknien, er kämpft bei Minus 20 Grad. Er hat alles geschafft, was er sich vorgenommen hat.

Vor allem aber fand er die Spuren des Dalai Lama: Fast jeder Tibeter trägt ein Foto bei sich. „Bei der Unterdrückung in Tibet ist das ein geheimer Schatz.“ Mitte September ist bei National Geographic der Bildband „Hundert Tage Tibet“ erschienen, ein Buch mit Fotografien der beiden Trips. York Hovest reist nach Dharamsala im Norden Indiens, wo der Dalai Lama seit 1960 residiert. Er überreicht ihm sein Buch. Die Einlösung des Versprechens. Der alte Mann strahlt. Er betrachtet jedes Foto. Für York Hovest ist es der größte Lohn. Es scheint ihm, als habe sein Leben genau zu diesem Punkt geführt.

Jetzt schweigt Hovest. Er sieht plötzlich älter aus, reifer. Irgendwann habe er sich die Frage gestellt, was er seinen Kindern erzählen will, wenn er 70 ist, sagt er. „Mir liegt viel daran, alte Kulturen zu bewahren, damit wir uns nicht alle irgendwann abschaffen.“ Inzwischen gibt’s neue Ideen. Er würde gern in das brasilianische Amazonas-Gebiet reisen, in dem die Indianer mit Pfeil und Bogen gegen die Bagger ankämpfen, die im Namen der Zivilisation die Welt zerstören.

 

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