Huhn ist eben nicht gleich Huhn

Anna Mayr
Foto: Henryk Brock

Königsborn. Mit einem gezielten Griff zieht Gustav Klever eine kleine Taube aus ihrem Käfig. Das Tier guckt etwas verdutzt, während Klever den Flügel ausfaltet und erklärt: „Das hier sind sehr schöne Federn, glänzend, sauber, die richtige Farbe.“ 93 Punkte – sehr gut. Zur Bestnote „vorzüglich“ fehlen der Taube leider vier Punkte. Betreten schaut sie zu ihren besser bewerteten Mitstreitern hinüber. Denn nur eine kann gewinnen.

Gemeinsam mit fünf weiteren Preisrichtern zog Klever am Freitagmorgen hunderte Hühner, Enten und Tauben aus ihren Käfigen, betrachtete Kopf, Schnabel, Körperbau, Füße und Kamm. Anschließend kommen die Tiere zurück in ihre Käfige.

„Um Persönlichkeit geht es uns hier natürlich nicht, nur das Äußere zählt“, erklärt Klever. Die Geflügelbranche – anscheinend eine der oberflächlichsten Nischen unserer Gesellschaft. Deshalb hat der Kreisverband Unna-Hamm auch eine Ausstellung organisiert, auf der es im Wesentlichen um die Fleischbeschau der Tiere geht.

Huhn Nummer 311 (Name geändert) ging leider ohne Bewertung nach Hause, denn sein verkrüppelter Kamm entsprach in keiner Weise den Anforderungen der Richter. Jedoch konnte das Leid des Verlierers mit Taube 142 geteilt werden – ihr deformiertes Brustbein versperrte den Weg zum glorreichen Sieg.

„Taube ist nicht gleich Taube, Huhn ist nicht gleich Huhn“,, betont Wilhelm Dördelmann, Vorsitzender des Rassegeflügelzuchtvereins Unna-Lünern. Und tatsächlich: Große, kleine, dicke, dünne, blaue, bunte, weiße, braune, gepunktete und tiefschwarze Tiere sitzen im Freizeitzentrum Unna-Königsborn das ganze Wochenende gemeinsam in einer großen Halle und quaken, krähen, piepsen, was das Zeug hält. Untereinander ist man natürlich Konkurrenz. In diesem Geschäft kann nur der Schönste gewinnen.

Auch deshalb werden Hühner mit Persönlichkeitsschwächen nicht ausgeschlossen – an einem Käfig hängt ein handgeschriebenes Pappschild: „Vorsicht! Kampfhahn!“ Der Hahn darin schaut eigentlich sehr friedlich drein, seine diabolische Seite bleibt dem Laien (noch) verborgen.

„Die Leute haben ja keine Ahnung, wie viele Rassen es gibt. Sie kennen nur die braunen und die weißen Hühner, dabei gibt es so viel mehr als die.“, gibt Dördelmann zu verstehen, nur gelegentlich unterbrochen von einem lauten „Kikeriki“ des Kampfhahnes hinter ihm. Und das ist es auch, was die Züchter an ihrer Arbeit haben. Die Erhaltung von Geflügelrassen, die zwischen Massentierhaltung und Artensterben schon längst aus den Köpfen der Nicht-Züchter verschwunden sind. Bei Dördelmann gibt es kein „normales“ Huhn. Stattdessen gibt es Italiener, japanische Seidenhühner und Zwerg-Orpingtons. Eier legen sie alle. In den kleinen Ausstellungskäfigen kommt ein bisschen Mitleid für die Geflügelschönheitskönige auf. Doch zu Hause, versichern die Züchter, haben die Tiere Auslauf und große Ställe.

„Ein Tier, das nicht gut gehalten wird, könnte man hier nicht ausstellen. Der Züchter wird von uns direkt auf ein krankes oder unvitales Tier angesprochen“, versichert Dördelmann. Und Gustav Klever fügt hinzu: „Dreckige Hühner bekommen keine Punkte!“

Etwas besser getroffen hat es die japanischen Seidenhühner. Sie treten heute nicht etwa allein, sondern im Team an. Denn auch die Schönheit eines ganzen „Hühnersatzes“ kann bewertet werden. Zur Stärkung der Gruppendynamik pickt man aus einem gemeinsamen Futtertrog.

Doch dem Rassegeflügelzuchtverband geht es nicht nur prächtig. Ein Großteil des Vereins wird langsam alt und möchte die Profession natürlich weiter erhalten sehen. Die Jugendgruppe kann immer Verstärkung gebrauchen.

Sollte sich jemand berufen fühlen, sich 365 Tage im Jahr dem federigen Tier zu widmen, wird ihm geraten, erst einmal einen Züchter in seiner Nähe aufzusuchen. Ein guter Preis für eine weiße Taube läge dann bei etwa 20 Euro – einmal in Taube und Täuberich investiert, kann man sich dann schon bald über Küken freuen. Und von einer eigenen Zucht hat man was: „Ein Huhn legt ungefähr jeden Tag ein Ei. Irgendwann wird das Tier auch geschlachtet, deswegen sollte man ihm auch lieber keinen Namen geben.“ Huhn Nummer 311 muss also nicht nur wegen seines schlechten Kamms miese Laune haben – auch die Aussicht auf den Kochtopf hängt über dem Geflügelleben.

Die Rassegeflügelausstellung ist heute von 11 bis 18 Uhr und Sonntag von 10 bis 14 Uhr für alle Besucher und neugierigen Nicht-Züchter in der Freizeitstätte Königsborn, Luisenstraße, geöffnet.