Hinweise im Fall Stolzenau und Arzu nach „Aktenzeichen XY“

Ein Zelt steht in Stolzenau (Landkreis Nienburg/Weser) vor einem Zelt in der Strasse "Allee", wo die 13-jährige Souzan auf offener Strasse von ihrem Vater erschossen wurde Foto: HannoverReporter.de/dapd
Ein Zelt steht in Stolzenau (Landkreis Nienburg/Weser) vor einem Zelt in der Strasse "Allee", wo die 13-jährige Souzan auf offener Strasse von ihrem Vater erschossen wurde Foto: HannoverReporter.de/dapd
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Nachdem die ZDF-Kriminalsendung "Aktenzeichen XY" über die beiden Fälle der kurdischen Mädchen Souzan und Arzu berichtete, hoffen die Polizei in Detmold und Nienburg weiter auf eine heiße Spur. Souzan ist auf offener Straße von ihrem Vater erschossen worden. Die 18-jährige Arzu wurde verschleppt und ist seitdem verschwunden.

Essen.. Ihre Geschichten sind sich ähnlich: Zwei junge Frauen, beide aus kurdischen Familien. Hier in Deutschland waren sie gut integriert. Zu gut, wie es scheint. Die 13-jährige Souzan wurde am 5. Dezember von ihrem Vater erschossen. Sie wollte nicht mehr zuhause wohnen. Die 18 Jahre alte Arzu hatte sich in einen Deutschen verliebt. Am 1. November wurde sie von ihren Geschwistern verschleppt. Seitdem fehlt von ihr jede Spur.

In beiden Fällen hofft die Polizei nun auf neue Hinweise aus der Bevölkerung. In der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ rief Moderator Rudi Cerne am Mittwochabend die Fernsehzuschauer zur Mithilfe auf.

Vater von Souzan weiter auf der Flucht

Der Fall Souzan aus Nienburg bei Hannover erschütterte vor eineinhalb Wochen ganz Deutschland. Auf offener Straße tötete Ali Barakat seine Tochter mit sechs Schüssen in Kopf, Genick und Oberkörper. Die Jugendliche war vor einem halben Jahr von zuhause ausgezogen. In der Familie hatte es Probleme gegeben. Laut „Bild“-Zeitung soll das wie andere deutsche Teenager lebende Mädchen vor seinem gewalttätigen Vater geflüchtet sein. Seitdem lebte sie in einer Jugendhilfeeinrichtung.

An dem besagten Montag sollte es im Jugendamt im Nachbarort Stolzenau eine Aussprache zwischen der 13-Jährigen und ihren Eltern geben. In dem Gespräch sollten die Kontakte zur Familie geregelt werden. Ali Barakat fuhr offensichtlich mit anderen Gedanken zu dem Gespräch, denn der 35-Jährige nahm eine Waffe mit. Das Treffen mit seiner Tochter verlief anscheinend nicht so, wie es sich der Vater, ein Döner-Verkäufer, vorgestellt hatte. Auf dem Weg zum Auto drehte er um und schoss auf seine Tochter. Das Mädchen starb sofort. Ali Barakat flüchtete im Auto. Polizisten fanden den Wagen einen Tag später im 30 Kilometer entfernten Minden.

Bisher keine heiße Spur

Während Souzan am gestrigen Mittwoch in Hannover beerdigt wurde, sucht die Kripo weiterhin nach dem mutmaßlichen Mörder. „Wir haben nach wie vor keine Spur des Flüchtigen“, sagte ein Sprecher der Polizeiinspektion Nienburg/ Schaumburg vor der Sendung. Aus diesem Grund habe sich die Staatsanwaltschaft dazu entschieden, die Bevölkerung mittels „Aktenzeichen XY... ungelöst“ einzubeziehen. Laut Sprecher erhofft sich die Polizei „konkrete Hinweise auf den derzeitigen Aufenthaltsort“ von Ali Barakat. Es sei vollkommen unklar, ob sich der 35-Jährige im Bundesgebiet, im benachbarten europäischen Ausland oder gar im Irak aufhalte.

„Vielleicht hat ihn jemand am Bahnhof oder am Flughafen gesehen“, hofft der Polizeisprecher. Der Mann ist irakischer Staatsbürger, 1,75 Meter groß und korpulent. Er hat kurze schwarze Haare mit Geheimratsecken und kräftige Augenbrauen. Bis zur Tat trug er einen Schnauzbart. Zuletzt war er mit dunkler Jacke und Wollmütze bekleidet. Der 35-jährige spricht gebrochen deutsch, aber fließend arabisch und kurdisch. Wer den Mann erkenne, solle die Polizei anrufen. Da er vermutlich bewaffnet sei, warnen die Beamten davor, selbst aktiv zu werden. Hinweise nehmen die Fahnder in Nienburg unter 05021-9778555 entgegen.

Bis Donnerstagmorgen sind bei der Polizei Nienburg/Schaumburg rund 20 Anrufe eingegangen. Doch konkrete Hinweise hat es dabei nicht gegeben: „Das waren keine erfolgversprechenden Ergebnisse. Aber wir hoffen weiter“, erklärt der Polizeisprecher.

Geschwister von Arzu nach Entführung im Gefängnis

Auch im Fall der 18-jährigen Arzu Özmen aus Detmold wollen die Fahnder nun „eine noch breitere Öffentlichkeit erreichen“, wie ein Polizeisprecher vorab mitteilte. Es gebe „noch keine heiße Spur“ nach der jungen Frau. Deshalb wendeten sie sich an „Aktenzeichen XY…ungelöst“. Die Kurdin war am 1. November von fünf ihrer neun Geschwister überfallen und verschleppt worden.

Im Sommer hatte sie in einer Bäckerei ausgeholfen und sich in den Bäckergesellen verliebt. Das Mädchen erzählte der Familie von dem 21-Jährigen und soll vorgeschlagen haben, den jungen Mann den Eltern vorzustellen. Doch die Entwicklung nahm einen anderen Lauf. Der Vater soll Arzu eingesperrt, krankenhausreif geprügelt und nach einem türkischen Mann für sie gesucht haben. Die junge Frau flüchtete in ein Frauenhaus, veränderte ihr Aussehen und legte sich eine neue Identität zu. Allerdings traf sie sich weiter mit ihrem Freund - bei ihm zuhause. Die Geschwister beobachteten sie.

Suche nach der verschleppten Arzu geht weiter

In der Nacht zum 1. November drangen sie bewaffnet in die Wohnung ein und entführten ihre Schwester. Ihrem Freund wurde bei dem Überfall ein Finger gebrochen. Vier Brüder und eine Schwester sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Alle fünf schweigen, genauso wie die Eltern und die jesidische Gemeinde, zu der Familie Özmen gehört. Zeugen wollen in der Tatnacht Schüsse in einem nahe gelegenen Wald gehört haben. Mit Hubschraubern, Hundertschaften und Leichenspürhunden suchte die Polizei nach dem Mädchen. Bislang ohne Erfolg.

„Wir setzen alles daran, den Fall aufzuklären“, sagt der Sprecher der Kreispolizeibehörde Lippe. Deshalb hat die Oberstaatsanwaltschaft nun die Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ eingeschaltet. „Wir hoffen, dass Zuschauer aus der Region noch einmal darüber nachdenken, was ihnen aufgefallen ist und sich dann melden.“ Arzu Özmen ist 1,65 Meter groß, schlank und hat kurze blond gefärbte Haare. Zuletzt trug sie eine schwarze Jacke, ein schwarzes T-Shirt, sowie eine dunkelblaue Jeans und einen Schal.

Für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat, Ermittlung der Täter und insbesondere zur Auffindung der verschleppten jungen Frau führen, hat der leitende Oberstaatsanwalt eine Belohnung in Höhe von 5.000 Euro ausgesetzt. Die Zuschauer können den Beamten in Detmold unter 05231-6090 Anhaltspunkte mitteilen. Bereits am Ende der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“ gab es in dem Fall „einige Hinweise“. Ein Anrufer will das Mädchen sogar am Mittwochnachmittag gesehen haben.

Bis zum Morgen nach Ausstrahlung der Sendung riefen bei der Polizei in Detmold zehn Menschen an. Die Anrufe seien aus ganz Deutschland, zum Beispiel aus Süddeutschland, gekommen. „Da waren ein paar interessante Hinweise dabei. Ob es eine heiße Spur gibt, wird sich noch zeigen“, sagt der Sprecher der Kreispolizeibehörde Lippe.

 
 

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