Haßloch ist das deutsche Durchschnittsdorf

Andreas Böhme
Testkauf: Die Gesellschaft für Konsumforschung ist in Haßloch mit einer Einkaufskarte unterwegs. Foto: ddp
Testkauf: Die Gesellschaft für Konsumforschung ist in Haßloch mit einer Einkaufskarte unterwegs. Foto: ddp
Foto: ddp images/Katja Lenz

Haßloch.  Seine Durchschnittlichkeit macht Haßloch besonders – und zum Testgebiet. Die Gesellschaft für Konsumforschung probiert hier neue Produkte. Drum sind die Haßlocher die ersten, die ein neues Waschpulver ausprobieren dürfen. Und manchmal auch die letzten.

Auf den ersten Blick ist Haßloch nichts besonderes. „Auf den zweiten auch nicht”, sagt Bettina Finco und lacht. Durchschnitt ist der 20 000-Seelen Ort nahe der Deutschen Weinstraße. Aber gerade das macht ihn dann doch wieder besonders. Macht ihn zum größten Testmarkt Deutschlands. Wenn du es in Haßloch schaffst, kannst du es überall schaffen. Jedenfalls als Waschpulver. Oder als neuer Joghurt. „Deshalb hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Haßloch als Testgebiet ausgewählt”, sagt Bettina Bartholomeyzik, Studioleiterin der GfK vor Ort.

Gut 25 Jahre ist das her. Und Bettina Fincos Eltern zählten damals zu den ersten, die sich als Tester zu Verfügung stellten. Seit 1995 sind auch die Fincos Musterdeutsche – zusammen mit 2999 weiteren Haushalten im Ort. „Ist nicht viel Arbeit”, sagt die zweifache Mutter. Sie muss nämlich nur eine kleine Chipkarte mitnehmen, wenn sie einkaufen geht im Dorf. Diese Karte legt Finco an der Kasse vor. Egal ob bei Lidl, Penny oder Real. Rund 90 Prozent des Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel werden so erfasst. Nur Aldi spielt nicht mit. Ein kurzer Pieps und alles, was Frau Finco kauft, wird registriert und abends an die GfK gesandt. Nicht unter „Finco” sondern unter „Haushalt mit zwei Kindern”. Deshalb sieht sich die 48-Jährige auch nicht als „gläserne Kundin”: „Andere Firmen wissen mehr über mich.”

Doch die Infos von den Kassen sind längst nicht alles. Auch die Wirkung von Werbung kann in Haßloch besser getestet werden als sonstwo zwischen Kiel und Konstanz. Jede Woche bekommen zwei Drittel der Testhaushalte von der GfK eine große deutsche TV-Zeitschrift zugeschickt. Die hat das gleiche Programm, die gleichen Witze und Berichte wie im Rest des Landes, aber andere Anzeigen. Und viele Werbespots, die über den Bildschirm der Fincos flimmert, sind in keiner anderen Stadt zu sehen. Mitarbeiter der GfK spielen sie ein. Ganz unauffällig irgendwo in einen Werbeblock der neun größten TV-Sender. „Wir merken da aber nichts von”, sagt Finco. Auch die Testware in den Supermarktregalen ist nicht zu erkennen. Sie geht im Sortiment von rund 40 000 Marken unter.

Alles ist geheim

Alles Absicht. „Wichtig ist, dass die Menschen alltäglich leben und sich ihrer Bedeutung für die Marktuntersuchung nicht bewusst sind“, sagt Bettina Bartholomeyzik. Deshalb ist auch streng geheim, was gerade in der Pfalz getestet wird. Anfragen dazu sind bei den meisten Unternehmen so willkommen, wie ein Wespenschwarm beim Sommerpicknick. „Kein Kommentar“, heißt es beim Thema Haßloch. Bekannt ist nur, was hier angeblich mal gestestet wurde. Als gesichert gilt, dass ein neues „Lenor” sich in Haßloch bewähren musste. Oder der Schokoriegel „Pick Up”. Gemunkelt wird auch von Kaugummi, Frühstücksflocken und Erfrischungsgetränken.

Bartholomeyzik schweigt dazu. Von ihr ist nur zu erfahren, dass jährlich um die 30 Produkte ins Rennen geschickt werden. Und dass so ein Test den Hersteller locker mal eben 300 000 Euro kosten kann. Ist nicht wenig. Aber immer noch weniger als ein Flop nach bundesweiter Markteinführung. Der kostet Millionen – vom Imageschaden ganz zu schweigen.

Einen Nachteil aber hat das Haßloch-Experiment. Schutzlos ist hier der Konkurrenz ausgeliefert, was oft monatelang hinter verschlossenen Türen entwickelt wurde. Und anders als die Tester im Ort, wissen die Mitbewerber, wonach sie in den Läden gucken müssen. Das beschert dem Dorf einen Rekord. „Kein anderer Ort in Deutschland”, heißt es in der Branche, „wird von Außendienst-Mitarbeitern so häufig besucht wie Haßloch.“