Handy meldet Omas Standort per GPS

Der Chip schlägt Alarm, wenn demenzkranke Patienten den Raum verlassen. Dafür werden die Kranken mit einem Armband ausgestattet. Foto : Markus Weißenfels
Der Chip schlägt Alarm, wenn demenzkranke Patienten den Raum verlassen. Dafür werden die Kranken mit einem Armband ausgestattet. Foto : Markus Weißenfels
Foto: NRZ

Siegen. Nicht nur Verbrecher bekommen eine elektronische Fußfessel, sondern auch immer mehr altersverwirrte Menschen. Die Uni Siegen und ein Kölner IT-Unternehmen arbeiten an einem Gerät, das Ortungsdaten aufs Handy sendet.

Frau Janikowski war nur zwei Stunden weg. Man fand sie Dienstagnachmittag unversehrt im Raum Aachen, aber zwei Stunden sind lang, wenn man 73 ist, schlecht zu Fuß und allein bei sieben Grad und Westwind – und demenzkrank. Vielleicht hätte Familie Janikowski der Oma einen Chip in den Schuh gewünscht oder einen Sender an die Hand, um sie schneller zu finden: In der Pflege älterer Menschen, die ihren Orientierungssinn verloren haben, haben Weglaufschutz- und Ortungssysteme Einzug gehalten. Sie sollen helfen, Verwirrte bereits beim Verlassen eines Pflegeheims zu hindern oder sie draußen aufzuspüren.

Ihr Einsatz aber wirft Fragen nach der Würde dieser Menschen auf. Von einem „Spagat“ spricht die Mitarbeiterin einer Bochumer Einrichtung für Betroffene. Die Fürsorge für einen Kranken stehe gegen den Anspruch, ihn nicht bevormunden zu wollen. Tatsächlich argumentiert mancher Amtsrichter, der über den Einsatz eines Senders entscheiden muss, mit Artikel 1 des Grundgesetzes und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben; der überwachte Patient dürfe nicht zum Objekt werden.

Neu: Daten werden per GPS aufs Handy geschickt

Die Universität Siegen arbeitet derzeit an einem Ortungssystem, das möglichst allen Beteiligten gerecht werden will: den Kranken, den Pflegern, aber auch den Angehörigen, deren Erfahrungen erstmals mit ausgewertet wurden. „Das System soll in den Alltag der Menschen passen“, sagt Claudia Müller, Koordinatorin des Forschungsprojekts, das vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird. „Der Sender mit dem Datenchip muss an die Biografie des Menschen angepasst sein.“ Wer etwa sein Leben lang eine Armbanduhr getragen habe, der akzeptiere auch ein Armband mit Chip. Bei Frauen könne das Ortungssystem in eine Brosche oder Halskette eingearbeitet sein. Ein Sender in der Jackentasche habe sich indes nicht bewährt. „Altersverwirrte räumen häufig ihre Taschen aus, aber nicht immer vollständig wieder ein.“

Neu ist: Das Siegener System sieht vor, dass der Sender den Aufenthaltsort eines Menschen per GPS an einen Rechner oder ein Mobiltelefon meldet. Personen, die einen Vermissten suchen, können dadurch ständig dessen Route via Handy verfolgen.

„Bisher sind die Sender sehr klobig gewesen“, sagt Jürgen Kafczyk von der Diakonie Mark-Ruhr. Das von ihm geleitete Johannes-Mergenthaler-Haus in Schwerte setzt für Demenzkranke seit Jahren einen Weglaufschutz ein: Im Schwesternzimmer gibt es einen stillen Alarm, wenn eine Person das Haus durch eine Außentür verlässt. „Danach können wir sie nicht mehr orten.“ Eine Weiterentwicklung hält Kafczyk für hilfreich. Es biete mehr Sicherheit bei offenen Türen, denn: „Schließlich sind wir ja keine geschlossene Einrichtung.“

Bislang haben sich viele Heime bei der Einführung von Ortungs-Chips zurückgehalten. Sie fürchten um den Datenschutz – und setzen auf andere Lösungen, um Demenzkranke in ihrer Umgebung zu halten: „Das A und O ist die sinnvolle Beschäftigung“, so eine Mitarbeiterin. Richtig angewendet, heißt es bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, könne der Chip aber auch eine Einweisung in eine geschlossene Einrichtung verhindern.

 
 

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