Guttenbergs Entscheidung löst Rätselraten aus

Der Ex-Kommandant des Segelschulschiffes "Gorch Fock", Norbert Schatz. (Foto: dapd)
Der Ex-Kommandant des Segelschulschiffes "Gorch Fock", Norbert Schatz. (Foto: dapd)
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Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beendet unerwartet schnell die Karriere des Kommandanten der Gorch Fock und löst damit gewisses Rätselraten aus. Selbst Marine-Experten ist die Entscheidung rätselhaft.

Berlin. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beendet unerwartet schnell die Karriere des Kommandanten der Gorch Fock und löst damit gewisses Rätselraten aus.

Ginge es nach Plan, Norbert Schatz würde nach zehn Monaten und 42 000 Kilometern auf hoher See erst am 25. Juni rechtzeitig zur großen Winderjammerparade wieder in den Heimathafen einlaufen. Stolz, in der weißen Ausgeh-Uniform mit den vier goldenen Ärmelstreifen eines Kapitäns zur See, an Deck seines Schiffes stehen und den jubelnden Menschen am Ufer zuwinken.

Daraus wird nun nichts mehr. Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) schickt den Kapitän der Gorch Fock nicht Kiel holen. Er holt ihn zurück nach Kiel. Karrieretechnisch ist der Unterschied marginal.

Für den 53-jährigen Vater zwei Kinder, der auf dem Bodensee das Segeln lernte und vor 35 Jahren selbst als Kadett auf der „schwimmenden Botschafterin“ der Marine ausgebildet worden war, markiert der Befehl, den er am späten Freitagabend per Telefon am Ende der Welt erhielt, den bittersten Moment seiner Laufbahn.

Marine-Experten rätseln

Schatz ist ab sofort von seinen Aufgaben entbunden. Damit nicht genug. Eine Untersuchungskommission soll klären, ob und wie es mit dem Segelschulschiff Gorch Fock überhaupt weitergeht. Ewiges Trockendock nicht ausgeschlossen. Bereits nächste Woche übernimmt sein Vorgänger Michael Brühn das Ruder. Aber nur, um den knapp 90 Meter langen Dreimaster aus dem südargentinischen Hafen Ushuaia auf schnellstem Weg bis Anfang Februar zurück nach Kiel zu steuern.

Wie und warum es zu dieser Entscheidung kam, nachdem Guttenberg noch am Freitag im Bundestag für eine besonnene und sorgfältige Aufklärung der Vorwürfe rund um den tödlichen Sturz einer 25-jährigen Kadettin plädierte, die am 7. November 2010 aus 27 Metern Höhe aufs Deck gefallen war, erscheint selbst Marine-Experten rätselhaft. „Mich hat’s echt geschmissen, als ich das hörte“, sagte ein Marine-Mitglied, das derzeit an der Südspitze Feuerlands ist, im Gespräch mit DerWesten.

Düsteres Bild

Dort unten hatte man sich darauf eingestellt, dass am kommenden Donnerstag der Chef des Marineamtes, Konteradmiral Hans-Dieter Kolletschek persönlich mit einem Juristen und zwei Mitarbeitern des Bundestags-Wehrbeauftragten Königshaus (FDP) eintreffen soll, um die schweren Vorwürfe von ehemaligen Kadetten der Gorch Fock zu überprüfen.

Als da wären: Mitglieder der Stammbesatzung sollen unmittelbar nach dem Tod von Obermaat Sarah Lena Seele etliche Kadetten schwer drangsaliert und schikaniert haben. Tenor: Wer trotz des tödlichen Sturz nicht gewillt war, ohne zu murren in die Takelage der bis zu 45 Meter hohen Masten zu klettern („aufentern“), dem sei mit dem Ende der Laufbahn gedroht worden. Klagen über sexuelle Übergriffe und eine als deplatziert und zynisch empfundene Karnevalsfeier an Bord wenige Tage nach dem tödlichen Zwischenfall runden das düstere Bild ab.

Entstanden ist es, als ein Teil der Offiziersanwärter, die im November im Gefolge des tödlichen Sturzes von der Gorch Fock nach Deutschland ausgeflogen worden waren, sich vor gut zehn Tagen in der Marineschule Mürwik bei Flensburg dem Wehrbeauftragten des Bundestages offenbarten.

Nacht-und-Nebel-Aktion

Ob die Klagen tatsächlich in vollem Umfang zutreffen, was Kommandant Schatz und seine wichtigsten Offiziere dazu sagen, ist bis heute unbekannt. Gleichwohl ließ Minister Guttenberg die „Bild am Sonntag“ vorsorglich offenbar schon am Freitag wissen: „Ich habe den Inspekteur der Marine angewiesen, den Kommandanten des Schiffes von der Führung des Schiffes zu entbinden“.

Am Samstag lieferte er am Rande eine Bundeswehrveranstaltung in Koblenz die etwas kryptisch klingende Begründung nach. „Nach einer derartigen Häufung von faktisch erschütternden Berichten kann niemand zur Tagesordnung übergehen. Dort, wo Konsequenzen gezogen wurden, mussten sie gezogen werden.“ Faktisch erschütternd? Gemeint kann damit, eingedenk einer noch ausstehenden internen Untersuchung der Marine, nur ein „Bild“-Bericht von diesem Samstag gewesen sein, indem ein anonymer Zeuge die oben genannten Vorwürfe im Kern noch einmal wiederholt.

Reicht das aus, um einen weithin anerkannten Kommandanten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Amt zu heben, der etwa für seine Arbeit auf der Fregatte „Bayern“ während des Einsatzes bei der Anti-Terror-Operation „Enduring Freedom“ am Horn von Afrika mehrfach ausgezeichnet wurde?

Hat es Kommandant Schatz übertrieben?

Schatz hat 1976 selbst als Kadett auf der Gorch Fock begonnen, war Decksoffizier, Segeloffizier und bis 1999 Erster Offizier, bevor er 2006 die Chefrolle übernahm. Der drahtige Bergsteiger und Marathonläufer, der in Wilhelmshaven lebt, ist ein Mann klarer Worte. Es gehe auf der Gorch Fock darum, „aus verhätschelten Individualisten Seeleute und Teamspieler zu formen“, hat er einmal sein Ausbildungscredo beschrieben.

Hat Schatz es dabei übertrieben und alle Errungenschaften einer modernen Pädagogik über Bord geworfen? Tatsache ist, dass seit Ende 1958 knapp 15 000 junge Männer und Frauen auf der Gorch Fock ihr seefahrerisches Handwerk gelernt haben; die weitaus meisten ohne größere physische Folgeschäden. Mindestens zwei der insgesamt sechs bekannten tödlichen Unfälle haben sich ereignet, seit Schatz am Ruder steht. Erst im September 2008 stürzte die 18-jährige Offiziersanwärterin Jenny Böken aus Nordrhein-Westfalen auf dem Segelschulschiff bei der Nachtwache in die Nordsee und erstickte in der Gischt. Die Umstände sind bis heute nicht aufgeklärt.

Eine Klage, die auch die Mutter von Sarah Lena Seele erhebt. Bis heute sei sie nicht genau über den Hergang unterrichtet worden, sagte Annika Seele (45) in Interviews und kündigte an, Strafanzeige gegen die Bundesrepublik Deutschland stellen zu wollen. Begründung: Man habe ihre Tochter damals nach über 20-stündiger Anreise gegen ihren Willen in die Takelage gezwungen. Eine Einschätzung, der die Kieler Staatsanwaltschaft bislang offiziell widerspricht. Trotzdem hat Guttenberg die Ablösung des Kommandanten betrieben. Warum?

„Das ist nur noch beliebig und kein Führungsstil“

Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Omid Nouripour, wundert sich: „Morgens erklärt uns zu Guttenberg, er verbitte sich jede Vorverurteilung auf Grundlage von Medienberichten und abends entlässt er den Kommandanten des Schiffes wegen dieser Medienberichte. Das ist nur noch beliebig und kein Führungsstil.“

Was die FDP ganz anders sieht. Elke Hoff, verteidigungspolitische Sprecherin und sonst durchaus kritisch gegen den CSU-Star unterwegs, wie auch der Wehrbeauftragte Königshaus (ebenfalls FDP) lobten Guttenberg am Samstag demonstrativ für die Entscheidung. Klar Schiff machen nennt man das wohl. Oder: Schatz über Bord.

Für die SPD ist das Thema damit noch lange nicht erledigt. „Der Aufklärer Guttenberg wird das Thema nicht von sich weghalten können, auch wenn er weiter Untergebenen die Verantwortung zuschiebt“, sagte Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier am Samstag. Linksparteichef Klaus Ernst stößt ins gleich Horn. Von Guttenberg werde kein „Bauernopfer“ verlangt, sagte er, sondern vollständige Aufklärung, kombiniert mit einer lückenlosen Berichterstattung an das Parlament.

 
 

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