Für Robben-Rettung vor Gericht

Klaus Tiedge
Seehund Kalli aus Norddeich
Seehund Kalli aus Norddeich
Foto: ddp

Lüdenscheid. In die Freude der Lüdenscheider Tierärztin Janine Bahr über die Eröffnung des Robbenzentrums in Wyk auf Föhr mischt sich tiefe Enttäuschung und Unverständnis über die Justiz in Schleswig-Holstein. Die engagierte Tierschützerin, die 1998 den Verein „Tierhuus Insel Föhr“ gründete, muss sich am am kommenden Montag vor dem Amtsgericht Husum verantworten, weil sie einen hilflosen, abgemagerten Heuler (mutterloser Seehund) zu sich genommen und kurzzeitig in ihrer Station erstversorgt hat.

„Für die Anklage ist es scheinbar völlig unerheblich, dass das Tier ohne Hilfe qualvoll verendet wäre“, versteht Bahr die Welt nicht. Allein das schleswig-holsteinische Jagdgesetz werde zu Grunde gelegt: „So wird die Hilfe für die sonst zum Hungertod geweihte Kreatur als ein strafrechtlich relevantes Verhalten angeklagt.“

„Seehundjäger“ obliegt
die Entscheidung

Zum Hintergrund: Wenn Robben im Frühjahr ihren Nachwuchs bekommen, werden vereinzelt Jungtiere von ihrer Mutter getrennt. Diese werden dann oft an der Nordseeküste angespült. Die Entscheidung über die Überlebensfähigkeit obliegt dann ausschließlich den sogenannten „Seehundjägern“, die von den Behörden benannt und eingesetzt werden. Sie entscheiden alleine am Fundort, ob ein Heuler getötet wird oder nicht. Bislang wurde das Angebot von verschiedenen Veterinärmedizinern einer kostenlosen Untersuchung vor Ort zur Bewertung des Zustandes und der Überlebensfähigkeit des Tieres von den zuständigen Behörden und den Seehundjägern rigoros abgelehnt.

„Oft reicht ein kleiner Kratzer in der Haut aus, um den Heuler ,legal’ zu erschießen“, ist Janine Bahr entsetzt, „auch die Austrocknung des Tieres, die bei allen mutterlosen und kranken Geschöpfen unabdingbar ist, , berechtigt den Jäger, den kleinen Seehund zu töten.“

Es wäre dringend erforderlich, die nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entsprechende Richtlinie für einen Umgang mit jungen Robben zu überarbeiten, ist Janine Bahr überzeugt. Denn eine vom Tierhuus Föhr veranlasste juristische Überprüfung der Situation habe den Verdacht erhärtet, dass die „Richtlinie zur Behandlung von erkrankt, geschwächt oder verlassen aufgefundenen Robben“ gegen das Staatsziel Tierschutz im Grundgesetz und das Tierschutzgesetz verstößt: „Deshalb hängt das Überleben vieler Heuler vorerst weiter von der kritischen Kontrolle durch die Öffentlichkeit ab.“ Für Janine Bahr, die sich seit Jahren für die Rechte der Tiere einsetzt, ist es nicht das erste gerichtliche Verfahren. In zwei ähnlich gelagerten Fällen musste sie Bußgelder in Höhe von über 3600 Euro bezahlen.