Für Käßmann ist „Multikulti“ nicht gescheitert

Bochum.. Im Interview spricht die frühere Bischöfin Margot Käßmann über ihre Gastprofessur an der Ruhr-Uni und darüber, warum es wichtig ist, dass Muslime, Christen und Nicht-Christen im Alltag das Miteinander trainieren.

Frau Käßmann, freuen Sie sich - nach einem für Sie außerordentlich aufregenden und erlebnisreichen Jahr - wieder in Deutschland zu sein?

Margot Käßmann: Ja. Ich war sehr gern in den USA und habe die dreieinhalb Monate in Atlanta genossen, weil ich sehr viel Freiheit hatte; Abstand gewinnen konnte in der Universität und im Studentenwohnheim - keinen Menschen hat interessiert, was ich mache. Das war gut. Aber ich habe mich auch auf Zurück gefreut, vor allem auf die vier Töchter, die ich vermisst habe.

Sie werden ein Jahr lang an der Bochumer Ruhruniversität lehren. Kennen Sie das Ruhrgebiet?

Käßmann: Ich kenne es aus der Zeit meiner Promotion. 1986 bis 1989 habe ich in Bochum bei Konrad Raiser. Deshalb kam die Fakultät auch auf die Idee, mir den Honorar-Professoren-Titel zu verleihen. In diesem Zusammenhang kam es dann auch zur Einladung des Universitätspräsidenten, 2011 eine Gastprofessur zu übernehmen.

Was gefällt Ihnen am Ruhrgebiet?

Käßmann: Ich erinnere mich besonders gut an die intensive Vorbereitung des Ruhr-Kirchentags 1991, an der ich beteiligt war. Und zu sehen, wie diese Region den Übergang zu schaffen versucht in ein neues Zeitalter, vom Kohlerevier zu etwas Neuem, das finde ich ungeheuer kreativ, da hat sich letztes Jahr mit der Kulturhauptstadt ja viel gezeigt. Beachtlich finde ich auch das Konzept der Ruhr–Universität, Studienmöglichkeiten in eine Region zu bringen, in der Jugendliche nicht automatisch eine Universität besuchen.

In Ihrem ersten Vortrag werden Sie über die „Multikulturelle Gesellschaft“ sprechen. Die Bundeskanzlerin hat Multi-Kulti ja gerade für gescheitert erklärt…

Käßmann: Die Vorlesungs-Reihe soll ja über das Fach Theologie hinausgehen und sozialethische Themen aufgreifen. Das ist eine spannende Herausforderung. Auch wenn ich verstehe, was die Kanzlerin meint - da bin ich anderer Meinung. Denn ich bedaure, dass so abfällig über „Multi-Kulti“ gesprochen wird. Und genau so liegen ja die Nerven blank, wenn von „Leitkultur“ die Rede ist. Meines Erachtens suchen wir in Deutschland noch nach der Balance. Wir sind ein Einwanderungs-Land, das ist ganz offensichtlich. Aber was das Eigene ist und was der Grundkonsens des Gemeinsamen sein muss – danach müssen wir fragen.

Das Rechtssystem kann nicht hinterfragt werden

Der Grundkonsens des Gemeinsamen – ist das Leitkultur?

Käßmann: Es geht um ein Rechtssystem, das unhinterfragbar ist. Beispielsweise: Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das ist ein Verfassungs-Grundsatz, da kann es keine Parallel-Gesellschaft geben, die das infrage stellt. Trotzdem kann es Eigenheiten in einer Bevölkerungsgruppe geben, die ihre Traditionen und Kultur pflegt, ohne dass sie gleich den Boden des Gemeinsamen verlässt. Ich bin überzeugt, wir müssen um die richtige Balance ringen. Danach will ich in der Vorlesung fragen.

Eine neue Umfrage in Frankreich von dem Institut IFOP für die Zeitung „Le Monde“ hat ergeben, dass 40 Prozent der Deutschen muslimische Gemeinden als Bedrohung ansehen. Können Sie sich das erklären?

Käßmann: Erklären kann ich mir das schon, auch wenn das ein trauriger Befund ist. US-Präsident Obama hat einmal gesagt: „Alle Terroristen des 11. September waren Muslime, aber das heißt eben nicht, dass alle Muslime Terroristen sind.“ Die Angst vor dem Islam ist groß, weil sie auch durch Extremisten geprägt ist. Die Steinigung von Frauen in Iran oder das Niederbrennen von Kirchen und Angriffe auf Kopten in Ägypten, das löst natürlich tiefe Ängste aus. Aber die Frage ist: Wie können wir uns begegnen?

Was schlagen Sie vor?

Käßmann: Meine Erfahrung ist: Wenn sich muslimische und christliche Gemeinden begegnen, wenn Menschen sich kennenlernen im Alltag, in der Kita, in der Schule, am Arbeitsplatz, dann können solche Ängste auch abgebaut werden. Leider haben wir keine ausgeprägte Begegnungs-Kultur in Deutschland.

Der deutsche Staat begegnet den christlichen Kirchen nicht gänzlich neutral, sondern mit gewisser Sympathie. Er betrachtet sie als staatstragend, weil er sie als Prägekraft für ethische Werte in der Gesellschaft schätzt. Ist der Islam in diesem Sinne auch staatstragend?

Käßmann: Unsere Gesellschaft ist von christlich-jüdischer Tradition geprägt. Das kann der Staat ja nicht ignorieren. Wir müssen doch auch sagen können, in welche Wertegemeinschaft wir Zuwanderer integrieren wollen. Gleichzeitig wird es darum gehen, dass Muslime reflektieren: Wie sieht eigentlich eine Demokratie-kompatible Form aus, den muslimischen Glauben zu praktizieren und zu institutionalisieren?

Dazu gehören auch Fragen nach der Verlässlichkeit muslimischer Organisationformen, nach in Deutschland ausgebildeten Imamen und muslimischen Religionslehrern, nach finanzieller Transparenz und anderem mehr. Ich denke und hoffe, hier wird es in den nächsten Jahren Fortschritte geben, so dass die Integration des Islam in unsere Gesellschaft auf gute Weise vorankommt.

Mehr politisches Augenmerk nfür Christen im Ausland

In diesen Tagen erfahren wir einmal mehr, dass Christen in vielen Teilen der Welt bedroht und verfolgt werden. Müssten wir mehr für sie tun?

Käßmann: In Deutschland ist das Bewusstsein dafür, dass Christen die am meisten verfolgte Religionsgruppe in der Welt sind, gering.

Woran könnte das liegen?

Käßmann: Hier ist es so normal, Christ zu sein oder auch aus der Kirche auszutreten. Es wird gar nicht gesehen, dass andere Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, um sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Das können Sie nicht nur in arabischen Ländern erleben, sondern auch in Indien. Hier haben die Kirchen eine ganz große Aufgabe, die sie auch wahrnehmen, durch ihre Partnerschaften zum Beispiel. Aber nicht nur die Kirchen können aktiv sein.

Auch die Politik?

Käßmann: Es ist sehr gut, wenn Politikerinnen und Politiker bei all ihren Auslands-Besuchen, in die Türkei, nach China, in islamische Länder, auch eine christliche Gemeinde besuchen. Weil das ein ganz klares Zeichen der öffentlichen Anerkennung ist. Bei diesen Gelegenheiten kann auch immer wieder gesagt werden: Wir sind in Deutschland ein Land der Religions-Freiheit, deshalb dürfen Muslime hier ihren Glauben selbstverständlich praktizieren. Aber genau das wünschen wir uns in jedem anderen Land der Erde, auch für die Christen.

Kaum zurück aus den USA und Sie können sich kaum vor Einladungen von Parteien retten. Alle wollen Sie hören. Wie erklären Sie sich das große Interesse der Politik an Ihrer Person?

Käßmann: Das kann ich mir nicht erklären.

Zurück nach Bochum: Gibt es etwas im Ruhrgebiet, das Sie sich auf jeden Fall ansehen wollen?

Käßmann: Ich hab viele, viele freundliche Einladungen aus dem Ruhrgebiet erhalten - zu Vorträgen und Predigten. Darauf freue ich mich. Und ich bin ehrlich gesagt mehr neugierig, als dass ich sagen könnte, was ich unbedingt sehen will. Ich freue mich wirklich sehr auf die Zeit.

Das Gespräch führte Angelika Wölk

 
 

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