Freizeitpark Harderwijk will Orca nicht freilassen

Essen. Abgemagert und einsam sei Orca Morgan gewesen, als sie im Juni vor der holländischen Küste gefunden wurde. Seitdem wurde sie im Freizeitpark Harderwijk aufgepäppelt. Jetzt ist Morgan wieder fit – doch der Park will sie nicht freilassen.

Bedächtig, eher vorsichtig, dreht Morgan ihre Runden. Nichts erinnert an die überquellende Lebens­freude ihrer Artgenossen im offenen Ozean. Morgan, das junge Orcaweibchen, lebt seit sechs Monaten im hollän­dischen Freizeitpark Harderwijk. Seit dem 24. Juni, als Menschen den jungen Killerwal „abgemagert und einsam vor der niederländischen ­Küste entdeckten“ und ins benachbarte Dolfinarium brachten. „Keiner weiß, was wirklich passierte“, sagt Ute Magreff, Delfinforscherin und Mitstreiterin in der Organi­sation „Freemorgan“.

In Harderwijk päppelte man Morgan auf: mit Antibiotika und totem Fisch. Und möchte den kleinen großen Wal jetzt behalten. Das privat betriebene Abenteuerland mit dem größten Meerestierpark Europas zählt zu den Unternehmen der Superlative. Es gehört der „Compagnie des Alpes“, dem zweitgrößten Freizeitparkbetreiber Europas, der Asterix, Skipisten und eben Meerestiere gleicher­maßen vermarktet. Zehn Millionen Euro, schätzen Tierschützer, ist Morgan wert.

In Gefangenschaft leben Orcas nur etwa zehn Jahre

Unternehmen wie Seaworld lechzen nach Nachwuchs für die lukrativen Shows. „Ein Orca ist das wichtigste Promotion-Tier“, sagt Nikolas Entrup von der „Whale and Dolphin Conservation Society“ (WDCS). „Seit die Amerikaner in den 80er Jahren den Fang von ­Delfinen für Dolfinarien eingeschränkt haben, rekrutieren die großen Aquarien ihren Nachschub an Delfinen und Orcas größtenteils aus sogenannten Strandungen“, so Entrup. „Frisch-Fisch“ fehlt. Von 1992 bis heute sank die Zahl der Orcas in Gefangenschaft von 56 weltweit auf 42 Tiere.

In Gefangenschaft, so die WDCS, hat ein Orca eine durchschnittliche Lebenserwartung von weniger als zehn Jahren. In den Weiten des Meeres können die intelligenten Räuber bis zu 50 Jahre alt werden. Wissenschaftler haben aber auch schon Orcas gefunden, die noch im Greisenalter von 90 Jahren, getrieben von ihrer eleganten Spielfreude und dem großen Hunger, riesige Heringsschwärme durcheinanderwirbelten.

Unternehmen „Free-Morgan“ nicht aussichtslos

Obwohl sich weltweit Tierschützer für die Freiheit der jungen schwarz-weißen Dame einsetzen, hat man in Harderwijk klammheimlich neue Realitäten geschaffen. In einem 56-seitigen Gutachten, das der Redaktion vorliegt, „haben sogenannte Experten festgesetzt, dass Morgan nicht ausgewildert werden darf“, sagt Richard O’Barry, ehema­ls Flipper-Trainer und ­heutiger Filmemacher („Die Bucht“). „Sie liefern keine Fakten, um ihre Forderung zu stützen“, klagt Barry. Außerdem seien sie voreingenommen. Neben zwei Vogelkundlern im Experten-Team stehe „ein Großteil der Wissenschaftler indirekt auf der Gehaltsliste von Seaworld“, so O’Barry.

Der Auswilderungsplan der Tierschützer wurde vom Tisch gewischt. „Was die Umsetzung von Morgans Freilassung in den Ozean betrifft, gibt es vielfältige Möglichkeiten“, erklärt Magreff. Einfach wäre das Unternehmen Free-Morgan nicht. Aber auch nicht aussichtslos. 2002 wurde der zweijährige Orca „Springer“, der vor der amerikanischen Küste ein ähnliches Schicksal wie heute Morgan erlitten ­hatte, erfolgreich wieder ­ausgewildert. Für Morgan drängt die Zeit.

Rechtslage ist unklar

Dem Dolfinarium spielt sie zu. Je länger Morgan in Gefangenschaft bleibt, desto schwieriger wird ihre Rückkehr ins Meer. Dazu kommt, dass ­keiner wirklich weiß, wer Besitzer des Orca-Weibchens ist. „Sie gehört sich selbst“, sagt Magreff resolut. Die Rechtslage hingegen ist unklar. „Wir lassen das jetzt rechtlich prüfen“, sagt Entrup.

Seit sechs langen Monaten, so Magreff, wird Morgan, der kommunikative Meeressäuger, bereits in „Isolationshaft“ gehalten. In einem Becken, dessen Wassersäule zu flach ist, als dass der Orca sich ­senkrecht aufstellen kann. In dem jeder Laut des Tieres von den viel zu engen Wänden an seine Ohren zurückschallt, in dem er sich nur gemächlich, ganz vorsichtig, bewegen kann. Große Sprünge ausgeschlossen.

 
 

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