Feinste Kunst mit Feder und Farbe

Foto: Barbara Höpping

Lünen.. Dieter Simon, der Grafiker mit der Glasknochenkrankheit, starb 1988, kaum 50 Jahre alt. Sein Werk ist seit Sonntag nahezu umfassend präsent im Museum der Stadt Lünen. Seine Kunst ist in Inhalt und Form, obwohl vor mehr als 20 Jahren vollendet, hoch aktuell und von großer Vielseitigkeit geprägt. Das konstatierten bei der Eröffnung der Retrospektive nicht nur diejenigen, die den Lüner Künstler noch gekannt haben, sondern auch diejenigen, die ihn nun kennenlernten.

In den leider sehr spärlichen Veröffentlichungen, für die seine Frau Adelheid Simon-Weiß in den vergangenen Jahren verantwortlich zeigte, dominiert der gesellschaftskritische Zeitgenosse, dessen künstlerischer Blick oftmals von hartem Sarkasmus gekennzeichnet ist. Die Kriegstreiber in Deutschland und in aller Welt, damals wie heute, sitzen bei Simon als Tod am Schachbrett oder General auf dem Panzer oder als fetter, fressender Bierhumpen austrinkender Mann vor ausgemergeltem Volk... Ausnahmslos alle originalen Federzeichnungen lassen den Betrachtenden den Atem stocken.

Doch die jüngste Ausstellung, die Museumsleiter Dr. Wingolf Lehnemann mit Adelheid Simon-Weiß konzipierte, ist gleichsam eine Offenbarung für diejenigen, die glaubten, das Werk Dieter Simons zu kennen. Es gibt die heitere Seite seiner Kunst zu erkennen. „Frau Adelheid Simon-Weiß öffnete die Mappen!“, sagte Lehnemann in seiner Einführung und sein eigenes Erstaunen wie seine Freude über diesen Fundus schwang deutlich mit in der Stimme. Sie schlägt sich auch in der liebevoll zusammengestellten Werkschau nieder.

Märchenhafte, zarte Aquarelle wie die Unterwasserwelt ziehen den Blick an oder lustige Fahrzeuge, entstanden aus feinster Feder, rattern übers Papier. Die farbigen Zeichnungen aus der Bewerbungsmappe um 1950 zur Aufnahme an der Werkkunstschule Buddenburg weisen bereits bei dem Anfang 20-Jährigen auf sein perfektes Handwerk hin: gestochene Genauigkeit.

Das gilt ebenso für die Beispiele seiner werbegrafischen Arbeiten, die Dieter Simon als witzigen und einfallsreichen Beobachter kennzeichnen. Filigrane Figurinen fürs Theater wollen so gar nicht zu den bitteren Bildern von behinderten und leidenden Menschen passen, die dem Zeichner am Ende seines Lebens mehr und mehr aus der Feder drängen.

Und doch passt das nun nahezu vollständig gezeigte Werk zu einem Mann, der zu seiner Zeit so bitterböse wie herzlich-heiter war. Vielleicht erinnert sich ja jemand an den Mann im Rollstuhl, ausgestattet mit einer Dose Bier, einer Schachtel Zigaretten und einem Männermagazin. Es machte Dieter Simon diebischen Spaß, die Blicke der Passanten zu registrieren und – eventuell – in seiner Kunst zu thematisieren. Die Federzeichnung „1981 – Jahr der Behinderten“ könnte darauf hinweisen.

Schade, dass nicht die Weite der Stadtgalerie Forum für diese Lüner Kostbarkeit ist – bei aller Wertschätzung des Museums als Ausstellungsort. Die Ausstellung bleibt die kommenden drei Monate zu sehen; ihr Besuch ist un bedingt zu empfehlen.

 
 

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