Fehlende Hygiene in vielen Krankenhäusern

Essen.  Kranke Menschen haben ein schwaches Immunsystem. Infizieren sie sich mit Erregern, kann das schnell lebensgefährlich werden. Verhindern können das nur geeignete Hygienestandards. Doch wichtige Regelungen werden bisher nicht in jedem Bundesland umgesetzt.

Der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene zufolge erkrankt jeder zehnte Patient in einer Klinik an Infektionen. Dabei können mindestens 30 Prozent dieser Krankheiten verhindert werden – wenn die Hygieneregeln eingehalten würden. Was eigentlich simpel klingt, scheint in Deutschland jedoch ein Problem zu sein. Denn schon seit Jahren fordern Experten schärfere Gesetze, bisher ohne Erfolg.

Krank nach Krankenhaus

Wenn sich Patienten mit Krankenhaus-Keimen infizieren, bezeichnen das Ärzte als nosokomiale Infektion, nach dem griechischen Wort „Nosokomeion“ - was für Krankenhaus steht. Die Eindringlinge haben meist ein leichtes Spiel, denn das Immunsystem von Kranken ist stark geschwächt und kann sie kaum abwehren. Damit Erreger Patienten nicht befallen, ist daher Hygiene in Kliniken das A und O.

Geregelt sind heute gängige Hygiene-Standards einerseits durch die Krankenhaushygiene-Verordnung, andererseits in der Richtlinie für Krankenhaushygiene des Robert-Koch-Instituts (RKI). Beide beinhalten den Einsatz von speziell geschultem Personal sowie Angaben zur Reinigung und Desinfektion. Drin steht beispielsweise, dass Desinfektionsmittelspender nicht nur auf allen Stationen zu erreichen sein müssen, sondern.Arzt und Krankenschwester sie auch mit den Ellenbogen bedienen können. Und das ist wichtig, weil über die Hände die meisten Erreger übertragen werden.

Die RKI-Richtlinie ist jedoch nur eine Empfehlung, kein Gesetz. Das heißt, Krankenhäuser können davon abweichen. Krankenhaushygiene-Verordnungen sind dagegen gesetzliche Regelungen, die es aber bisher nur in fünf Bundesländern gibt . „Ob diese im Krankenhaus angewendet wird, entscheidet jedes Bundesland für sich“, bemängelt Dr. Klaus-Dieter Zastrow vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken Berlin. „Und das obwohl die Anwendung nachweislich Menschenleben rettet“,

Patienten in Berlin oder Nordrhein-Westfalen haben daher ein geringeres Risiko durch Klinik-Keime krank zu werden als die in Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein. „Ein Hohn“, so Zastrow. „Denn Erreger verbreiten sich in jedem Bundesland gleich. Das sagt schon der gesunde Menschenverstand.“

Der Gesundheitsminister will vermitteln

Das Thema Krankenhaushygiene steht vor allem seit dem Tod dreier Babys in Mainz wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Zwar konnte belegt werden, dass die Flüssignahrung, die zum Tod der Säuglinge geführt hat, nicht in der Klinik verunreinigt wurde. Jedoch bekräftigt der Vorfall die Argumente vieler Experten, die schon seit Jahren eine einheitliche Hygiene-Ordnung verlangen.

Bisher schieben sich Bund und Länder immer noch gegenseitig den Buhmann zu. Gesundheitsangelegenheiten sind eigentlich Sache der Länder, Infektionen die des Bundes. Ein Dilemma, gegen das Gesundheitsminister Rösler jetzt vorgehen will. So heißt es aus dem Ministerium: Es gibt bereits Gespräche mit Bund und Ländern. Dabei sollen sinnvolle Lösungen gefunden werden. Das Wohl des Patienten steht dabei im Vordergrund. Jedoch sei eine Krankenhaushygiene-Verordnung kein Garant für bessere Bedingungen. Jede einzelne Klinik muss demnach auf die Einhaltung der Hygiene-Regeln achten.

Schweinegrippe führte zunächst zu Desinfektionsboom

So schlecht wie momentan war es nicht immer um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern bestellt. Einen wahren Hygiene-Boom erlebte Deutschland im letzten Jahr. So berichtet Imke Pals vom Desinfektionsmittel-Versandhaus Allpax: „Nach den ersten Berichten über die Schweinegrippe explodierte der Verbrauch an Desinfektionsmittel förmlich.“ So wurden keine Kartons, sondern ganze Paletten bestellt. „Schon zwei Monate später flaute die Bestellwut der Kunden jedoch wieder ab“, sagt Pals. „Und zwar um ganze 90 Prozent, so dass heute Desinfektionsmittel wieder in gleichen Mengen wie vor der Schweinegrippe-Saison bestellt werden.“ Und damit desinfizieren sich Angestellte in Krankenhäusern wieder deutlich zu selten die Hände – nämlich nur zehn Mal am Tag wie die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene berichtet. Mindestens dreißig Mal wären jedoch notwendig.

Eine Schlamperei, die vollgestopften Krankenhäusern, zu wenig und oft auch überfordertem Personal geschuldet ist? „Alles keine Entschuldigung“, sagt der Hygieneexperte Zastrow. „Es dauert nur 30 Sekunden, sich zu desinfizieren.“ Egal ob Arzt oder Krankenschwester, jeder medizinisch ausgebildete Mitarbeiter weiß, welche Risiken er eingeht, wenn er das nicht tut. „Und das ist schlichtweg Körperverletzung“, so Zastrow.

 
 

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