Eltern kämpfen gegen Loverboys an

Foto: Imago
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Loverboys gaukeln erst Liebe vor, und zwingen Mädchen dann zur Prostitution. Eine Elterninitiative macht das Thema jetzt öffentlich. Denn bislang geschehen viele Taten im Verborgenen.

Ruhrgebiet. Eigentlich hatte Dirk Meyer keinen schlechten Eindruck von dem jungen Mann, den seine Tochter da ins Haus schleppte – sofern man das als Vater überhaupt haben kann. „Der hat sich als ganz normaler Freund ausgegeben, man hätte nie gedacht, dass er irgendwas mit Rotlicht zu tun hat“, sagt Meyer. Doch in kürzester Zeit kapselte seine Tochter sich ab, war sogar vier Monate vorübergehend verschwunden: Opfer eines Loverboys, wie Meyer – Name geändert – heute glaubt.

Erst ist es Liebe und dann Prostitution.

Loverboys, so wird erzählt, hofierten junge Mädchen, trügen sie auf Händen, machten sie verliebt, einzig mit dem Ziel, sie dann auf den Strich zu schicken. Mit Drogen, Druck und Drohungen, wie Meyer beschreibt, Gründungsmitglied der „Elterninitiative für Loverboy-Opfer“: „Dann heißt es etwa, deinen Eltern passiert was. “ Oder: „Wenn du mich wirklich liebst, dann . . .“

„Erst ist alles schön, dann ist alles Scheiße, damit ist ein Mädchen völlig überfordert“, sagt Walter Scheffler, Sozialpädagoge an der Fachhochschule Düsseldorf. Sie baut von nächster Woche an mit der Elterninitiative den nach eigenen Angaben bundesweit ersten Gesprächskreis zum Thema auf: „Irgendwas zwischen Elternabend und Selbsthilfegruppe“, so Scheffler. Über Fallzahlen könne man aber „sehr wenig sagen“.

Masche
zum Zweck

Insofern wäre der Kreis vielleicht ein Pack-Ende, die Dimension der Loverboys zu erfahren. Denn niemand vermag zu sagen, ob sie ein massenwirksames Unwesen treiben, ob sie Einzelfälle sind oder vorwiegend Mediengeschöpfe, die Angst machen sollen.

Liebe als Masche zum Zweck: Drogenberatungen und Prostituierten-Selbsthilfen kennen solche Fälle, Gerichtsreporter nennen sie ein „altes, singuläres Problem“. Das Bundeskriminalamt nennt für 2009 und 2010 drei Loverboy-Fälle, und Frank Scheulen vom Landeskriminalamt NRW sagt: „Wir kennen das Phänomen zwar aus Medienberichten, aber wir haben keine belastbaren Zahlen.“

Der Grund könne aber auch sein, dass keine Anzeigen erstattet würden. Auch in dem Fall der 13-Jährigen aus Oberhausen, die vor kurzem aus einem Gelsenkirchener Bordell geholt wurde, gibt es weiter keine Klarheit: „Wir wollen keine Informationen preisgeben, weil die Ermittlungen noch laufen“, sagt Oberstaatsanwalt Rolf Haferkamp.

Kontakte oft übers Internet

Als DIE Expertin in Sachen Loverboys gilt Bärbel Kannemann von der Stiftung „Stop-loverboysNU“. Seit Anfang 2010 hätten sich bei ihr 200 bis 250 Betroffene gemeldet, kaum eine habe einen Täter angezeigt: „Die Mädchen haben Angst, schämen sich. Was passiert ist, können sie nicht beweisen, weil sie unter Alkohol und Drogen standen. Dann sagen sie lieber nichts.“ Heute würden Mädchen vor allem über das Internet angesprochen: Aufgrund der Anonymität gäben sie häufig Persönliches preis. Auch könnten die Täter beliebig viele Mädchen anschreiben, „bis eine irgendwann zum Opfer wird“.

So wie Dirk Meyer den eventuellen Loverboy nicht erkannte („nie gedacht“), so geht es anderen auch; zumal es einfach Pubertät sein kann, die Mädchen verändert. „Es gibt aber Anhaltspunkte“, sagt Kannemann: „Wenn der Junge nichts über seine Familie erzählen möchte, ein großes Auto fährt, aber nichts über seinen Job sagt, sollten Eltern nachhaken. Ein Supereinkommen muss ja irgendwo herkommen.“

Von der Politik fordert sie eine bessere Betreuung befreiter Mädchen: „Eine psychotherapeutische Behandlung allein reicht nicht. Die Mädchen müssen erstmal wieder lernen, Vertrauen zu fassen. Sie müssen einen Drogenentzug machen und sich an einen Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnen. Ganz einfache Dinge.“ Ganz schwer, wenn aus Liebe Prostitution wurde.

 
 

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