Eine Liebeserklärung an die Lippe

Diethelm Textoris

Lünen. „Mein Vater erzählte mir von der Lippe als glasklaren, fischreichen Fluss, der zum Baden einlud. Doch wenn ich mir in den Nachkriegsjahren die Realität anschaute, dann war sie zu einer stinkenden Kloake für Industrieabwässer geworden.“ So begann Horst Störmer am Dienstagabend in der Lippebuchhandlung seinen Vortrag „Die Lippe, der Fluss an dem wir leben“.

Seitdem hatte er einen Traum. Dass der Fluss eines Tages wieder so wird, wie sein Vater ihn beschrieben hat. „Und heute kann ich feststellen, dass der Traum schon fast in Erfüllung gegangen ist.“

Was die mehr als siebzig Zuschauer erlebten, war ein nicht ganz alltäglicher Vortrag. Ein von soviel Zuspruch überraschter Referent begrüßte sie musikalisch mit dem Hannnes-Wader-Lied „Gut wieder hier zu sein“. Bei den Inhabern der Lippebuchhandlung Iren und Heidi Vakilzade als Veranstalter bedankte er sich mit Blumensträußen.

Was dann folgte, waren Liebeserklärungen an die Lippe und an die Stadt, die sich an seinen Ufern ausgebreitet hat. Alles liebevoll verpackt in kleinen Überraschungspaketen in Form von vielen farbenprächtigen Bildern, die dazu auffordern sollten „das Unbekannte im Bekannten“ zu entdecken.

230 Kilometer ist dieser westfälische Strom lang und nimmt auf seinem Weg zum Rhein eine Reihe von Nebenflüssen mit. Dabei überwindet er lediglich 123 Meter Gefälle bis zu seiner Mündung bei Wesel. Deshalb fließt er meistens gemächlich dahin, was ihn aber nicht daran hindert, mancherorts eine heftige Strömung zu entwickeln.

Bei starken Regenfällen kann er zu einem reißenden Strom werden, worunter besonders frühere Generationen zu leiden hatten. Diese Gefahren sind in der heutigen Zeit durch Eindeichungen, Flussauen und Rückhaltebecken weitgehend gebannt.

Während Ruhr und Lenne an ihrer Quelle nur tröpfeln, ergießen sich an der Lippequelle bei Bad Lippspringe 720 Liter Wasser pro Sekunde in den Quellteich, und bei Paderborn füllt der Fluss bereits einen riesigen See. Die Naturschutzgebiete der Lippeaue bei Lünen, doch selbst die Bereiche der Innenstadt bieten zahlreichen Wasservögeln Lebensräume und Brutgebiete. Störmer konnte Bilder von Hauben- und Zwergtauchern, Enten, Graureihern und Kormoranen zeigen, die allesamt in der heimischen Region anzutreffen sind. Die letzte Zählung ergab allein 100 Brutpaare bei den Uferschwalben. Erhebliche Sorgen macht allerdings die Kanadagans, die sich ungehemmt ausbreitet und andere Wasservögel verdrängt.

Einen breiten Raum innerhalb des Vortrages nahm auch die Geschichte ein. Wie man heute weiß, befand sich an den Ufern der Lippe eines der größten Römerkastelle, ein historisches Erbe, das durch die Arroganz von Behörden und Wissenschaftlern lange verkannt wurde. Zur Zeit der Hanse war Lünen durch seine Flusslage ein bedeutendes Handelszentrum. Eine Handelsstraße führte in Form einer Furt durch die Lippe.

Auch die jüngere Industriegeschichte blieb nicht unerwähnt: das Metallwerk Gottfried Quittmann erstreckte sich da, wo sich heute das Lippezentrum befindet, das alte Lippewerk als Aluminiumproduzent lieferte kriegswichtige Rohstoffe und die „Westfalia“ als Bergbauzulieferer war neben den Zechen einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Lohnabzüge zugunsten alter Westfaliabrücke

An der Finanzierung der alten Westfaliabrücke wurden übrigens die Werktätigen in Form von Lohnabzügen beteiligt, die anderen Benutzer mussten eine Brückenzoll von fünf Reichpfennig entrichten, wofür das inzwischen liebevoll restaurierte Brückenwärterhaus Zeuge ist.

Güter- und Personenschifffahrt, Lippetouristik, Lippekunst, Lippe als Namensgeber, Lippekaskade, Störmer ließ in seinem Vortrag kein mit dem Fluss verbundenes Thema aus. Die packende Vortragweise sorgte dafür, dass für die Zuschauer nie Langeweile aufkam. Der Erlös der Veranstaltung wird in heimatpflegerische Projekte der Lippestadt fließen.