Ein transparenter Islam kann Vertrauen schaffen

Rusen Tayfur

Duisburg.  Es gibt nicht viele Hassprediger in Deutschland, sagt Dr. Rauf Ceylan, das mache sie jedoch nicht weniger gefährlich. Der Duisburger ist Professor für Religions wissenschaften und beschäftigt sich mit der Lebenswirklichkeit insbesondere der aus der Türkei entsandten Imame.

„Die Prediger des Islam. Imame – wer sie sind und was sie wirklich wollen“ lautet der Titel seines Buches, das soeben erschienen ist. Mit Redakteurin Rusen Tayfur sprach Professor Rauf Ceylan über unterschätzte Multiplikatoren, heimliche Exorzisten und gefährliche Blender. Der 33-jährige Religionswissenschaftler lehrt an der Universität Osnabrück

Beim Besuch eines Deutsch-Kurses für Imame traf ich Männer, die sehr offen und tolerant wirkten. Haben Imame in Deutschland zu Unrecht ein so schlechtes Image?

Dr. Rauf Ceylan: Es wird viel spekuliert, viel geredet, aber wirkliches Wissen haben wir nicht. Die Realität sieht so aus, dass über 90 Prozent sehr offen sind, diese Gesellschaft kennenlernen wollen, dass sie meistens auch eine positive Beziehung zum deutschen Staat haben. Allerdings ist das Problem, dass die meisten nach dem Rotationsverfahren nach Deutschland kommen, das heißt für vier Jahre. Nachdem sie ihren Dienst absoviert haben, müssen sie wieder zurück.

Imame sind Mulitiplikatoren

Trotzdem sagen Sie, dass Imame Schlüsselpersonen der Integration sind. Wie kommen Sie dazu?

Ceylan: Weil viele Gemeindemitglieder mit ihren Sorgen, mit sozialen und kulturellen Problemen den Imam frequentieren. Nicht, weil der kompetent ist in jeder Fragestellung, sondern weil das Vertrauensverhältnis da ist. Imame sind Multiplikatoren, sie sind nicht nur die theologische Referenz. Wir müssen versuchen, diese Brückenposition stärker auszunutzen.

Wie können wir das tun?

Ceylan: Der erste Ansatz ist, dass wir in Deutschland selbst ausbilden müssen. Junge Menschen, die hier sozialisiert sind, hier Abitur gemacht haben, müssen die Möglichkeit haben, hier Theologie zu studieren. Weil das Menschen sind, die diese Gesellschaft viel besser kennen, die sich stärker identifizieren. Als kurzfristige Lösung kann man Fortbildungen anbieten, das macht die Konrad-Adenauer-Stftung ja auch schon seit 2006. Imame werden in der Türkei geschult zum Thema Landeskunde, sie lernen das deutsche Rechtssystem kennen, die Politik. Aber das alleine reicht nicht aus. Deshalb beginnt die Universität Osnabrück noch in diesem Jahr mit einem universitären Weiterbildungsprogramm. Imame werden dann in Landeskunde, Religionspädagogik und Gemeindepädagogik fortgebildet. Und ab 2012 werden wir erstmalig in Deutschland ein islamisches Institut sein, es werden fünf weitere Professoren kommen, und wir werden zum ersten Mal in Deutschland Imame theologisch ausbilden.

Auf die deutschen Pläne, Imame an heimischen Hochschulen auszubilden, hat die Türkei kürzlich mit einem „internationalen Theologieprogramm“ geantwortet. Auslands-Türken sollen in der Türkei studieren und dann wieder zurückkehren. Was steckt hinter dieser Offensive?

Ceylan: Der türkische Staat kann oder will nicht verstehen, dass die türkeistämmigen Muslime sich in Deutschland niedergelassen haben. Sie sind dabei, eine eigene deutsch-muslimische Identität zu entwickeln. Staatlichen Einfluss aus dem Ausland auf diesen Prozess finde ich kontraproduktiv. Die Universitäten in der Türkei können zudem nicht wirklich die nötigen Inhalte vermitteln, weil sie schlicht nicht bedürfnisorientiert arbeiten können. Die Lebenswirklichkeit in Deutschland ist eine andere als in der Türkei.

In Europa könnten theologische Impulse gesetzt werden

Sie halten es für eine Win-Win-Situation, wenn die islamische Ausbildung in Deutschland vorangetrieben wird. Wie meinen Sie das?

Ceylan: Wenn wir hier Lehrstühle haben, wo angehende muslimische Theologen in einer Gesellschaft leben, in der ein Klima geistiger Denkfreiheit herrscht, werden wir langfristig eine progressive Theologie etablieren können. Ich glaube, dass wir Impulse setzen können, so dass islamische Länder schauen werden, was die in Europa machen.

Sie haben die Imame, mit denen Sie gesprochen haben, kategorisiert. Die größte Gruppe mit 75 Prozent bezeichnen Sie als Preußen. Warum?

Ceylan: Diese Gruppe zeichnet aus, dass sie obrigkeitsgläubig ist und sehr staatsgläubig, dass sie konservativ ist und sich für historisch gewachsene Traditionen einsetzt. Diese Imame sind zwar nicht grundsätzlich gegen Reformen, aber sie dürfen nicht allzu schnell durchgesetzt werden. Was sie noch auszeichnet, ist, dass sie traditionelle Rollenvorstellungen haben. Ich glaube trotzdem, dass man mit dieser Gruppe arbeiten kann. Man muss sie nur fortbilden.

Es gibt zwei weitere Gruppen, die sie unterteilt haben.

Ceylan: Da gibt es noch die intellektuell-offensiven Imame, das sind etwa 15 Prozent. Sie zeichnet aus, dass sie progressiv sind. Sie treten ein für eine zeitgemäße Interpretation der islamischen Lehren. Sie vertreten ein modernes Imam-Verständnis. Das sind Imame, die versuchen, interkulturelle und interreligiöse Dialoge zu initiieren und ein modernes Pädagogik-Verständnis haben.

Sie schreiben, dass es zwischen Imamen und Jugendlichen große Kommunikationsschwierigkeiten gibt?

Ceylan: Weil ein großer Teil der Imame aus Bildungssystemen kommt, die sehr autoritär angelegt sind, von der Grundschule bis zur Universität. Dort ist das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden nicht partnerschaftlich, sondern überwiegend autoritär. Imame, die selbst konservativ sind und dieses Bildungssystem genossen haben, sind überrascht darüber, dass die Kinder und Jugendlichen hier sehr selbstbewusst auftreten, dass diese autoritäre Position des Lehrenden nicht akzeptiert wird. Das zweite Problem ist, dass viele Kinder und Jugendliche ihre Muttersprache nicht so gut sprechen wie die deutsche Sprache.

Gelbe Seiten für Exorzismus

Blicken die Import-Imame auf die Deutsch-Türken herab?

Ceylan: Es ist unterschiedlich. Es gibt Imame, die erwartet haben, dass sie in eine Gemeinde kommen, in der das Bildungsniveau sehr hoch ist. Sie vergessen aber, dass viele Muslime als Arbeitsmigranten eingereist sind und dass diese Bildungsarmut ebenso wie die materielle Armut bis in die dritte Generation weitervererbt wurde.

Es gibt noch zwei weitere Imam-Typen.

Ceylan: Die traditionell-defensiven Imame sind auch eine Minderheit. Es ist schwierig, sie zu quantifizieren. Sie zeichnet aus, dass sie für Lehren eintreten wie Okkultismus. Ich konnte bei ihnen auch eine nationalistische Tendenz erkennen. Diese Imame bieten auch Exorzismus an. Es gibt so etwas wie informelle Gelbe Seiten in der Community, darin steht dann, welcher Imam bei bestimmten Krankheiten oder Besessenheiten frequentiert werden kann. Sie versuchen so wenig wie möglich aufzufallen, denn in den Moscheegemeinden wäre es problematisch, wenn sie sich outen würden.

Eine skurrile Minderheit also. Waren Sie überrascht?

Ceylan: Im Grunde genommen nicht. Weil die erste Migrantengeneration aus dörflichen Gegenden kommt, wo ein gewisser Volksglaube existiert und wo Geister, Dschinne und übernatürliche Kräfte eine große Rolle spielen. Vor einigen Jahren gab es einen Fall am Uniklinikum Essen. Es hieß, dort liege eine Frau, die hat den Messias geboren, ist dann gestorben und wieder auferstanden. Sehr amüsant, aber anscheinend gibt es viele Menschen, die an so etwas glauben. Das musste vor allem das Klinikpersonal feststellen, denn es kamen massenweise Menschen, die sich erkundigt haben. Das heißt, dass hier ein Volksglaube existiert, auch in der dritten Generation. Diese Menschen haben keine solide religiöse Grundbildung. Deshalb müssen wir einen Islamunterricht anbieten, damit Kinder und Jugendliche, die hier aufgewachsen sind, die Möglichkeit haben, über diese Religion zu reflektieren.

Eine letzte Gruppe gibt es noch und das ist, wie Sie sagen, die gefährlichste.

Ceylan: Das sind die Neo-Salafiten, die extremistischen Imame, die sich überwiegend außerhalb des organisierten Islams formieren. Ein Phänomen, das seit dem 11. Septemer 2001 zugenommen hat. Auch diese Gruppe ist schwierig zu quantifizieren, weil diese Imame in der Regel eher unauffällig bleiben wollen. Sie haben eigene Kulturvereine, zum Teil informelle Treffpunkte in Wohnungen. Sie sind gefährlich, weil sie ein Religionsverständnis propagieren, das keine Toleranz kennt und gegen eine plurale Gesellschaft gerichtet ist. Sie glauben, dass der Islam, so wie er heute praktiziert wird, manipuliert worden ist. Sie sind auch gefährlich, weil sie über Mobilisierungspotential verfügen. Sie sind in der Regel deutschsprachig, sehr eloquent, sie gießen den Islam in eine populäre Form, wissen genau, wie man Jugendliche anspricht.

Mit der Transparenz kommt der Dialog

Früher gab es nur Hinterhof-Moscheen, heute gibt es immer mehr repräsentative Bauten. Können wir so Hassprediger verhindern?

Ceylan: Die Erfahrung zeigt, dass mit der Transparenz auch der interreligiöse Dialog steigt und dass im Großen und Ganzen eine positive Entwicklung stattfindet, nicht nur für die Gemeinde selbst, sondern auch für den gesamten Stadtteil. Das sehen wir in Duisburg-Marxloh. Diese Transparenz schafft auch Vertrauen.