Ein Regime ohne Graustufen

Henrik Bispinck hielt im Alten Rathaus in Dorsten einen Vortrag über die Stasi.
Henrik Bispinck hielt im Alten Rathaus in Dorsten einen Vortrag über die Stasi.
Foto: Waz/Fotopool

Dorsten..  Ein gleichsam interessantes, wie auch trauriges Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte schlug am Freitag Dr. Henrik Bis-pinck im Alten Rathaus am Markt auf. Der 35-jährige Stasi-Experte beleuchtete in einem sehr detaillierten Vortrag die Nachbeben, die durch die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im einstigen Arbeiter und Bauernparadies ausgelöst wurden.

Einmal mehr wurde deutlich, dass die Arbeit der Stasi auf der einen Seite hoch professionell und regelrecht gemein war, aber auch auf der anderen Seite kleinkariertes Spießertum der Beteiligten offenbarte. So wurden denn unzählige Berichte erfasst, die im intellektuellen Umfeld des Liedermachers Biermann, der seinerzeit nach einem Konzert in Köln schlicht aus seiner Heimat geworfen wurde, zum Inhalt hatten.

Guter Genosse - Schlechter Genosse

Eine ganze Reihe von sehr bekannten Künstlern hatte in einer Art Petition gefordert, Biermann wieder die Möglichkeit der Residenz in der DDR zu gewähren. Natürlich tat der Staat das nicht, denn die DDR-Bonzen und ihre Spitzel kannten keine Grautöne in ihrer Beurteilung der Staatstreue eines Genossen. Es gab nur eins: „Guter Genosse“ oder „Schlechter Genosse“.

Größen wie Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl oder der Comedian „Sachsengosche“ Eberhard Cohrs gerieten in das Visier, weil sie für Biermann Erklärungen abgegeben hatten. Subtile Gemeinheiten, die man Neudeutsch Mobbing nennen würde, prägten fortan den Alltag dieser Prominenten.

Zu Krugs Konzerten kamen nur noch Stasi-Mitglieder, die stumm und ohne Applaus zuhörten, und Armin Mueller-Stahl, der Ost-TV eine Art Arbeiter- und Bauern- James Bond gab, wurde öffentlich der Raffgier bezichtigt. Hunderte von Berichten wurden verfasst, gelesen und archiviert. Typisch Deutsch im übelsten Sinne. Die Betroffenen reagierten mit ihrer Ausreise.

Man war froh im MfS, dass Krug und Co. mit dem Koffer abstimmten und ließ die Leute mit ihrem Hab und Gut ziehen. Armin Mueller-Stahl konnte sogar seine Haushälterin „exportieren“. Kaum beim Klassenfeind untergeschlüpft, ging daheim die Hetze gegen die einstige Elite weiter: Man ergötzte sich sich an Anpassungsschwierigkeiten der Künstler im Westen.

Bispincks Vortrag zeichnete ein grelles Bild dieser verkehrten Welt. Dass dieses Thema die rund 80 Zuhörer sehr bewegte, bewies die anschließende Diskussion mit Henrik Bispinck.

 
 

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