Ein Pirat mit Pfeil und Bogen

Ulrike Faulhaber
Foto: WR

Kamen. Mirko Wittwer, 40 Jahre, Projektingenieur, verheiratet, leidenschaftlicher Bogenschütze, Mountainbiker und Kandidat der Piratenpartei im Kreis Unna bei der NRW-Landtagswahl. So viel zur Person. Wofür Wittwer politisch steht, erfahren die Kamener, seit sich die Mitglieder der Partei vor wenigen Wochen unverhofft in den Wahlkampf stürzten.

In Umfragen zur Landtagswahl liegt die Partei um die 5 bis 6 Prozent. Andere sehen sie sogar bei 11 Prozent. „Wenn das eintritt, gibt es ein Erdbeben in NRW“, prophezeit Wittwer.

Auch in Kamen, sagt er, erlebten die Piraten an ihren Infoständen massiven Zuspruch. Und zwar nicht allein von jungen Leuten. Auch viele der Generation 50 plus böten ihre Unterstützung an, wollten plakatieren oder zu den Stammtischen kommen. In den letzten vier Wochen hätten sie zehn bis 12 Neuzugänge gehabt, schätzt Wittwer. Aber warum erleben die Piraten momentan einen Höhenflug? Wittwer glaubt die Antwort zu kennen: Die etablierten Parteien, sagt er, machten es sich viel zu einfach, wenn sie ständig von Politikverdrossenheit sprechen. Die Bürger seien nicht verdrossen, sie wollten verändern, Politik mitgestalten. Viele hätten das Vertrauen in die anderen Parteien verloren oder seien von ihnen enttäuscht worden.

Mirko Wittwer spricht aus Erfahrung: Auch er war nicht immer Pirat. Er trat der Partei 2009 bei. Bis dahin war er Grünen-Wähler. Doch die Grünen hätten ihre Sympathien verspielt, als sie für den Kriegseinsatz im Kosovo stimmten, erzählt er. „Demokratie“, sagt Wittwer, „heißt bei uns Kreuzchen machen.“ Er habe mehr gewollt. Aber nicht so viel, dass er jetzt unbedingt politisch hätte mitmischen müssen. Bis zum Amoklauf von Winnenden.

Wittwer spielte damals in der Paintball Liga, der höchsten Spielklasse in diesem Mannschaftssport. Beim Paintball wird der Gegenspieler mit Hilfe von Druckluft- oder Gasdruckmarkierern und Farbgeschossen markiert. Wittwer sagt, nach Winnenden seien alle Schießsportler stigmatisiert worden, hätten Politiker von Dingen gesprochen, von denen sie keine Ahnung hatten. Paintball sei schließlich verboten worden, sagt Wittwer. Während die Waffenlobby nie Thema gewesen sei in der Diskussion. Und so reifte in ihm die Gewissheit: Politiker reden über Dinge, von denen sie nichts wissen. Bei den Piraten erlebt Wittwer nach eigenem Bekunden Basisdemokratie. Auch wenn es jede Menge Reibungen gebe, sagt er. Man finde am Ende immer Standpunkte, hinter denen alle stehen könnten.

Sicher ist seit vergangenem Donnerstag: Mirko Wittwer, Kandidat für Bergkamen, Bönen und Kamen, hat 118 beglaubigte Unterschriften von Unterstützern zusammen und wurde offiziell bestätigt als Landtagskandidat der Piratenpartei.

Und während sich die anderen Parteien in NRW über das Thema ausgeglichener Haushalt und Schuldenbremse streiten, fordern die Piraten den Atomausstieg oder eine andere Schulpolitik. Viele Jugendliche, sagt Wittwer, kritisierten den Bildungsmangel. Und so wollen die Piraten u. a. Noten abschaffen, den Klassenverband auflösen und ein eingliedriges Schulsystem.