Dunkles Labyrinth verleiht Kirche ihren Glanz

Carmen Thomaschewski
Der schmale Steg über dem Mittelschiff der Kirche.
Der schmale Steg über dem Mittelschiff der Kirche.
Foto: WR

Lünen. Die Stadtkirche St. Georg ist seit 650 Jahren eine Konstante im Leben vieler Menschen. Hell erleuchtet bietet sie seit Jahrhunderten den Raum für besondere Momente. Doch zu Licht gehört bekanntlich auch Schatten. In der Dunkelheit des Turmgewölbes verborgen gibt es Räume, ohne die es in der Kirche an Glanz und Strahlkraft fehlen würde.

Die steinerne Wendeltreppe, die vom Turmraum abgeht, ist eng und führt steil hinauf. Kleine Lichtschlitze im Mauerwerk tauchen das gedrungene Treppenhaus in ein warmes Gelb. Nach 20 Stufen öffnet sich die Tür zur ersten Etage, die zum geheimen Raum hinter der Orgel führt. „Von hier kann man unbemerkt direkt auf den Altar schauen – oder in das Gesicht des Organisten“, sagt Manfred Wolf. Der 56-Jährige ist seit wenigen Monaten Küster der Gemeinde und froh, in Lünen eine neue Heimat gefunden zu haben. Er war mehrere Jahre arbeitslos, ohne Perspektive und suchte per Internet eine Stelle. „Für mich ist es ein Traum, Küster zu sein“, sagt er. Ehrenamtlich kümmerte er sich um ein Gotteshaus in Lüdenscheid, doch dann gab es eine Antwort aus Lünen und eine Anstellung. „Ein Glücksfall für mich – und dann noch in einer so schönen Kirche.“

Schön ist es auch, die über 50 Jahre alte Orgel anzusehen, zumindest von vorne. Doch in der dunklen Kammer dahinter zeigt sich das Ausmaß des Schadens, wegen dem der Förderverein händeringend um Spenden bittet. In dem Raum hinter der Kemper-Orgel sah übrigens der dänische Autor Jussi Adler Olsen genug Faszination, um ihm im Lüner Krimibeitrag für Mord am Hellweg eine besondere Rolle zu geben. Heute wird dort der Stadtkirchensekt aufbewahrt und Steine, die die Blasvorrichtungen bedecken. Bis zur bald erhofften Orgelsanierung muss improvisiert werden.

An der Wand im Vorraum zum Orgelinneren hängt ein vergilbtes Veranstaltungsplakat von 1961. Angelehnt an einen Holzbalken steht eine Tafel in Gedenken der Verstorbenen des Krieges von 1870-1871. Es sind die Namen aller Gemeindemitglieder aufgelistet, die damals ihr Leben verloren haben. „Früher stand die Tafel unten im Turmraum“, erklärt Pfarrer Udo Kytzia. Früher heißt vor der Renovierung der Stadtkirche. Doch gemeinsam mit der Caravaggio-Kopie von Jesus’ Grablegung habe zu sehr der Tod im Vordergrund des Eingangsbereichs der Kirche gestanden, erklärt Kytzia. Das runderneuerte Gemälde fand einen neuen Platz am Altar.

Und auch der „Dachboden“ der Kirche, der sich in mehreren Etagen bis zur 48 Meter hohen Turmspitze erstreckt, hat einen neuen Schliff erhalten. Viele Balken sind ausgetauscht worden und nur noch hier und da ist das bösartige Werk der Holzwürmer zu sehen. Die Elektroinstallation wurde erneuert und das Dach saniert. Die Ursprünglichkeit des Ortes ist dabei jedoch nicht verloren gegangen. Spinnweben und der typische Geruch von Holz und Staub hängen in der Luft. „Hier zu sein, hat etwas Besonderes“, sagt Wolf, schließt die Tür und geht auf der Wendeltreppe weiter nach oben.

Weitere 20 Stufen später offenbart sich ein riesiger Raum, von dem eine Tür zum Kirchenschiff abgeht. Dort laufen alle Fäden zusammen. Manfred Wolf geht vorsichtig über den schmalen Holzsteg und befindet sich in zehn Meter Höhe über den Köpfen der Kirchenbesucher. Der 30 Meter lange Weg führt bis zum Altar, beziehungsweise direkt darüber. Der Blick nach rechts und links täuscht. Es sieht gemütlich aus, einladend. Doch wer die Dämmschicht betritt, für den geht es plötzlich bergab. In einem Wirrwarr von Kabeln und Leitungen sind auch die Lampen eingehängt, von denen in der Kirche nur die Schirme zu sehen sind.

„Wer Küster ist, muss gut zu Fuß und
schwindelfrei sein“

Das Kreuz ist an zwei eisernen Spulen befestigt. „Bewegt werden können die Kurbeln nur zu zweit“, erklärt Wolf. „Sonst gerät das Kreuz in gefährliche Schwingungen.“ Auch der Adventskranz ist in dem Raum über dem Kirchenraum angebracht. „Normalerweise müsste ich in der Adventszeit den Kranz von hier herunter lassen, unten anzünden und dann wieder von oben hochziehen.“ Manfred Wolf zeigt eine weiße Fernbedienung. „Damit wird die Lauferei unnötig.“ Dennoch: Wer Küster ist, muss gut zu Fuß sein und manchmal auch schwindelfrei.

Es gehört Mut dazu, die steile Holzleiter inmitten des Vorraumes zum Kirchenschiff zu erklimmen. Sie führt zum Glockenraum und damit in die dritte Etage des Kirchturms. „Diese Aussicht ist toll“, schwärmt Wolf. Oben angekommen offenbart sich der Blick auf die Bronzeglocken. „Alle 15 Minuten ertönt der Viertelschlag von der kleinen Glocke draußen am Turm“, erklärt Wolf. Zur vollen Stunde gibt die Glocke „Ehre sei Gott in der Höhe“ den Ton an. Jede der fünf Glocken hat einen Namen und steht für einen besonderen Wunsch, den Menschen mit dem Geläut verbinden. „Wenn sie losgehen, dann wird es unheimlich laut. Man sollte genau auf die Uhr achten, wenn man oben zu tun hat.“ Doch oft muss der Küster dort nicht sein.

Alles läuft vollautomatisch. Neben der elektronischen Taubenabwehr noch eine Errungenschaft der modernen Technik, die das Küsterdasein vereinfacht. Wenn der Rhythmus der Glocken jedoch aus dem Takt gerät, muss Wolf doch nach oben und zu den Sicherungskästen.

Auf eine Holzleiter hat sich Manfred Wolf bei aller Begeisterung für die verborgenen Orte im Kirchtum nicht getraut. Sie führt nach ganz oben in die Kirchtumspitze. In die vierte und letzte Etage. „Dort gibt es nichts Spektakuläres“, erklärt Udo Kytzia. Es sei dunkel und leer. Und doch ist der Turm das Markenzeichen jeder Kirche, ein Stück Individualität. „Hier ist man dem Himmel ein ganzes Stück näher.“