Dubiose Konferenz im Hansesaal

DerWesten
Foto: WR

Lünen. Die Einladung zu einem Kongress über die Evolutionstheorie im Hansesaal, die dieser Tage kursiert, sieht auf den ersten Blick harmlos aus. Über den Veranstalter schweigt diese sich allerdings aus. Dabei handelt es sich um die „Wissenschaftliche Forschungsstiftung“, ins Leben gerufen von Adnan Oktar, der unter dem Synonym Harun Yahya eine Reihe umstrittener Bücher vertreibt und zumindest in der Vergangenheit als Holocaust-Leugner galt. Den Hansesaal dafür vermietet hat die Stadt – offenbar in Unkenntnis darüber, wen genau sie sich ins Haus holt.

Das Veranstaltungsplakat ist freundlich gestaltet, es lädt zu einer Konferenz mit dem Titel „Die Evolutionstheorie im Lichte der Wissenschaft ein“ – bei freiem Eintritt und bei mediterranem Essen. Außerdem sollen Fossilien ausgestellt werden, die viele Millionen Jahre alt sind. Es weist allerdings vieles darauf hin, dass es sich tatsächlich um eine Veranstaltung handelt, welche versucht, die Evolutionstheorie zu widerlegen und stattdessen Gott – oder in diesem Falle Allah – als Schöpfer allen Lebens darzustellen.

Die „Wissenschaftliche Forschungsstiftung“ vertreibt weltweit zahlreiche Bücher und Theorien, mit denen Oktar seit Jahrzehnten weltweit für Aufruhr sorgt. Sie tragen Titel wie „Atlas der Schöpfung“, „Der Irrtum von der Evolution“ oder „Das Ende des Darwinismus“. In den 90er Jahren war eine Schrift unter seinem Namen veröffentlicht worden, die den Titel „Holocaust-Lüge“ trug, so ist es auch im Verfassungsschutzbericht 2003 des Landes Baden-Württemberg niedergelegt. In einem Spiegel-Interview hatte Oktar 2008 dementiert, der Autor zu sein – das sei ein Freund gewesen, der unbefugt das Synonym Harun Yahya benutzt habe.

Später, so der Verfassungsschutzbericht, habe er seine Aussagen aber entschärft und das Buch „Das Grauen des Holocaust“ veröffentlicht, in welchem er aber nach wie vor von „geheimen Abmachungen zwischen Nazis und radikalen Zionisten“ spricht. In einem Buch, das in deutscher Sprache nicht erhältlich ist, schildert er außerdem den Darwinismus und damit die Evolutionstheorie als Ursache für die Ermordung von Millionen von Menschen durch die Nazis – auf der deutsprachigen Version seiner Internetseite bezeichnet er den Darwinismus als Religion Satans und macht ihn für 150 Millionen Tote verantwortlich.

Adnan Oktar selbst ist für die Veranstaltung im Hansesaal nicht als Redner vorgesehen. Dies mag daran liegen, dass er in der Türkei im Jahr 2008 wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung zu seinem eigenen Profit zu drei Jahren Haftstrafe verurteilt wurde, wie die Nachrichtenagentur Reuters im Mai 2008 meldete. Gegen dieses Urteil, hieß es seinerzeit, wollte er in Berufung gehen, seither sind über Oktars Person nur wenige Informationen öffentlich geworden.

Zu den Rednern der geplanten Veranstaltung gehören aber Wegbegleiter Oktars, so zum Beispiel der türkische Neurologe Oktar Babuna, der immer wieder als dessen Vertreter auftritt und auch als dessen Schüler gehandelt wird. Babuna gehört zumindest zu den erbitterten Kritikern von Evolutionstheorie und Darwinismus. Er hatte eine Vatikankonferenz im Jahr 2009 als „höchst undemokratisch“ bezeichnet – er war von ihr ausgeschlossen worden, weil man davon ausgegangen war, er wolle dort nicht an der Diskussion teilnehmen, sondern nur seine Positionen verkünden.

In der Kombination wie in Lünen sind die Redner und Referenten bereits in anderen Städten Deutschlands und Europas aufgetreten, unter anderem im Mai diesen Jahres in Zürich – dort trug die Veranstaltung den Titel „Evolutionsschwindel“.

Mieter nutzt den
Saal regelmäßig

Der Saal wurde übrigens nicht von der Organisation Oktars selbst gebucht. Uwe Wortmann, Leiter des Kulturbüros Lünen, reagierte überrascht auf unsere Nachfrage. Der Saal sei an einen Veranstalter für eine Vortragsveranstaltung vermietet, der schon seit einiger Zeit regelmäßig, etwa einmal pro Jahr, den Saal nutze – und deshalb habe man auch keinen Grund gesehen, näher nachzuforschen, was der Inhalt dieser Veranstaltung sei. Es sollen nun aber weitere Recherchen angestellt und das Thema unmittelbar nach dem Wochenende dem Verwaltungsvorstand der Stadt Lünen vorgebracht werden, damit kurzfristig entschieden werden kann, wie weiter vorgegangen wird. Die Möglichkeit, den Vertrag rückgängig zu machen, gebe es in jedem Fall, und würden sich die Hintergründe bestätigen, werde man davon wohl auch Gebrauch machen.