Drei Europäische Filmpreise für Michael Haneke

Martina Schürmann
Foto: Getty Images

Bochum. Der österreichische Regisseur Michael Haneke hat beim diesjährigen Europäischen Filmpreis abgeräumt. Sein Film "Das Weiße Band", setzte sich bei der Preisverleihung in der Bochumer Jahrhunderthalle in den Kategorien Bester Film, Regie und Drehbuch durch.

And The Winner Is: das Ruhrgebiet. Zwei Tage lang präsentierte sich die künftige Kulturhauptstadt Europas als außergewöhnliche Kulisse für die Feierlichkeiten zur Verleihung des 22. Europäischen Filmpreises. Am Freitagabend wurde der britische Regisseur Ken Loach bereits mit einer Filmgala in der Essener Lichtburg gefeiert. Gestern Abend traf sich die europäische Filmprominenz in der Bochumer Jahrhunderthalle zur festlichen Gala mit kleinen Überraschungen und einem ganz großen Gewinner.

Der österreichische Regisseur Michael Haneke holte mit seinem Film „Das weiße Band“ gleich drei der wichtigsten Auszeichnungen: bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch. Als beste Schauspielerin wurde Kate Winslet für ihre Rolle als KZ-Aufseherin Hannah in der Bestseller-Verfilmung „Der Vorleser“ geehrt. Bester europäischer Darsteller ist Tahar Rahim in dem Gefängnisdrama „Un Prophete“ des französischen Regisseurs Jacques Audiard. Den Publikumspreis holte ein blendend aufgelegter Danny Boyle, der sich nach dem achtfachen Oscar-Gewinn von „Slumdog Millionaire“ in Bochum nun für ein rundum erfolgreiches Jahr bedankte.

Steiger, Stahlwerk, Bauhaus

Anders als das amerikanische Vorbild bleibt sein europäischer Ableger allerdings bescheidener im Auftreten. Nur rund zwei Stunden dauerte die Zeremonie ohne aufwändige Showblocks und ausschweifende Dankesreden. Die rund 1400 Gäste in der Bochumer Jahrhunderthalle, darunter Schauspieler wie Hannelore Elsner, Anatol Taubmann und Julia Jentsch, und Regisseure wie Roland Emmerich, Wim Wenders und Volker Schlöndorff, wurden dafür standesgemäß mit Steiger und einer Stahlwerk-Klangcollage begrüßt. Das Sound-Tüfteln übernahm allerdings keine Bergmannskapelle, sondern die drei Berliner „Bauhaus“-Musiker. Moderatorin war die inzwischen schon Preisverleihungs-erfahrene Anke Engelke, die mit gewohnt forschem Witz auch den bisweilen etwas geschäftsmäßigen Ablauf des Abends mühelos auflockerte. „Ich möchte Haneke heute Abend lachen sehen“, hatte sie gleich eingangs gefordert. Und ein wenig sollte es dann auch klappen, nach drei Preisen, die der derzeit wohl begnadetste Publikumsverstörer des deutschsprachigen Kinos entgegennehmen konnte. Für sein grandioses Schwarz-Weiß-Drama in einem norddeutschen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs, das in Cannes bereits mit der Goldenen Palme dekoriert wurde und als deutsche Bewerbung für den Auslands-Oscar im kommenden Jahr nun schönste Hoffnungen weckt.

Die Schönen des Kinos wurden vermißt

Wie tränenblind und glückstaumelnd man sich dort über die Trophäe freuen kann, hatte Kate Winslet zuletzt unter Beweis gestellt. Umso schmerzlicher wurden die Schönen und Empfindsamen des europäischen Kinos in Bochum vermisst. Mit Kate Winslet, Penelope Cruz und Charlotte Gainsbourg hatten gleich drei von sechs nominierten Hauptdarstellerinnen abgesagt. Ein Schlag, der nur durch die hochkarätigen Ehrenpreisträger wieder wettzumachen war. Während der polnische Regie-Altmeister und Kritiker-Preisträger Andrzey Wajda nicht nur die europäische Freundschaft, sondern vor allem die unter Kollegen beschwor, ermunterte ein - sichtlich bewegter - Regisseur Ken Loach nach minutenlangen Standing Ovations dazu, den europäischen Film stärker zu stützen und zu schützen, so wie es die Amerikaner mit ihren Filmen täten. Viele der preisgekrönten europäischen Werke erreichten sonst nur ein kleines Publikum in wenigen, ausgesuchten Filmkunst-Kinos.

Es lebe das Kino!

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Die Vielfalt ist nun mal das Markenzeichen des europäischen Kinos, mithin auch die Mehrsprachigkeit. Und längst nicht jeder Künstler war bereit, sich der „Amtssprache“ Englisch zu bedienen, mit oder ohne Dolmetscher. „Kino ist eine europäische Sprache“, befand beispielsweise die wunderbare, zerbrechlich-zähe Film-Ikone Isabelle Huppert und bedankte sich dann huldvoll auf Französisch.

So konnte der Kulturhauptstädter von morgen schon mal feststellen, was ihm 2010 womöglich noch fehlt: Ein paar Brocken Italienisch, ein paar Vokabeln Französisch. Erstes Umdenken auch beim traditionellen Gruß: Statt „Glück auf“ hieß es an diesem Abend in der Bochumer Jahrhunderthalle: Es lebe das Kino!