Dortmund kämpft mit neuer Art von Kriminalität

Haus in der Dortmunder Mallinckrodtstraße 371 in einem völlig verwahrlosten Eindruck. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Haus in der Dortmunder Mallinckrodtstraße 371 in einem völlig verwahrlosten Eindruck. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Dortmund. Mehr als 1000 Bulgaren wollen raus aus der Armut und landen in Dortmund. Für die Polizei ist die Stadt zur „Keimzelle einer neuen Dimension von Verbrechen“ geworden. Besonders der Straßenstrich ist der Politik ein Dorn im Auge.

Die Mallinck­rodtstraße in Dortmund – ein Wuppertaler kennt sie nicht. Aber rund 2200 Kilometer weit weg, im bulgarischen Plovdiv, im Stadtteil Stolipinovo, kennt sie jeder. Während die eine Stadt fast ein Nachbar Dortmunds ist, ist die andere nicht nur geografisch weit weg. Es ist eine andere Welt. Die übersiedelt. Denn die Menschen aus Stolipinovo wollen aus der Armut raus. Sie setzten auf Dortmund. Und schaffen hier Probleme.

Dortmund ist zur bulgarischen Zentrale in NRW geworden. Und zur „Keimzelle einer neuen Dimension

von Verbrechen“, so bezeichnet es der Dortmunder Polizeipräsident Hans Schulze. Kriminalität, Prostitution, Menschenhandel und Müllberge: Damit werden die Bulgaren in Dortmund in Verbindung gebracht.

Der Polizeipräsident hat bereits den Beginn von organisierter Kriminalität beobachtet. In ganz Südwestfalen und im Ruhrgebiet werden immer mehr Bulgaren bei Diebstählen gefasst, die als Wohnort Dortmund angeben.

Darauf aufmerksam wurden auch das Landeskriminalamt und dann das NRW-Innenministerium, das die Dortmunder Polizei gewarnt hat, sich intensiver mit der Problematik zu beschäftigen. Nun beschäftigen sich in Dortmund fast alle mit den bulgarischen Zuzüglern und dem Teil Dortmunds, wo sich die Probleme bündeln: der Nordstadt, rund um die Mallinckrodtstraße.

Besonderer Dorn im Auge ist der Straßenstrich

Besonderer Dorn im Auge der Polizei und einiger Lokalpolitiker ist der Straßenstrich. Sie sind der Überzeugung, dass der Strich der Anziehungspunkt schlechthin ist. Dass die kriminellen Männer im Schlepptau der bulgarischen Frauen kämen. Nicht unweit von der Mallinckrodt­straße entfernt arbeiten dort etwa 600 Prostituierte im Jahr, schätzt Elke Rehpöhler, Chefin von Kober, einer Beratungsstelle für Prostituierte. 80 bis 90 Prozent kämen aus Osteuropa. Die meisten aus Stolipinovo. Sie sind zum größten Teil Roma – eine verfolgte und ausgegrenzte Minderheit.

Kober ist mit einem Container vor Ort und kümmert sich dort um die Frauen. Frauen, die sagen, sie

seien nur aus einem Grund hier: Um Geld für ihre Familien zu verdienen. „Keiner will diesen Job freiwillig machen“, sagt eine 25-jährige Bulgarin aus Plovdiv, die seit einigen Monaten in Dortmund ist. Das Problem für sie und ihre Landsleute: Zwar dürfen sie seit dem EU-Beitritt 2007 ohne Visum einreisen, doch Geld verdienen dürfen sie nur im Rahmen einer selbstständigen Tätigkeit. Und: Die meisten Roma aus Stolipinovo haben keine Berufsausbildung, haben meist keine Schule besucht, sprechen kein Deutsch. Es bleiben, neben der Prostitution, nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Zumindest nicht legal – auf dem Schwarzarbeiterstrich an der Mallinckrodtstraße standen immer wieder Bulgaren.

Kein Geld, keine Sprachkenntnisse – da fällt auch Miete zahlen schwer. In den vergangenen Monaten stach ein weiteres Problem ins Auge: verwahrloste Häuser. Auch davon standen mehrere in der Mallinckrodtstraße, die geräumt werden mussten. Jedes Mal dasselbe Szenario: Die ersten rumänischen oder bulgarischen Mieter kamen und öffneten die Tür für immer mehr Menschen, die dort mehr hausten als wohnten – natürlich ohne Miete zu zahlen. Anfang Februar räumte die Stadt ein Haus, das weit mehr als Müllberge zu bieten hatte. Da die Toiletten kaputt waren, rannen Fäkalien über den Flur. „Diese Dimension von Elend, Menschen, die ihren Müll einfach auf den Hof werfen – das ist neu“, sagt Jürgen Walther vom Ordnungsamt. Dort liegt eine Liste mit weiteren Häusern vor, die von der Arbeitsgruppe „Problemhäuser“ kontrolliert werden.

Am 31. März entscheidet der Rat über die Zukunft des Straßenstrichs

Das ist nicht die einzige Arbeitsgruppe, die gebildet wurde. Auch die Parteien treffen sich in Arbeitskreisen, erstellen Konzepte. Die Bezirksvertretung Innenstadt Nord hat ihren Antrag bereits beschlossen: Der Straßenstrich muss weg.

Dass eine Abschaffung des Strichs die Probleme nur verlagern würde – das sah bislang unter anderem Oberbürgermeister Ullrich Sierau so. Am 31. März soll nun der Rat entscheiden, ob der Strich abgeschafft oder an einen anderen Standort verlegt wird – weiter weg von der Mallinckrodtstraße und den anderen Wohnorten. Eine Schließung des Strichs, mit einer Ausweitung der Sperrbezirke, würde deutlich verstärkte Kontrollen erfordern – die Polizei arbeitet ebenfalls an einem Konzept.

Bis entschieden ist, welche Konzepte umgesetzt werden, werden noch mehr Menschen aus Plovdiv nach Dortmund kommen. Eine Buslinie verbindet die beiden Städte. Einen Tag dauert die Fahrt. Keine Weltreise.

 
 

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