Diese Unnaer feiern an Weihnachten Geburtstag

Unna. Herzlichen Glückwunsch und ein frohes Fest! Wenn dieser Satz bei der Bescherung fällt, hat der Beschenkte doppelt Grund zu feiern. Aber welche Vor- und Nachteile hat es für "Christkinder", die an Heiligabend Geburtstag haben? Die WR stellt vier Geburtstagskinder vor.

Birthe Schneider

Nein, „unser Christkind” wurde sie eigentlich kaum gerufen. Dabei bietet sich das bei Birthe Schneider, geboren am 24. Dezember, um 8.40 Uhr, förmlich an. Bis zur Bescherung wurde im Elternhaus Birthes Geburtstag gefeiert, dann erst war Heiligabend.

Wenn jemand unter dem Doppelgeburtstag leiden musste, dann Birthes Mama. „Die hat das aber alles so im Griff gehabt, so dass wir wirklich nie Stress hatten”, erinnert sich die Unnaerin an ihre Jugend. Der Kindergeburtstag mit den Freunden wurde grundsätzlich am 24. Juni gefeiert, egal auf welchen Wochentag er fiel. „Party gab es immer ein halbes Jahr später.”

Geschneke gab es trotzdem. Schwester Anne-Katrin erhielt immer ein Trostgeschenk, damit ihr die Zeit bis zur Bescherung nicht zu lang wurde.

Birthes Mutter deckte zum Nachmittag statt der Weihnachtstafel erst einmal den Geburtstagstisch für die Verwandtschaft. Preißelbeertorte gab es immer, und selbst als die Familie einmal über Weihnachten im Urlaub war, reiste der Geburtstagskuchen mit. Tagsüber Geburtstag, abends Festschmaus – klingt nach Stress pur und eine nie pausierende Kaffeemaschine. „Unser Festschmaus war nie so aufwendig, wie es sich manche vorstellen”, sagt Birthe Schneider. Es gibt Kartoffelsalat mit Bockwürstchen. Seit sie verheiratet ist, verreist sie über ihren Geburtstag. Die Familie ruft natürlich immer an. Nur den Heidelbeerkuchen, den wird sie heute vermissen.

Natale Natalino

Als hätte der Vater von Natalino gewusst, dass drei Feste an einem Tag nicht nur für seinen kleinen Sohn zuviel sind. Jedenfalls wartete er über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel, bis er seinen Neugeborenen im Rathaus von Acireale (Catania) anmeldete. Deshalb steht im Pass der 3. Januar des Jahres 1944, an dem der Stammhalter das Licht der Welt im Schatten des Ätna erblickte. Geboren war er aber schon am 24. Dezember 1943 um 23.50 Uhr, weshalb er auch „Natale” (Weihnachten) heißt.

Es war stets ein bescheidenes Fest für den „kleinen Weihnachtsmann”, der im Bombenhagel in diese süditalienische Welt geboren wurde, in der man Schnee nur von den Höhen des Ätna kannte. Vorn aus dem Elternhaus blickte man bei gefühlten 24 bis 28 Grad Celsius auf den Sonne beschienenen Strand. Weihnachten, Geburtstag und Namenstag waren für Natalino immer dann, wenn die Krippe mit kleinen Figuren aufgebaut wurde. Abends saß die Familie um den Tisch und aß bis zur Christmette, an deren Anschluss es wieder an den Tisch ging, dann aber zum Kartenspiel. Erst am 1. Weihnachtstag gab es Geschenke, wenn wieder alle rund um den Tisch versammelt waren.

Daran änderte sich auch zunächst nichts, als er 1970 seine Freunde Giusepe () und Carmelo () in Unna besuchte. Sein erstes Weihnachten feierte er zusammen mit Alfredo Grecco (ForYou- und Kamin-Wirt) und dessen Familie, „wie zuhause in Acireale”.

Diese Tradition änderte erst Helene, die er im Sommer 1976 im Dom seines Heimatortes heiratete. Längst arbeitete er in Holzwickede bei Vinzens Wiederholt und mit den Jahren gründete sich eine andere Tradition: Zwar wird damals wie heute Heiligabend in der Familie gefeiert, aber am 1. Weihnachtsfeiertag kommen Freunde zum gratulieren. „Ganz ohne Einladung”, sagt Natale Trovato, der mittlerweile Ruheständler ist: „Das ist so Tradition.”

Karl-Heinz Agethen

„Ein Fußball und Pumaschuhe, das war das Allergrößte”, erinnert sich Karl-Heinz Agethen. Wer aber glaubt, die Schuhe seien Geburtstagsgeschenk gewesen und der Ball das Weihnachtspräsent, der irrt. Karl-Heinz Agethen hat seit 1947 noch nie Geschenke ausschließlich zum Geburtstag oder allein für Weihnachten bekommen.

Er ist Heiligabend geboren. Für ihn als Jungen schlimm genug, denn: „So einen richtigen Kindergeburtstag kenne ich gar nicht.” Dafür war wenige Stunden vor der Bescherung nie Zeit, da wurde gekocht, geputzt und vorbereitet. Da konnte Mutter Agethen alles vertragen, aber eben keine Kinder im Haus. Mal abgesehen davon, dass klein Karl-Heinz der Sohn vom großen Karl-Heinz war und dessen Vater Karl hieß und allesamt Gastwirte waren. In dem Gewerbe blieb und bleibt über den Jahreswechsel eh nicht viel Zeit für Privatest: „Am 1. und 2. Feiertag war alles reserviert”, so Karl-Heinz Agethen.

Für ihn begannen Geburtstag und Heiligabend eh schon am Samstag vor Weihnachten: Morgens gewaschen, gekämmt und mit Brix gescheitelt, dann mit der Straßenbahn zu Althoff (heute Karstadt) in Dortmund, wo es für alle ein Paar Schuhe und anschließend ein Bratwürstchen gab. Was im übrigen auch passte, denn die Agethen-Kinder hatten fast gleichzeitig Geburtstag (4. November, 12. 22. und 24. Dezember). Da bleib für Karl-Heinz am Heiligabend nicht mehr das Meiste übrig, erst recht nicht in den ersten Lebensjahren nach dem Krieg.

Die größeren Geschenke kamen erst später, wie gesagt Fußball und Schuhe. Und vor allem seit der Gastwirt mit seiner Selbstständigkeit Geburtstag und Heiligabend getrennt hat. Erst wird reingefeiert, dann gibt's Bescherung.

Volker W. Weidner

„Super angenehm” ist Geburtstag und Heiligabend an einem Tag für Volker W. Weidner und seine Frau Christa. Weshalb es auch keinen Weihnachtsstress gibt: „Denn morgens ist Geburtstag und nachmittags Weihnachten.” Eine Aufteilung, die der gebürtige Olsberger seit Kindheit an kennt: „Vormittags gab's Kleinigkeiten, eine Kerze auf dem Tisch.” Klein, aber sehr, sehr wichtig, denn: „Einmal hatten sie die Kerze vergessen, da war ich sehr traurig.” Nicht zu vergessen: An seinem Geburtstag kochte die Oma (gebürtige Ostpreußin) „Fleck”. Was sich pfiffig anhört, aber längst vom Menüplan verschwunden ist, weil Pansen halt längst nicht mehr jedermanns Sache ist.

1954, für Deutschland das Jahr der Weltmeisterschaft, für Volker Wilhelm Weidner das Jahr, als die Familie nach Unna zog. Wo sich allerdings an den Gepflogenheiten zum weihnachtlichen Geburtstag aber auch nicht viel änderte: „Morgens ein kleines Geschenk, wie einen Malkasten”, abends dann Weihnachten. „Schichtdienst” auch später mit den Schwiegereltern. Erst die Geburt der Nichte Birte 1974 vermochte die Tradition ein wenig zu wandeln, denn naturgemäß wird irgendwann die Bescherung der Enkelkinder wichtiger. Was aber am Heiligabend-Geburtstag-Stundenplan nichts änderte. Mag's der doppelte Grund zum Feiern und Schenken sein, der die Präsent-Praxis der Weidners geprägt hat, jedenfalls schenken beide gern und bewusst, aber: „Kein Austausch von wirtschaftlichen Gütern”, sagt Volker W. Weidner. Einen Anlass zum Schenken brauche weder er noch seine Frau.

 
 

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