Die Klage von RWE ist legal, aber kaum legitim

Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, kritisiert die Klage von RWE. Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool Essen
Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, kritisiert die Klage von RWE. Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool Essen
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Der Essener Stromkonzern klagt gegen die vorläufige Abschaltung des Kernkraftwerks Biblis A. Dieser Schritt ist legal, aber falsch, sagt Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Mit der Klage beweise RWE, dass er von rückwärtsgewandt ist.

Essen.. RWE-Chef Großmann zieht vor Gericht. Das ist gut – zu wissen. Formaljuristisch kann man den Schritt sogar nachvollziehen, das Moratorium der Bundesregierung ist überhastet auf den Weg gebracht worden und womöglich nicht gerichtsfest. RWE will das – anders als Eon – ausnützen. Legal, aber kaum legitim. Man ist dankbar für klare Ansagen, als Essener Bürger und kritische Zeitgenosse wendet man sich jedoch mit Grauen ab. Denn der Konzern, der gern voRWEgzugehen vor- und sich ein grünes Image gibt, macht mit diesem Schritt klar, dass er in Wahrheit von vorgestern ist.

Dass ein Konzern Geld machen und Kosten abwälzen will – geschenkt. Und um falsche Zungeschläge und Debatten zu vermeiden: ich bin fasziniert von großer Technik, ich schätze Unternehmer, die etwas unternehmen, ich respektiere den Ingenieurverstand und bin schließlich auch für den Industriestandort Deutschland und speziell Ruhr. Ich bin aber auch ein Lokal-Patriot. Gerade deshalb irritieren mich Unternehmer, Techniker und Ingenieure, die stur am „business as usual“ festhalten.

Wenn RWE, wider besseres Wissen in den eigenen Schubladen, den fossilen Weg von Atom und Kohle weitergeht, wird das Unternehmen schon in zehn Jahren vom Markt verschwunden sein. Zerlegt und ausgeweidet ins Ruhr-Museum befördert wie andere Fossile aus dem Karbonzeitalter. Und wenn die Aktionäre Großmanns Schritt applaudieren, beklatschen sie ihren drohenden Niedergang.

RWE hat nicht verstanden, sich auf eine neue Zeit einzustellen

Im Unternehmen selbst sind Mitarbeiter, die ein paar Jahre weiter denken, nicht amüsiert. Sie wären froh, wenn die Atom & Kohle-Generation abtreten und der Versucht unternommen würde, im Einklang mit einer ganz offensichtlich veränderten Großwetterlage den Konzern so auszurichten, dass er als intelligenterer Energiedienstleister auch morgen noch etwas anzubieten hat, was die Kunden heute schon wollen: sauberen Strom, Effizienz- und Sparkonzepte. RWE hat es nicht verstanden, sich auf eine Zeit einzustellen, in der man nicht mit mehr Strom, sondern mit geringerem Verbrauch Geld verdienen muss.

RWE ist einer der größten und sturköpfigsten Treibhausgasverursacher in Europa, der Anteil der erneuerbaren Energien liegt weit unter dem Durchschnitt, mit drei Prozent weit hinter den Konkurrenten zurück. Ausgerechnet RWE Innogy-Chef Vahrenholt verbeißt sich als Klima-Skeptiker in aussichtslose Rückzugsgefechte. Wer zu spät umstellt, den bestraft der Markt, der selbst in dieser Monopolbranche heftige Warnsignale sendet.

Schöpferische Zerstörung hat das Joseph Schumpeter genannt, der große Theoretiker des Unternehmertums. Nur fragt sich, was in Essen und in der Ruhrregion an die Stelle dieser Dinosaurier treten soll. Die wissenschaftliche Qualifikation ist da, Fachkräfte ebenso, unternehmerischer Nachwuchs auch. Die Metropole Ruhr hat nicht nur das Zeug zur Kulturhauptstadt, sie hätte auch das Potential zur Klimametropole. Dagegen stellen sich die Vetospieler in ihren Elfenbeintürmen. Das wird nicht nur zum wirtschaftlichen, sondern auch zum industriepolitischen Problem. Wie lange noch?

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