Die Kernschmelze der Union - von Stefan Hans Kläsener

Stefan Hans Kläsener

Es war erwartet worden. Nach katastrophalen politischen Fehlern in Sachen Atomkraft, Libyen und einem bedenklichen Weg in der Euro-Krise konnte niemand erwarten, dass Schwarz-Gelb an diesem Wochenende ungeschoren davonkommen würde.

Aber wie sie geschoren wurden, das lohnt dann doch der Analyse. Zunächst Rheinland-Pfalz: Dort hat die Union mit einer frischen und unkonventionellen Kandidatin punkten können. Die FDP ist - dank des tapsigen Landesvorsitzenden Rainer Brüderle - zu Recht abgestraft worden. Aber ein Erfolg für die SPD ist es angesichts der Verluste auch nicht. Kurt Beck ist verbraucht, so wie Helmut Kohl seinen Landsleuten irgendwann auf die Nerven ging.

Das eigentliche Erdbeben geschah im Ländle, dem Stammland der CDU wie der Liberalen, die beide abgestraft wurden für eine arrogante Politik über die Köpfe der Bürger hinweg. Dass nun ein bürgerlich wirkender Kandidat der Grünen das Rennen als Ministerpräsident machen dürfte, ist ein historisch anmutender Wendepunkt.

Die Grünen, so sie denn nicht Claudia Roth, Jürgen Trittin oder Renate Künast heißen, sind tief im bürgerlichen Lager angekommen. Der Versuch der Kanzlerin Angela Merkel, sich mit dem erklärten Konservativen Stefan Mappus zu verbünden, ist als taktisches Manöver vom Wähler durchschaut worden und hat beiden den größten anzunehmenden Unfall beschert. Es mag ja sein, dass die dramatischen Ereignisse in Japan zum Wahlergebnis beigetragen haben, aber inwiefern? Insofern sie die Atomlobby Lügen gestraft und damit die CDU in Baden-Württemberg, in Sonderheit Mappus, in eine peinliche Lage gebracht haben.

Es gibt keine Ausrede für die CDU: Wo sie klar und ehrlich aufgetreten ist wie in Rheinland-Pfalz, da kann sie bei Wählern punkten. Mit einem rückwärts-gewandten Konservativismus wie in Baden-Württemberg erleidet sie dagegen Schiffbruch.

Die Kanzlerin ist beschädigt, keine Frage. Aber auch den anderen Parteiführungen in Berlin bleibt der Jubel im Halse stecken: Winfried ­Kretsch­mann ist alles andere als der Grüne, wie wir ihn in Berlin täglich besichtigen. Die SPD-Werte in beiden Ländern sind alles andere als eine Bestätigung für den Berliner Kurs unter Sigmar Gabriel, eher eine kritische Anfrage.

Für die FDP wird es darauf ankommen, ob sie die Kraft zur Erneuerung findet. Die Bundestagsfraktionschefin Birgit Homburger und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sind politisch erledigt. Aber ob die Partei die Kraft aufbringt, sich ihrer zu entledigen?

Am Ende, wieder einmal, könnte die gebeutelte und geschüttelte Angela Merkel alles überstehen. Weil es keine Alternative zu ihr gibt.