„Die K-Wörter sind am schlimmsten“

Jan Michael Bednarek stottert und zeigt wie man es mit der richtigen Atemtechnik vermeiden kann. Zum Beispiel beim Telefonieren
Jan Michael Bednarek stottert und zeigt wie man es mit der richtigen Atemtechnik vermeiden kann. Zum Beispiel beim Telefonieren
Foto: WR

Bergkamen..  „Vor eineinhalb Jahren war so ein Gespräch wie jetzt mit Ihnen nicht möglich.“ Einwandfrei kommt Jan-Michael Bednarek dieser Satz über die Lippen. Kein doppelt, dreifach oder gar vierfach gesprochener Konsonant, kein Zaudern, kein Hängen zwischen den Wörtern. „Die K-Wörter“, sagt der 22-Jährige, „das sind die schlimmsten.“

Jan-Michael Bednarek stottert. Er gehört damit zu dem einen Prozent der deutschen Bevölkerung, die von einer Störung des Redeflusses betroffen ist – und von der Öffentlichkeit häufig als dumm und verklemmt wahrgenommen wird. Dass Stottern kein unabänderliches Schicksal ist, zeigt die Geschichte des jungen Mannes, mit dem wir anlässlich des Welttag des Stotterns gesprochen haben.

„Seit ich mich erinnern kann, stottere ich“, erzählt Jan-Michael Bednarek aus Rünthe. Er habe als Kind, vermutlich in der 1. Klasse, auch mal eine Sprachtherapie gemacht. Aber die sei eher spielerisch gewesen, sagt er. Das jedenfalls hätten ihm die Eltern erzählt. Die haben ihm auch gesagt, dass sein Stottern kein Problem sei. Jeder Mensch habe Schwächen, sagten sie. Nun, dann hab’ ich halt eine Sprachschwäche, hat sich Bednarek gedacht.

„Ich habe mich damit abgefunden, dass ich stottere“, erzählt er. Es habe ihn auch selber gar nicht mehr gestört. Natürlich sei er in der Schule gehänselt worden, habe sich blöde Sprüche anhören müssen, sei nachgeäfft worden von anderen. „Aber daran gewöhnt man sich.“

Beim Vorlesen in der Schule habe er immer Schwierigkeiten gehabt, die ersten Wörter rauszubekommen, oder er musste sie mehrfach wiederholen. War er aber einmal im Lesefluss, sei es okay gewesen.

Dann aber war die Schule beendet und wartete die Ausbildung zum Justizfachangestellten beim Amtsgericht in Hamm auf den jungen Mann. „Da wurde es plötzlich ganz schlimm“, sagt Bednarek. Woran es lag? „Keine Ahnung“, sagt der 22-Jährige. Vermutlich Stress, schätzt er. Vielleicht habe er aber auch die Ängste aus der Schule mitgenommen in den Job. Denn die Vorurteile gegenüber Stotterern seien ja nun mal da, sagt er.

Auf jeden Fall habe er eine totale Blockade gehabt, brauchte zehn Sekunden und länger, um ein Wort rauszukriegen. Besonders schlimm sei’s beim Telefonieren gewesen und beim Fußballspielen. Da habe es ihn am meisten genervt. „Ich konnte meinen Mitspielern keine Anweisungen geben. Ich hab’s einfach nicht schnell genug rausgekriegt“, sagt Bednarek. Nachher hätten die Freunde dann immer gefragt: Warum hast du nichts gesagt? „Ich konnte nicht“, sagt der 22-Jährige.

Und dann hat sich Bednarek endlich einen Ruck gegeben. „Meine Eltern haben es aber auch gesagt.“ Er wollte etwas unternehmen gegen das Stottern. Anfang des Jahres suchte er einen Hals-, Nasen- und Ohrenarzt auf, der ihm eine Überweisung für den Logopäden schrieb.

Seit März ist der junge Mann nun einmal wöchentlich in Behandlung, zwei Logopädinnen kümmern sich abwechselnd um ihn. Und er habe in den wenigen Monaten gewaltige (tatsächlich nicht zu überhörende, Anm. der Red.) Fortschritte gemacht.

„Ich mache immer die Hausaufgaben, ich habe da einen total starken Willen“, sagt Bednarek. Momentan lerne er die stotterfreie Rede am Telefon. Seine Therapeutin habe nämlich festgestellt, dass er keine Luft hole beim Telefonieren. Jetzt legt er dabei die Hand auf den Bauch und achtet darauf, dass er nach einem gesprochenen Halbsatz einatmet, bevor er weiterredet. „Es funktioniert“, sagt Jan-Michael Bednarek.

Was er auch dann nicht machen wird, wenn er in naher Zukunft seine Sprachbehinderung im Griff hat? „Witze erzählen“, antwortet Bednarek, „das kann ich gar nicht. Bei der Pointe kommt nichts mehr.“

Was er allen Stotterern mit auf den Weg geben möchte? „Überwindet Euch, geht zur Sprachtherapie, mir hilft sie.“

INFO

Der Welttag des Stotterns ist am kommenden Montag, 22. Oktober. Ein Tag, den die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (BVSS) zum Anlass nimmt, offensiv mit der Sprechbehinderung umzugehen. Ihre einfache Formel lautet: Lieber stottern als schweigen.

Stotternde, deren Familienangehörige und mittelbar Betroffene wie Lehrkräfte oder Arbeitgeber finden Informationen und Hilfestellungen rund ums Stottern bei der zentralen Informations- und Beratungsstelle der BVSS oder im Internet auf der Seite www.bvss.de.

 
 

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