Die Feuer regnen ließen

Foto: WAZ
WAZ-Mitarbeiter Jo Gernoth entdeckte im Intenet ein zunächst rätselhaftes Bild von 1945. Die Spurensuche führte ihn zu zwei Fliegern, die am 22. März 1945 am größten Bombenangriff auf Dorsten beteiligt waren.

Dorsten.. Das Schwarz-Weiß-Bild auf der rätselhaften Internetseite zeigt einen US-Bomber aus dem zweiten Weltkrieg. Es handelt sich dabei, wie die Beschreibung vermerkt, um die „Magness-Crew over a Daylight-Mission with Dorsten as MPI on March, 22th of 1945“.

Bislang glaubte man, dass nur Kanadier und Briten die Stadt in Schutt und Asche legten. Das Bild belegt: Beteiligt waren am verheerenden Angriff kurz vor Kriegsende auch US-Bomber der 8. US-Luftflotte.

Die Internetseite der „398th Bomb Group“ ist kein kriegslüsternes Sammelbecken für Bellokraten, sondern ein fast wissenschaftliches Dokument, das sich mit dem Leben und Leiden der Piloten und ihren gefährlichen Missionen befasst.

Es war Krieg. Ein Krieg, den Deutschland mit größter Brutalität begonnen hatte und der nach Ansicht der Alliierten nur mit noch größerer Härte zu beenden war. Ein Schwert dieser Strategie ist die „Mighty Eight“, die achte Luftflotte. Im Frühjahr 1944 landet ein gewisser Byron Magness mit einer Boeing B 17 im englischen Nuthampstead. Mit an Bord dieser auch „Fliegende Festung“ genannten Maschine sind Co-Pilot Robert H. Dee Jr. und der Navigator, Lt. Samuel „Ed“ Arbuthnot. Diese Männer, oder besser Jugendlichen, sind im Schnitt nicht einmal 21 Jahre alt. Auf ihrem britischen Stützpunkt wird der Rest der Besatzung zugeteilt. „The Magness-Crew“ fliegt insgesamt 35 Missionen über vielen europäischen Kriegsschauplätzen.

Am 22. März 1945 steht auf der Briefing-Liste: Headquarters and Military Facilities in Dorsten, MPI. MPI ist das Kürzel für „Main Point of Impact“ , was so viel heißt wie Hauptangriffspunkt. Ein nüchterner Befehl – mit tragischen Auswirkungen für die Stadt. Bei den Recherchen kann die WAZ Kontakt mit dem 89-jährigen Samuel „Ed“ Arbuthnot und dem Kommandanten der 601 Squadron der Bombergruppe, Wally Blackwell, aufnehmen.

„Es war eine Mission wie jede andere. Angst bereitete uns die intensive Warnung vor den massiven Flak-Stellungen und das Gerücht, dass zwischen Rheine und Dorsten Düsenjäger der Luftwaffe operieren würden. Die Deutschen Jäger waren gefährlich“, sagt Arbuthnot. Früh morgens startet die Crew ihren Bomber und geht auf Kurs. Über Antwerpen formiert sich der Bomberstrom, der laut Gefechtsbericht von Spitfire-Jägern der Royal Air Force eskortiert wird.

Auf die Nase der Maschine hat die Besatzung stolz die Disney-Figur „Peg-Leg Pete“, bei uns als „Kater Karlo“ bekannt, gemalt. 38 Sprengbomben von jeweils 50 kg Gewicht hat Magness an Bord. Tod und Verderben für Dorsten. Zeit, darüber nachzudenken, bleibt den Bomber-Besatzungen nicht. In den primitiven Fliegern sitzen die jungen Männer im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Pulverfass. Mit Sauerstoffmasken in Lederkombinationen müssen sie in 5000 Meter Höhe bei bis zu Minus 42 Grad ihren Job präzise erfüllen, um zu überleben.

„Wir haben nicht gegen die Menschen am Boden gekämpft. Wir haben gegen das Böse gekämpft und ich würde es heute wieder tun“, sagt Commander Wally Blackwell, der immer noch selbst am Steuerknüppel sitzt.

Wie setzte sich der Angriff auf Dorsten für die „Magness“-Crew fort? „The target was Dorsten. It’s close to Essen. Very little flak, and no fighters. The prop ran away at 18 000 ft. and I kept it down with the prop feathering button until it burnt out. Then we pulled it back and came home alone, but we dropped in formation“, steht im Tagebuch des Co-Piloten. Ein Motorenausfall. Die Bomben konnten noch im Verband geworfen werden, doch der Heimflug wurde allein angetreten. Der Eintrag ist übrigens fast identisch mit einem Eintrag über einen Angriff auf die Buna-Werke in „Huls“, also Hüls. Die Flugzeuge sind damals längst nicht so zuverlässig wie heute.

So ein Motorenausfall kam fast einem Todesurteil gleich, denn die Jäger der Luftwaffe waren auf diese Einzelgänger spezialisiert, weil sie gegen das massive Abwehrfeuer eines Verbandes selbst zu Gejagten wurden. „I never prayed so much in my life before“, erinnert sich „Ed“ Arbuthnot: Er habe noch nie soviel im Leben gebetet. Byron Magness, nicht ganz 21 Jahre alt, zirkelt den 16 Tonnen schweren Bomber mit nur zwei Motoren auf die holprige Landebahn seines englischen Stützpunktes.

Eine absurde Parabel: Am Boden sterben unschuldige Menschen und in der Luft sind es junge Männer, die um ihr Leben kämpfen. Da bleibt nichts von Fliegerromantik oder Heldenepos. Blackwell gesteht, sich auf seinen 35 Missionen mehr als einmal in die Hosen gemacht zu haben. Die Stimme von Arbuthnot stockt am Telefon. Er sei alt, sagt er. Er wisse, dass es ein Höllenfeuer war, das er und seine Kameraden entfachten.

Er sagt leise Dorsten, Dresden. Ja, er hat auch den Angriff auf Dresden mitgeflogen. Das wird man nicht los. Mehr sagt er dazu nicht. Es ist wie bei den noch wenigen Veteranen auf deutscher Seite: Vieles bleibt unausgesprochen und man kann nur ahnen, was in den Köpfen vorgeht.

„Ed“ Arbuthnot ist gläubig. Was er in der Luft und was unsere Großeltern am Boden in Dorsten erleben, muss Mahnung bleiben. Krieg kennt nur Verlierer. Damals wie heute.

 
 

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