Die diffamierten Idole

Die Potsdamer Sporthistorikerin Dr. Carina-Sophia Linne organisierte die Ausstellung „Vergessene Rekorde“ im Jüdischen Museum Westfalen mit.
Die Potsdamer Sporthistorikerin Dr. Carina-Sophia Linne organisierte die Ausstellung „Vergessene Rekorde“ im Jüdischen Museum Westfalen mit.
Foto: WAZ FotoPool

Dorsten.. Die Phrase „Gegen das Vergessen“ empfindet Museumsleiter Dr. Norbert Reichling in diesem Fall ausdrücklich als angemessen. „Vergessene Rekorde – Jüdische AthletInnen vor und nach 1933“ erinnert an Leistungen und Schicksale von Spitzensportlern in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.

Die Forschungsergebnisse von Sporthistorikern der Universität Potsdam wurden erstmals im Kulturprogramm zur Leichtathletik-WM in Berlin 2009 gezeigt, die Eröffnung im Jüdischen Museum beginnt am Sonntag, 11. September um 11 Uhr. Die Einführung übernimmt Dr. Jutta Braun (Uni Potsdam) eine der Kuratorinnen. In Dorsten ist die Ausstellung bis zum 30. Oktober zu sehen.

Lilli Henoch, Gretel Bergmann und Martha Jacob stehen beispielhaft für die Schicksale viele andere jüdische Spitzensportler im Mittelpunkt. Leichtathletische Multitalente, die olympische Medaillen errangen und Weltrekorde aufstellten. Sie wurden ausgegrenzt, diffamiert und verfolgt. Der Ausschluss aus dem deutschen Team der Spiele von 1936 ließ sportliche Lebensträume platzen.

Wie den von Christel Bergmann, seinerzeit eine der weltweit besten Hochspringerinnen und klare Goldkandidatin für die Spiele in Berlin 1936. Sie wurde zunächst aus dem deutschen Kader gestrichen, dann aber kurzfristig wieder aufgenommen, weil sie Aussicht hatte, Aufnahme im Team der USA zu finden. Als das Schiff mit den US-Athleten in New York ausgelaufen und auf dem Weg nach Europa war, wurde die Stuttgarterin aber wieder gestrichen und so um ihre Olympia-Teilnahme gebracht.

Schicksale, die nicht nur aus dem öffentlichen Gedächtnis gestrichen wurden. Auch Sportverbände und Vereine entwickelten lange keine Erinnerungskultur. „Erst nach der ersten Ausstellung 2009, erkannte der DLV mit 73 Jahren Verspätung den deutschen Rekord an, den Christel Bergmann 1936 aufgestellt hatte“, erklärt Dr. Carina-Sophia Linne, Potsdamer Sporthistorikerin und mitverantwortlich für die Ausstellung.

Großformatige Bilder zeichnen neben Video-Boxen mit Zeitzeugnissen ein anschauliches Bild der systematischen Ausgrenzung. Dass der Rassenwahn vor den Sportidolen nicht Halt machte, belegt das Schicksal von Lilli Henoch. Mit zehn deutschen Meistertitel und fünf Weltrekorden galt sie als weibliches Pendant des legendären Finnen Paavo Nurmi. 1942 wurde sie in Riga von den Nazis ermordet.

 
 

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