Deutsche springen auf Populisten wie Sarrazin an

Jan Jessen
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Essen. Die einen werfen Thilo Sarrazin Volksverhetzung vor. Andere meinen, er nenne doch nur Probleme beim Namen. Dass Sarrazins krude Thesen solche Wirkung erzielen, zeigt, wie empfänglich auch Deutschland für Populisten ist.

Die erregte Diskussion um die integrationspolitischen Thesen eines Thilo Sarrazin macht vor allem eines schmerzlich deutlich: Die politische Klasse und das Volk haben sich in eklatanter Weise entfremdet. Hier jene, die erst seit wenigen Jahren Zuwanderung und Integration auf die politische Agenda gesetzt haben; die es insbesondere zugelassen, ja sogar befördert haben, dass soziale Gegensätze sich zu ernsthaften gesellschaftlichen Spaltungen ausgewachsen haben.

Suche nach neuen Fürsprechern

Dort die, deren Lebenswirklichkeit mehr und mehr von der diffusen Angst vor sozialem Abstieg geprägt ist, von Unsicherheit und Wut; die deshalb das Fremde als umso verstörender und bedrohlicher empfinden.

Diese Entfremdung ist beängstigend. Wenn die politische Klasse nicht mehr für die Bürger spricht, ihre Sorgen und Nöte nicht mehr wirklich nachvollziehen und keine Lösungsmöglichkeiten bieten kann, suchen sie sich neue Fürsprecher. Wohin das führen kann, zeigt sich derzeit in vielen Ländern Europas, wo rechte Populisten mit islam- und fremdenfeindlichen Slogans auf Stimmenfang gehen.

Plumpe Parolen

Hans-Christian Strache in Österreich, Geert Wilders in den Niederlanden, Filip Dewinter in Belgien, Christoph Blocher in der Schweiz. Alles Männer, die der Sprachlosigkeit der etablierten Politik plumpe Parolen entgegensetzen, auf der Klaviatur der Ängste der Bürger spielen - und damit erfolgreich sind. In Deutschland ist die Saat für eine solche gefährliche Entwicklung bereits gelegt, wie der fast befreit wirkende Beifall für die Polemik und kruden Thesen Sarrazins in der Bevölkerung zeigt.

Die Politik muss aufpassen, dass die notwendigen - und längst geführten - Debatten über die Missstände bei der Integration insondere muslimischer Zuwanderer nicht aus dem Ruder laufen und wie andernorts zu einer geifernden Hatz gegen den Islam werden. Dazu müssen allerdings auch die muslimischen Gemeinden in Deutschland beitragen. Weit mehr als bislang - und weniger fordernd.