Deutsche Elite-Einheit war an Kundus-Luftangriff beteiligt

Foto: ddp

Berlin. Soldaten der Bundeswehr-Elite-Einheit KSK waren aktiv an der Vorbereitung des umstrittenen Luftangriffs bei Kundus beteiligt. Bei dem von der Bundeswehr angeordneten Angriff starben bis zu 170 Menschen. Guttenberg soll bis Mittwoch nichts gewusst haben - im Gegensatz zu Vorgänger Jung.

Nach dem folgenschweren Bundeswehr-Einsatz gegen zwei Tanklastzüge in Afghanistan sickern immer mehr bisher geheim gehaltene Details durch. Nach DerWesten-Informationen aus Militärkreisen waren Soldaten der Bundeswehr-Elite-Einheit KSK (Kommando Spezialkräfte) an der Vorbereitung des von der Bundeswehr angeordneten Luftangriffs aktiv beteiligt, bei dem am 4. September bis zu 170 Menschen starben; darunter auch viele Zivilisten.

Der amtierende Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) soll davon bis gestern nichts gewusst haben. Sein Vorgänger Franz-Josef Jung (CDU), so ein mit dem Fall vertrauter Militär im DerWesten-Gespräch, „wusste Bescheid hat aber geschwiegen“.

KSK unterstützte wohl Oberst Klein im Kommandostand

Nach offiziell noch unbestätigten Berichten haben mehrere KSK-Soldaten der geheimen „Taskforce 47“ (TF 47) in der Nacht des Luftangriffs den deutschen Oberst Georg Klein im Kommandostand des Bundeswehrlagers Kundus in Nordafghanistan aktiv unterstützt. „KSK-Leute waren im Raum, als die Anforderung der Kampfjets erfolgte“, hieß es heute früh in Sicherheitskreisen.

Dieses Detail ist völlig neu und wurde der Öffentlichkeit bisher vorenthalten. Es könnte Bedeutung erlangen, weil die Frage bis dato nicht erschöpfend beantwortet ist, wie Klein zu seiner vielfach in Zweifel gezogenen Entscheidung gekommen ist. Haben die KSK-Leute den Oberst womöglich gedrängt, US-Kampfjets anzufordern?

Bislang liefen die offiziellen Darstellungen des Verteidigungsministeriums immer darauf hinaus, das Oberst Klein und sein Fliegerleitoffizier, Codename „Red Baron", allein gewesen seien, bevor die Bomben von US-Kampfjets abgeworfen wurden.

Ärger bei Verteidigungspolitikern

Entsprechend verärgert reagierten gestern Verteidigungspolitiker der Fraktionen im Bundestag. Rainer Arnold (SPD) sagte der DerWesten: „Wir gingen bisher fest davon aus, dass Oberst Klein die Entscheidung allein getroffen hat. Die Zusage des Ministeriums, alles rückhaltlos aufzuklären, lässt sehr zu wünschen übrig.“ Arnold machte sich am Morgen aus seinem Wahlkreis in Süddeutschland auf nach Berlin, um in der Geheimschutzstelle des Bundestages abermals vertrauliche Berichte über den Tathergang in der Bombennacht einzusehen.

Der Beteiligung der KSK-Soldaten an der Entscheidungsfindung von Oberst Klein kommt auch deshalb besondere Bedeutung zu, weil das Verteidigungsministerium anfänglich immer von drei Quellen sprach, auf die sich Klein gestützt habe: neben den Luftaufklärungsbildern der US-Piloten sei dies vor allem eine „menschliche afghanische Quelle“ gewesen, die dem deutschen Oberst per Telefon die Situation rund um die in einem Flussbett steckengebliebenen Tanklaster schilderte, die von Taliban gekapert worden waren. Dazu, so der damalige Ministeriumssprecher Thomas Raabe, habe es noch einen dritten Informationsstrang gegeben, über den er auf Anfrage von Journalisten jedoch keinerlei Angaben machen wollte. Später wurde die besagte „dritte Quelle“ überhaupt nicht mehr erwähnt. „Das klingt schon ziemlich nach Vertuschung“, sagte ein Mitglied des Verteidigungsausschusses auf DerWesten-Anfrage.

Zumal der jüngst öffentliche gewordene Bericht deutscher Bundeswehr-Feldjäger, der letztlich die Kehrtwende des neuen Ministers Guttenberg in der Bewertung des Luftangriffs einleitete (erst „angemessen“, dann „unangemessen“...) keinerlei Hinweise auf eine Beteiligung der KSK gibt. „Es liegen hier keinerlei Erkenntnisse vor, inwieweit nachrichtendienstliche Quellen in die Entwicklung des Lagebilds und in die Entscheidung eingebunden waren", heißt es in dem Bericht. Und weiter: „Es liegen auch keine Erkenntnisse vor, ob die Entscheidungen durch den Kommandeur...und weitere Personen...oder an anderer Stelle vorbereitet beziehungsweise getroffen wurden."

Glasklare Lüge von Schneiderhahn?

Pikant: Als seinerzeit die so genannten Ob-Leute der Bundestagsfraktionen im Verteidigungsausschuss danach fragten, ob Spezialeinheiten der Bundeswehr an dem Luftangriff in welcher Form auch immer beteiligt waren, lautete die Antwort des inzwischen zurückgetretenen Generalinspekteurs der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, nach Angaben von Dabeigewesenen: Nein. Ob es sich dabei um eine glasklare Lüge gehandelt haben könnte, wird ab nächster Woche der zum Untersuchungsausschuss umfunktionierte Verteidigungsausschuss zu klären haben. Allein die SPD-Opposition hat bereits 84 Beweisanträge formuliert. Ein 85. wird sich nun wohl anschließen.

Ungemach droht der Bundeswehr auch von anderer Seite. Karim Popal, der afghanische Rechtsanwalt aus Bremen, der die Hinterbliebenen der Opfer des Luftangriffs vertritt, kündigte im DerWesten-Gespräch an, dass er sich mit „einmaligen Entschädigungszahlungen“ nicht zufrieden geben wird. Popal will nach wochenlangen Recherchen in Afghanistan nachweisen können, dass der Angriff 137 Tote, 91 Witwen und 163 Waisenkinder hinterlassen hat. „Zudem werden 22 Menschen vermisst“. Weil alleinstehende Frauen in Afghanistan unter schwersten Diskriminierungen zu leiden hätten, müsse der Bund eine langfristige Hilfe in Form eines Entschädigungsfonds gewähren. Gespräche darüber will der Anwalt in der nächsten Woche in Berlin aufnehmen. Sollte sich die deutsche Seite wenig kooperativ zeigen, so Popal, „kann ich jederzeit aus dem Stand die entsprechenden Klagen vor Gericht einreichen.“

 
 

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