Der Tod des Dieter Metzner wurde niemals aufgeklärt

Bis heute ist nicht geklärt, wer Dieter Metzner tötete.
Bis heute ist nicht geklärt, wer Dieter Metzner tötete.
In Herten richten vor 17 Jahren zwei Unbekannte einen Außendienst-Mitarbeiter des Bauamtes, Dieter Metzner, hin. Der Mord wurde nie aufgeklärt. Eine Spurensuche.

Herten. Hannelore Metzner ist eine ruhige Frau. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer irgendwo im Ruhrgebiet. Der Kamin ist sorgfältig gemauert, und der Fliesenboden ist hell. Auf dem schweren Holztisch dampft eine Kanne Tee. Ihr Mann heißt Dieter Metzner. Er wurde vor 17 Jahren am 25. Oktober 1994 im Backumer Tal, einem Stadtpark in Herten, hingerichtet. Acht Schüsse trafen Dieter Metzner in den Rücken, in die Hand, in den Kopf.

Der 25. Oktober war einer dieser grauen Herbsttage im Ruhrgebiet mit Nieselregen, kalt und unbehaglich. Hannelore Metzner raucht heute Zigaretten. Manchmal blinzelt sie. Damals, als ihr Mann ermordet wurde, litt sie an einer schweren Krankheit. Sie beschreibt das Leiden heute als ein dunkles Verlies, in dem sie gefangen gewesen sei.

Hannelore Metzner hat zwei Söhne: Kai und Björn. Die Trauer nach dem Mord an ihrem Mann habe sie noch tiefer in das Verlies gesperrt, sagt sie. Sie hatte Angst ihre Kinder zu verlieren. „Ich dachte, ich bin eine schlechte Mutter.“

Die Ermittlungen ruhen

Hannelore Metzner erinnert sich heute noch daran, wie nach dem Mord der Polizeibeamte Frank R. auf sie zugekommen ist. Damals, als sie gelähmt in ihrem seelischen Kerker festsaß, fast unfähig zu sprechen. Frank R. habe sie gefragt, ob sie überhaupt wolle, dass der Mord aufgeklärt werde. Hannelore Metzner kann sich nicht erinnern, wie das Gesicht des Beamten damals aussah, als er sagte, sie sitze die ganze Zeit so unbewegt rum, da könne es ja nicht so weit her sein mit ihrem Wunsch nach Wahrheit. Der Mörder von Dieter Metzner wurde bis heute nicht gefasst. Die Ermittlungen ruhen.

Hannelore Metzner sagt
, sie will wissen, warum ihr Mann sterben musste. Sie wollte es damals wissen, als sie vor Trauer stumm war. Und sie will es noch heute wissen. Eine Spurensuche beginnt. Sie führt in viele Sackgassen und zu einem vorbestraften türkischen Unternehmer.

Dieter Metzner hat im Bauamt der Stadt Herten gearbeitet. Er war kein einfacher Mensch, wie sich seine Weggefährten erinnern. Er hasste es zu lügen und sagte jedem ins Gesicht, was er von ihm hielt. Darüber hinaus war Dieter Metzner bescheiden. Sein Haus hatte er fast vollständig mit den eigenen Händen erbaut, berichtet seine Frau. Er wollte niemandem etwas schuldig bleiben. Dieter Metzner war ausgebildeter Maurer. 48 Jahre alt, sportlich. Hannelore Metzner sagt, ihr Mann habe sich wehren können.

Metzner war ein Familienmensch

Dieter Metzner liebte seine Familie. Regelmäßig fuhr er mittags mit dem Rad heim, um mit seiner Frau zu essen. Nachmittags ging er mit seinen beiden Söhnen zum Fußball, und am Wochenende unternahm er mit ihnen ausgedehnte Radtouren bis nach Holland hinauf oder sogar – in den Sommerferien – bis nach Monaco. So steht es in den Ermittlungsakten zum Fall Metzner, die der WAZ vorliegen.

Das letzte Mal aß Hannelore Metzner mit ihrem Mann am Tag seines Todes. Wie jeden Tag war Dieter Metzner nach Hause gekommen. Es gab Putengeschnetzeltes, Paprikagemüse, Reis und Endiviensalat. Hannelore Metzner sagt, sie kann sich erinnern, wie er nach dem Essen aufstand, wie er sie ansah und wie er dann fortging. Er sagte, er werde wiederkommen, erinnert sich Hannelore Metzner, das habe er versprochen, so wie er immer wiederkam. Das waren die letzten Worte, die sie von ihrem Mann hörte. Gegen 13.35 Uhr verließ Dieter Metzner das Haus, keine drei Stunden später war er tot.


Dieter Metzner arbeitete
im Außendienst des Bauamtes. Sein Job war es, Baustellen zu prüfen. Fehlten Genehmigungen, zögerte er nicht, Arbeiten stillzulegen. Egal wer da vor ihm stand. Dieter Metzner ließ kaum mit sich reden. Konflikten ging er selten aus dem Weg. In den Akten sind Schreiereien dokumentiert, bei denen das Wort „Arschloch“ fiel. Dieter Metzner galt unter seinen Kollegen als unbestechlich, so steht es in den Akten.

Nach dem Mord durchleuchtete die Polizei die Finanzen der Familie, die Konten von Hannelore Metzner und den Kindern. Die Beamten suchten im Kinderzimmer nach Bargeld und auf dem Dachboden. Sie fanden nichts.

Im Amt hatte Metzner nicht viele Freunde, sagten seine Kollegen vor der Kriminalpolizei aus. Ein Verhältnis mit einer Frau oder einem Mann hatte er auch nicht. Dieter Metzner habe eigentlich mit niemanden vertraulich gesprochen, erinnerten sich die Kollegen, außer mit seinem Vorgesetzten, dem damaligen Leiter des Bauamtes Dieter K. Nur diesem hätte er irgendwelche Auffälligkeiten aus Kon­trollen berichtet, heißt es.

Wahrscheinlich ein „Auftragsmord“

Dieter Metzner fuhr regelmäßig mit seinem Rad durch die Stadt und schaute sich um. Er war dafür bekannt, bei seinen Touren nicht nur bei seinen eigenen Baustellen vorbeizuschauen, sondern auch mal im Revier der anderen Kon­trolleure zu sehen, was da so gebaut wird. Oft habe er dabei keine Notizen gemacht, sondern direkt dem Chef berichtet, wo es stinke, so steht es in den Akten.

In einem Untersuchungsbericht des Bundeskriminalamtes (BKA) zur Tat heißt es, Dieter Metzner sei wahrscheinlich einem „Auftragsmord“ zum Opfer gefallen. Private Motive könnten ausgeschlossen werden. Der Hintergrund der Tat sei allein im Arbeitsumfeld von Metzner zu suchen.

Der Sohn von Dieter Metzner sagt, sein Vater sei wenige Wochen vor seiner Hinrichtung nachdenklich geworden. Er habe gesagt, in Herten regiere eine Mafia. Der Vater habe ihm Angst gemacht, erinnert sich Kai Metzner. Er war damals 17 Jahre alt.

Er musste sterben, weil er seine Arbeit erledigte

Das BKA schreibt, Dieter Metzner musste sterben, weil er seine Arbeit erledigte. Im Hertener Rathaus hatten nur wenige Personen Berührungspunkte mit Metzners Arbeit. Hannelore Metzner sagt, es könne doch nicht so schwer sein, den Mord an ihrem Mann aufzuklären.


Der Leiter
der verantwortlichen Mordkommission im Fall Metzner sagte einmal, vielleicht sei Metzner nicht hingerichtet worden, weil er selbst etwas falsch oder richtig gemacht habe. Sondern vielleicht sei der Mann aus dem Bauamt getötet worden, um einen anderen Menschen im Rathaus zu erpressen. Der Leiter der Mordkommission sagte weiter, vielleicht sei der Fall Metzner eine Art Warnung an einen mächtigen Mann im Rathaus gewesen: Tu was wir wollen, oder wir töten dich. Wir können das, wir tun das. Aufgeklärt hat der Leiter der Mordkommission seinen Verdacht nicht. Zwei Tage nach dem Mord wurde in Herten gewählt. Und der alte Bürgermeister wurde der neue.

In den Ermittlungsakten zum Mord finden sich viele Spuren, die sich im Nirgendwo verlieren. Ein türkisches Bordell wurde erfolglos durchleuchtet, mehrere Personen aus dem Ausland aufgrund von ungenauen Phantomzeichnungen festgenommen und ein kleiner Bestechungsfall enttarnt, bei dem ein Bauunternehmer versuchte, mit geräucherten Lachsen im Rathaus Eindruck zu schinden.


Und es gibt
Merkwürdigkeiten. Zum Beispiel wurden die finanziellen Verhältnisse der Mitarbeiter im Bauamt nicht durchleuchtet, obwohl es früh Hinweise auf ein Motiv im Bauamt gab, und obwohl dort Gerüchte über Schmiergeld herumflirrten. In einem konkreten Fall hatte ein Architekt Korruptions-Vorwürfe gegen einen Kollegen von Dieter Metzner erhoben. Die Polizei fragte nach, stoppte aber ihre Ermittlungen, als sie erfuhr, dass der damalige Hertener Stadtdirektor eine Rufmord-Anzeige gegen den Architekten gestellt hatte und der betroffene Kollege jede Korruption von sich wies. Die Polizei selbst überprüfte die Vorwürfe nicht anhand von Konten und Geldtransfers.


Selbst die Telefonlisten
aus dem Rathaus wurden nicht vollständig ausgewertet – angeblich aus Kostengründen. Es wurde nicht abschließend überprüft, welcher Beamte angerufen hatte oder wer angerufen wurde. Dabei hätten die Telefonate Aufschlüsse über Kontakte von Rathausmitarbeitern zu Kriminellen geben können. Irgendeiner muss den Mördern im Backumer Tal gesagt haben, dass Metzner das Rathaus verließ und mit dem Rad losfuhr, damit der Hinterhalt gelegt werden konnte. 1994 hatten nur sehr wenige Menschen Handys.

Und dann gibt es Fährten, die ein zweifelhaftes Licht auf die Ermittlungen werfen. So beschlagnahmte die Mordkommission früh die Akten des Bauamtes und untersuchte Fälle, in denen es Probleme mit den Bauprüfern gab. Das meiste war Kleinkram. Der Kriminalbeamte Frank R. stellte am 19. Juni 1996 die Ermittlungen in den Bauakten weitgehend ein.


Dabei stach ein Fall
heraus, mit dem er sich genauer hätte beschäftigen können. Es geht um Fall 67: ein Haus in der Westerholter Straße Nummer 419. Das Haus ging wenige Wochen nach dem Mord in Flammen auf. Es handelte sich um Brandstiftung. Das Besondere dabei: Das Haus stand im Fokus von gleich zwei kriminellen Gruppen, die dort ihren Geschäften nachgingen.

Zunächst hatte der Unternehmer Wolfgang R. ein Auge auf das Haus geworfen. Er versprach den Besitzern, einem alten Ehepaar, er wolle das Gebäude kaufen. Es ging um viel Geld. In den Akten ist die Rede von umgerechnet 400 000 Euro. Fast gleichzeitig mit den Kaufverhandlungen reichte die Lebensgefährtin des Unternehmers mehrere Bauanträge beim Hertener Bauamt ein. Sie gab an, das Haus in der Westerholter Straße in mehrere Eigentumswohnungen umzuwandeln. Der Unternehmer Wolfgang R. begann, die noch nicht fertigen Wohnungen zu verkaufen, obwohl ihm das Haus noch nicht gehörte. Das Geld aus den verkauften Wohnungen behielt er. Den Kauf des Hauses blies er ab. Anders gesagt: Wolfgang R. verkaufte Wohnungen, die ihm nicht gehörten. Die Wohnungen wurden nie gebaut. Das Haus ging in Flammen auf. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Wolfgang R. wegen Betruges.


Und dann war noch
eine zweite kriminelle Gruppe in der Westerholter Straße aktiv. Andreas B. hatte sich als Pächter einer Gaststätte mit dem Namen „Orient Café“ in die Akten des Gewerbeamtes eintragen lassen. Sieben Tage vor dem Mord gab Andreas B. seine Schanklizenz für das Café zurück. In den Ermittlungsakten zur Brandstiftung heißt es allerdings, das „Orient Café“ sei zur Mordzeit noch betrieben worden – und zwar als illegales Spielcasino. Andreas B. trat noch Wochen nach dem Mord als Wirt des Cafés auf.

Casino samt Bordell in der Westerholter Straße

Laut Brandakten sagte An­dreas B. aus, er habe das Lokal an einen Türken unterverpachtet. Eine Zeugin erklärte, wenige Wochen vor dem Mord sei das illegale Casino umgebaut worden. Nach dem Umbau hätten vor dem Lokal „dic­ke Autos wie Porsche und Mercedes“ geparkt. Zudem seien immer wieder junge Frauen alleine ins illegale Casino gegangen. Bei einem Besuch in der Spielhölle habe die Zeugin vier der jungen Damen an einem Tisch gesehen, während daneben ein Roulette aufgebaut war. Anwohner berichten heute noch, dass in der Westerholter Straße 419 ein Casino samt Bordell war. In den Bauakten findet sich zu den Umbauten kurz vor dem Mord allerdings kein Hinweis.


Dabei hätte der Fall
des „Orient Café“ dem Bauamt bekannt sein müssen. Denn in den Papieren des Amtes ist eine „Rattenplage“ aktenkundig, die das Haus Wochen vor dem Mord heimsuchte. Der Vorgang „Ratte“ wurde von Bauamtsleiter Dieter K. bearbeitet. Dieser schickte einen Außendienstmitarbeiter vor Ort. Der Mann stellte einige Mängel fest und ließ sie beseitigen. Die Ratten sollten bekämpft werden. Bauamtsleiter Dieter K. schloss die Akte. Und zwar 12 Tage vor dem Mord. Zu dem Zeitpunkt etwa, an dem das umgebaute „Orient Café“ seinen Betrieb als Bordell aufnahm.

Auffällig ist die Beziehung der handelnden Bauamtsmitarbeiter zu Dieter Metzner.


Zunächst war Erwin R.
mit dem Ratten-Vorgang befasst. Der Außendienstmitarbeiter des Bauamtes wurde kurz vor dem Mord in das Büro von Dieter Metzner gesetzt. Der Sohn des Mordopfers, Björn, berichtet in einer schriftlich festgehaltenen Zeugenaussage, sein Vater habe sich manchmal über Erwin R. aufgeregt, weil der nicht verstanden habe, um was es geht.

Dann war jener Leiter des Bauamtes, Dieter K., mit dem Vorgang vertraut, der laut Zeugen die einzige Person war, mit der Dieter Metzner vertraulich über Dinge redete, die ihm bei seinen Streifengängen ungewöhnlich vorkamen.

Die Spur führt zurück in die Mordakten

Und dann führt noch eine Spur aus der Westerholter Straße zurück in die Mordakten: Der Wirt des illegalen Casinos war - wie berichtet - Andreas B.. Und dieser galt damals in Herten als Strohmann des türkischen Unternehmers *Timur K., wie gleich mehrere Zeugen, unter anderem Hertener Polizisten, berichten.


Hier schließen sich
einige Kreise. Timur K. ist in Herten nicht irgendwer. Nach einer Auskunft aus dem Bundeszentralregister wurde Timur K. in der Türkei geboren. Aufgewachsen ist er im Ruhrgebiet. Zeugen berichten, dass Timur K. im Hertener Nachtleben gerne mit einer Schusswaffe geprahlt habe. Sein Vorstrafenregister ist lang. Wegen Nötigung, Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung, unerlaubten Waffenbesitzes und diverser anderer Delikte wurde er immer wieder zu Geldstrafen verurteilt. Im Dezember 1995 saß er wegen Steuerhinterziehung in der Justizvollzugsanstalt Bochum.

Neben einem Bauunternehmen betrieb Timur K. Kneipen sowie Spielhallen und trat als Immobilienhändler auf. Teilweise liefen die Firmen unter seiner Kontrolle offiziell über seine damaligen Freundinnen. Nach eigenen Angaben hatte Timur K. zur Mordzeit in alle Bereiche des „Milieus“ gute Kontakte, wie aus einer Aussage von Timur K. vor der Polizei hervorgeht.

Auch mit der örtlichen SPD war Timur K. verbandelt. Die wichtigsten Männer der Stadt kannte er aus politischen Tagen im Jugendring der Stadt. Mit dem Mordopfer Dieter Metzner war Timur K. zumindest bekannt. Ein Zeuge berichtet an Eides statt, dass Metzner knapp zwei Jahre vor dem Mord eine Baustelle wegen fehlender Genehmigungen stillgelegt hat, auf der Timur K. als Bauunternehmer tätig war. In einer Zeugenaussage vor der Polizei sagte Timur K. dagegen später, Metzner nur einmal auf einer Baustelle seines Bruders gesehen und niemals mit ihm Probleme gehabt zu haben. Die Polizei bemerkte keinen Widerspruch.

Morddrohungen gegen Gerichtsvollzieher

Auch in der Mordakte von Dieter Metzner taucht Timur K. auf. Und zwar schon wenige Tage nach dem Mord. Eine Bedienstete aus dem Personalamt meldete sich in der Mordkommission. Sie könne sich erinnern, dass zwei Gerichtsvollzieher von einem Türken bedroht worden seien. Dieser habe gesagt, er bringe sie um, wenn sie sich in seine Angelegenheiten einmischen würden. Der Türke hieß Timur K.

Die Polizei ging der Spur nach. Die Gerichtsvollzieher bestätigten die Vorwürfe, sagten aber auch, Timur K. habe sich bei ihnen nach seinem Wutausbruch entschuldigt. Eine Überprüfung der Aktivitäten von Timur K. wurde früh ergebnislos beendet.


Hannelore Metzner sagt
, sie habe ihre Krankheit fast überwunden. Sie habe neue Freunde gefunden, ja, sie führe nun ein ruhiges Leben in dem Haus, das ihr Mann gebaut hat. Ihr jüngerer Sohn Björn lebt bei ihr. Hannelore Metzner wartet. Sie wartet seit Jahren auf den Tag, an dem die Polizei bei ihr klingelt und ihr den Namen des Mörders nennt. Doch es ist unwahrscheinlich, dass dieser Tag kommt. Immer noch ermitteln die Beamten, die schon früher Dinge übersahen.

So erfragten die Ermittler wenige Tage nach dem Mord beim Landeskriminalamt in Düsseldorf Täter, die in den vergangenen fünf Jahren im Raum Herten eine Schusswaffe bei Straftaten mitführten. Gemeldet wurden Männer aus dem ganzen Ruhrgebiet. Etliche wurden auf Alibis überprüft. Nur zwei Leute gingen der Mordkommission Herten durchs Netz. Timur K. und ein Freund von ihm, der Gerüstbauer Ahmet D.

Schießerei in Herten

Dabei wurden beide Männer neun Monate vor dem Mord wegen einer Schießerei mit einer illegalen Waffe in Herten verurteilt. Aus den Gerichtsunterlagen geht hervor, dass Ahmet D. mit einer Browning Kaliber 7,65 mm zwei Männer vor einer Kneipe niedergeschossen hat, die von Timur K. kontrolliert wurde. Die Waffe, die er abfeuerte, gehörte Timur K.


Timur K.
und sein Freund mussten deswegen 1200 Mark als Strafe bezahlen – wegen illegalen Waffenbesitzes. Ansonsten sei die Tat nicht zu beanstanden gewesen, da Timur K. und sein Freund in Notwehr gehandelt hätten, entschied das Gericht. Der Anwalt der Angeschossenen tobte damals: Seine Mandanten seien im Laufe der Polizei-Arbeit von Opfern zu Tätern gemacht worden. In den Ermittlungen direkt nach dem Mord spielten die Schüsse keine Rolle.

Erst Jahre später führt noch einmal eine Spur zu Timur K. Am 9. April 2001 erscheint um 10.50 Uhr der Grieche An­dreas Andreakis bei der Mordkommission. Er sagt aus, eine Landsfrau habe berichtet, dass Timur K. im Jahr 1994 zwei Kurden aus Dortmund angeheuert habe, um Dieter Metzner zu töten.


Am 12. April
kommt Andreakis auf Wunsch der Polizei erneut in die Mordkommission. Er sagt weiter aus, Timur K. habe Streit mit Metzner gehabt. Die Kurden hätten als Mordlohn 10 000 Deutsche Mark von Timur K. bekommen. Andreakis sagt, seine Landsfrau habe diese Informationen aus einem Gespräch, das Timur K. mit anderen geführt habe. Seine Landsfrau sei Mieterin in einem Haus, das Timur K. gehöre. Sie sei in der Vergangenheit von Timur K. erpresst worden. Weiter sagte Andreakis aus, Timur K. habe auch andere Mieter aus seinen Häusern erpresst, unter anderem auch ihn selber. Dabei sei Timur K. von einem Deutschen begleitet worden. Die Männer hätten Schusswaffen getragen.

Nicht für die Ermittlungsakte

Die Polizei fertigt über beide Aussagen am 17. April 2001, fünf Tage später, einen zweiseitigen Vermerk. Auf diesem Vermerk steht oben an erster Stelle: „Nicht für die Ermittlungsakte.“ Die vier Worte sind fett geschrieben und unterstrichen. Es folgenden 56 Ausrufezeichen.

Zwei Monate später suchen zwei Beamte der Mordkommission die Landsfrau von Andreakis auf. Sie arbeitet in einer Pommesbude. Die Griechin sagte den Beamten, dass Timur K. damals Stammgast bei ihr war. Nach dem Mord sei das Gerücht aufgekommen dass einer aus der Kolonne von Timur K. den Mord an Dieter Metzner für 10 000 Mark verübt haben soll. Weiter sagte sie aus, dass sie von Timur K. erpresst worden sei.

Die Polizei schrieb über dieses Gespräch am 25. Juni 2001 einen weitern Vermerk. Damit war die Zeugenbefragung in dieser Spur beendet.

Der WAZ sagte die Griechin später, die Polizei habe kein Interesse gezeigt, die Sache zu verfolgen. Auch als sie von Timur K. erpresst worden sei, hätten die Beamten nichts unternommen. Der Zeuge Andreakis ist aus Herten verschwunden.


In der Mordakte
sind weitere Hinweise auf Timur K. zu finden. 2002 entbrennt in Herten ein Skandal. Günter Wichert, ein ehemaliger Kneipier und vertrauter Geschäftspartner von Timur K., behauptet öffentlich, dieser habe Leute aus der Stadtspitze geschmiert. Wichert nennt einige Namen. Im folgenden Skandal wird Wichert von Timur K. unter Druck gesetzt. Er soll seine Aussagen öffentlich widerrufen.

Wichert berichtet darauf bei der Polizei, Timur K. habe gesagt, wenn der Skandal um die angebliche Bestechung nicht gestoppt werde, könne noch etwas viel Schlimmeres ans Licht kommen. Timur K. habe ihm gesagt, er habe Angst, der Fall Metzner werde wieder aufgerollt.


Die Ermittler verlangen
vom Zeugen Wichert Beweise für die These. Wichert kann keine Kontoauszüge oder internen Papiere von Timur K. vorlegen, sondern nur wiederholen, was dieser ihm gesagt hat. Das reicht der Polizei nicht, um nachzuspüren, was an den Vorwürfen dran sein könnte. Wichert wird in einem internen Vermerk vom Beamten Frank R. als nicht glaubwürdig abgestempelt.

Wichert schreibt ein Buch über seine Erlebnisse mit Timur K. unter dem Titel „Schweigen in der Stadt“. In dem Buch zitiert er die angebliche Aussage seines ehemaligen Geschäftspartners. Timur K. droht daraufhin Wichert zu ermorden. Wegen dieser Drohung wird Timur K. später zu einer Geldstrafe in Höhe von 500 Euro verurteilt.


Erst im Jahr 2004
wird Timur K. von der Polizei in einem „Informationsgespräch“ zum „Komplex Metzner“ befragt. Timur K. gibt zu, mit Andreas B. gearbeitet zu haben. Und weiter sagt Timur K., unter den Zuhältern Hertens sei Metzner genauso unbekannt gewesen wie in den Spielcasinos, von denen es damals mehrere in der Stadt gegeben habe. Mit dem Mord habe er jedenfalls nichts zu tun. Damit waren die Ermittlungen in Sachen Timur K. weitgehend abgeschlossen.

Auch heute sagte Timur K. der WAZ, er habe nichts mit dem Mord zu tun. Die Polizei ermittelt nicht gegen ihn.


Hannelore Metzner
interessiert das alles nicht. Sie will von der Polizei wissen, wer ihren Mann vor 17 Jahren ermordet hat und warum er sterben musste. Hannelore Metzner hofft, dass irgendwann ein Mitwisser, eine ehemalige oder aktuelle Geliebte, ein Kollege, ein Rentner, irgendwer einmal sein Schweigen bricht, um sein Gewissen zu beruhigen. Vor Gott.

Er starb mit dem Gesicht im aufgeweichten Schlamm

Am 25. Oktober 1994 wurde Dieter Metzner von einem Kollegen gefragt, ob er mit dem Auto mitfahren möchte, draußen sei es so stürmisch. Im Bericht des Deutschen Wetterdienstes ist die Rede von Regen, dichten Wolken und Südwind. Metzner sagte nein, er wollte wie immer mit dem Rad nach Hause fahren. Sein Weg führte vom Rathaus rüber ins Backumer Tal, einem Stadtpark neben Schule und Hallenbad. Um 16.40 Uhr erschossen zwei Männer an diesem Ort Dieter Metzner aus dem Hinterhalt, Sie sprangen auf sein Rad. Der letzte Schuss traf Dieter Metzner in den Hinterkopf. Der Mann aus dem Bauamt starb mit dem Gesicht im aufgeweichten Schlamm. Bis heute weiß niemand warum.

*Timur K. - Name geändert

 
 

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