Der Liebe wegen in Stasi-Haft

Burkhard Seeberg referierte im Marie-Curie-Gymnasium über seine Zeit als Gefangener der Staatssicherheit
Burkhard Seeberg referierte im Marie-Curie-Gymnasium über seine Zeit als Gefangener der Staatssicherheit
Foto: Dietmar Wäsche

Bönen. Als er seine Freundin mit in den Westen nehmen wollte, wurde er wegen „staatsfeindlichem Menschenhandels“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Gestern schilderte Burkhard Seeberg den Schülern im MCG ein Stück (ost)-deutsche Lebensgeschichte.

Insgesamt verbrachte Seeberg, seinerzeit Mitglied der DKP, 13 Monate in ostdeutschen Gefängnissen, bis ihn die Bundesrepublik schließlich 1980 freikaufte. Seit fast zwei Jahren besucht er nun schon als Zeitzeuge Schulen und andere Bildungseinrichtungen, um über seine Erlebnisse zu sprechen.

Republikfluchtversuch statt Fernbeziehung

Im Westen, genauer in Münster geboren, kam er erstmals 1973 in die DDR, als er mit Kommilitonen zu den Weltfestspielen nach Ost-Berlin reiste. Dort lernte er seine Freundin kennen, die drei geplanten Aufenthaltstage reichten nicht. Und da eine Fernbeziehung per Post für ihn nicht in Frage kam, reiste er immer wieder nach Ost-Berlin, bis er drei vollgestempelte Reisepässe vorweisen konnte.

Ein Versuch, die Freundin 1979 über Ungarn in den Westen zu schmuggeln, scheiterte, da ein Visumstempel auf dem gefälschten Reisepass fehlte. Seeberg wurde wegen „staatsfeindlichem Menschenhandel“ angeklagt, seine Freundin wegen „Republikflucht“. Sieben Monate verbrachten er und seine heutige Ehefrau gemeinsam im Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen, bis er dann in die Haftanstalt Bautzen II verlegt wurde, seine Freundin kam in ein Frauengefängnis im sächsischen Hoheneck.

„Wir hatten noch relativ gute Haftbedingungen“, erzählt Seeberg. Dass dies nicht unbedingt bedeutet, dass es ihm gut ging, musste er den Schülern nicht wirklich erzählen. Nächtliche Anwesenheitskontrolle alle zehn Minuten, enge Zellen und Transportwagen, die als Demütigung mit den Kennzeichnungen „Frisches Obst und Gemüse“ sowie „Frischfleisch“ versehen wurden.

Die Gefangenen wurden daran erinnert, dass Maschinenpistolen, welche die Wachen trugen, auch benutzt werden könnten. Dies machte den Gefangenen schnell klar, dass eine Flucht unmöglich war.

In seinen Stasi-Unterlagen, welche er 2006 einsehen konnte und von denen er mittlerweile 1600 Seiten zu Hause hat, fand er viele interessante Dokumente. So entdeckte er zum Beispiel ein Telegramm, welches Stasi-Minister Erich Mielke dem ungarischen Innenminister geschickt hat, um sich bei ihm für die Übergabe des „Menschenhändlers“ zu bedanken.

Dieses Telegramm geht durch die Reihen der Schüler, welche sich alle freiwillig für den Vortrag gemeldet hatten. Interessiert betrachteten sie die Dokumente und lauschten Seebergs Erläuterungen. Heike Harlinghausen, unter anderem Geschichtslehrerin der Oberstufe, betonte es sei „eine tolle Möglichkeit, Geschichte erlernbar und hörbar zu machen.“ Seeberg wurde 1980 nach 13 Monaten aus der Haft entlassen, seine Freundin bereits 6 Wochen vorher. „9 Jahre vor der Wende war dies unsere Wiedervereinigung“, sagt er lächelnd.

 
 

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